Energiewende: Deutschland will gleich zweimal aussteigen

Im Vergleich zur Schweiz steht Deutschland mit der Energiewende vor einer viel grösseren Herausforderung. Die Abschaltung der AKW im Jahr 2022 ist dabei der einfache Teil. Viel schwieriger wird sein, vom Kohlestrom wegzukommen.

Auslaufmodell Atomkraftwerk: Im Jahr 2022 gehen die letzten AKW in Deutschland vom Netz. Die Windenergie wird derweil immer wichtiger.

Auslaufmodell Atomkraftwerk: Im Jahr 2022 gehen die letzten AKW in Deutschland vom Netz. Die Windenergie wird derweil immer wichtiger. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für einen Politiker der Grünen war es ein besonderer Moment: Stolz löste der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller am 10. April dieses Jahres einen grossen Bolzen an einer Leitung im AKW Neckarwestheim. Der publizitätswirk­same Anlass markierte den Beginn der Rückbauarbeiten. Das AKW Neckarwestheim ist das erste Werk, das im Zeichen der neuen Energiepolitik zurückgebaut wird. Die Energiewende in Deutschland wird ­damit Realität.

Kurz nach der Atomkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 machte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre berühmte Kehrtwende. In der Folge nahm die deutsche Regierung acht Atomkraftwerke vom Netz. Darunter dasjenige in Neckarwestheim. Im Jahr 2022 werden in Deutschland die letzten AKW vom Netz gehen.

Die Schweiz dagegen geht die Energiewende gemächlicher an. Das neue Schweizer Energie­gesetz, über welches das Schweizervolk am 21. Mai abstimmen wird, enthält kein Abschaltdatum. Das Parlament will die AKW soll lange laufen lassen, wie die Atomaufsichtsbehörde diese als sicher erachtet.

Fest steht derzeit, dass das AKW Mühleberg im Dezember 2019 aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz gehen wird. Die ­Axpo will die Atomkraftwerke Beznau I und II bis etwa 2030 laufen lassen und das AKW Leibstadt bis etwa 2045. Die Betreiberin des 1979 in Betrieb genommenen AKW Gösgen will dieses so lange betreiben, wie es sicher ist. Vermutlich dürfte es ­irgendwann zwischen 2030 und 2040 abgeschaltet ­werden.

Kleiner Atom-Anteil

Deutschland steht also früher als die Schweiz vor der Herausforderung, die wegfallende Atomstromproduktion zu ersetzen. ­Allerdings ist dieser erste Schritt in der Energiewende für Deutschland einfacher als für die Schweiz. Der Atomstrom deckt rund 13 Prozent des Stromverbrauchs. In der Schweiz sind es rund 38 Prozent.

Der Vergleich: Strommix in der Schweiz und in Deutschland (2014, in Prozent)

Deutschland setzt beim Umbau des Produktionsparks massiv auf Wind- und Sonnenenergie. Das wird Besuchern aus der Schweiz sofort bewusst, wenn sie durchs Land fahren. Auf viel mehr Häusern als in der Schweiz sind Solardächer zu sehen. Und je weiter man Richtung Norden kommt, desto häufiger trifft man auf Windparks. Heute stammt schon ein Zehntel der deutