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«Erst letzte Woche war ich mit ihm im Ausgang»

Aktualisiert am 22.03.2012

Mohammed Merah, der mutmassliche Attentäter von Toulouse, wurde bereits einmal in Afghanistan verhaftet. Wer ist der 24-jährige, der im Raum Toulouse sieben Menschen getötet haben soll?

1/20 Die Spuren der Schiesserei sind gut sichtbar: Ein Polizist des Raid-Kommandos besichtigt die Wohnung von Mohammed Merah in Toulouse. (23. März 2012)
Bild: Keystone

   

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Anschläge in Toulouse: Eine Chronologie

Anschläge in Toulouse: Eine Chronologie
Drei Soldaten, drei Kinder und ein Rabbi wurden innert weniger Tage in Toulouse und Montauban erschossen. Der mutmassliche Attentäter wurde von einer Spezialeinheit getötet.

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Toulouse: Der Verdächtige verschanzt sich im Haus.

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Der 23-jährige Mohammed Merah aus dem Quartier Croix-Daurade in Toulouse wird verdächtigt, für das Attentat auf eine jüdische Schule und drei Soldaten verantwortlich zu sein. Über den jungen Mann werden laufend neue Details bekannt. So ist seine Wohnung vier Kilometer, also nur wenige Autominuten, von der jüdischen Schule Ozar Hatorah entfernt. Er wurde schon seit mehreren Jahren vom französischen Inlandgeheimdienst überwacht, war als religiöser Fanatiker bekannt und absolvierte offenbar eine Terrorausbildung in Pakistan. Die Nachrichtenagentur AFP schreibt von einem «Home Grown Terrorist». Merahs Werdegang sei typisch für einen radikalisierten Muslim, der in seinem Heimatland terroristische Anschläge verübe.

Laut Informationen von Lepoint.fr war Merah seit mehreren Monaten arbeitslos. Zuvor hatte er in einer Autowerkstatt als Spengler gearbeitet. Für die Polizei in Toulouse ist er zudem kein unbeschriebenes Blatt: Er fiel durch insgesamt 18 Delikte auf, einige davon Gewalttaten. Deswegen sass er 2007 und 2009 zweimal für kurze Zeit im Gefängnis. Während den Haftstrafen habe er sich dem radikalen Islam zugewandt. Ein Nachbar habe ihn in letzter Zeit dabei beobachtet, wie er auf einem Fussballplatz in der Nähe seines Hauses betete. Dies habe die Bewohner der Siedlung verunsichert.

Häufig im Ausgang

Der Sohn einer Algerierin und eines Franzosen wurde am 10. Oktober 1988 geboren. Er stammt aus einer Familie mit fünf Kindern und wuchs in einem streng islamischen Haushalt auf. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Seine Mutter war alleinerziehend. Sein 27-jähriger Bruder Abdelkader Merah arbeitete im nun von der Polizei umstellten Gebäude. Bei ihm fand die Polizei mehrere hundert Gramm Sprengstoff. Über die anderen Geschwister ist nichts bekannt. Auch Abdelkhader sei vom Inlandgeheimdienst überwacht worden, da er sich der islamischen Strömung des Salafismus zugewandt hatte und sich bei einer Reise nach Ägypten mit radikalen Islamisten traf.

Aufgewachsen ist Merah im Quartier Izards in Toulouse, wo er die Ernest Renan-Schule besuchte. Ehemalige Weggefährten beschreiben ihn als ruhig und höflich, wie Le Figaro schreibt. Zudem habe er nie von Politik oder Religion gesprochen. Laut einem Freund sei Merah nachts häufig unterwegs gewesen: «Erst letzte Woche war ich mit ihm im Ausgang». Gerüchten zufolge habe Merah zudem eine unglückliche Beziehung hinter sich und deshalb in letzter Zeit allein in einer Wohnung gelebt. Ein ehemaliger Arbeitskollege betont, Merah habe nie einen Bart getragen und nie antisemitische Aussagen gemacht. Er sei ein guter Arbeiter gewesen.

Mohammed Merah bezeichnet sich selbst als Mitglied der Terrororganisation al-Qaida. Frankreichs Innenminister Claude Guéant bestätigte, der Verdächtige sei Mitglied einer islamistischen Zelle. «Er ist ein Kleinkrimineller, der von Salafisten radikalisiert wurde», so Guéant wörtlich. «Er behauptet von sich selber, er sei ein Mujahedin.»

Terrorausbildung in Pakistan

Die Behörden bestätigten, dass Merah zweimal in pakistanische Stammesgebiete und nach Afghanistan gereist sein soll. In Pakistan habe er wohl eine Terrorausbildung erhalten. Solche Trainingscamps sind bekannt für die Ausbildung europäischer Muslime zu Terroristen.

2007 soll es zu einer Verhaftung in Kandahar, der zweitgrössten afghanischen Stadt, gekommen sein. Die afghanische Polizei habe darauf die französischen Beamten informiert, worauf Merah in die Datenbanken aufgenommen wurde. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, Merah habe eine dreijährige Haftstrafe verbüssen müssen. Ihm sei bei einem Taliban-Überfall auf das Gefängnis im Jahr 2008 die Flucht gelungen. Die spektakuläre Befreiungsaktion machte damals Schlagzeilen. Ein Selbstmordattentäter der Taliban hatte damals ein Loch in die Aussenmauern des Gefängnisses gebombt. Mehr als 1000 Extremisten gelangten in die Freiheit.

Der französische Rechtsanwalt Christian Etelin hatte Merah während Jahren in Frankreich vor Gericht vertreten. Oft ging es dabei um kleinere Delikte. Mohammed Merah sei ein «sanfter und höflicher Mensch», sagte der Anwalt in einem TV-Interview mit dem Sender BFM. Zuletzt habe er den Verdächtigen vor einem Monat gesehen, weil Merah ohne Fahrausweis ein Auto gelenkt habe.

Erfolglose Bewerbung als Rekrut

Nach Informationen von Lepoint.fr wollte Merah 2010 in die Fremdenlegion eintreten. Bereits nach dem ersten Tag sei er aber von den Militärbehörden entlassen worden. Von den regulären Streitkräften wurde sein Bewerbungsdossier 2008 wegen der vielen Vorstrafen zurückgewiesen.

«Rache für palästinensische Kinder»

Als die Polizei am Mittwoch Morgen die aus Algerien stammende Mutter des mutmasslichen Mörders zu dessen Haus brachte, verweigerte diese das Gespräch mit ihrem Sohn. Wörtlich sagte sie, sie habe zu wenig Einfluss auf ihn.

Als Motivation für seine Taten soll der 24-Jährige angegeben haben, er sei wütend auf das französische Militär wegen seiner Einsätze im Ausland. Zudem wolle er Rache für palästinensische Kinder nehmen, die im Nahen Osten getötet worden seien. Die Polizei gab an, aufgrund der IP-Adresse seines Computers die Wohnung ausfindig gemacht zu haben.

Gegen ein Uhr nachts soll Mohammed Merah am Mittwoch die Chefredakteurin des Nachrichtensenders France24 angerufen haben, um sich zu den Angriffen von Toulouse und Montauban zu bekennen. Elf Minuten lang habe Merah Details seiner Taten geschildert, darunter die Zahl der abgefeuerten Kugeln und den Waffentyp.

Während der Belagerung der Wohnung verletzte der Verdächtige drei Polizisten. Laut Angaben von TV-Teams vor Ort, habe Merah in wirren Aussagen seine Taten gestanden. Die Wohnung soll demnächst geräumt werden. Merah selbst kündigte an, am Nachmittag seine Wohnung verlassen zu wollen. Am Donnerstag Morgen verschanzte er sich allerdings weiterhin in seiner Wohnung. (mpl)

Erstellt: 22.03.2012, 06:38 Uhr

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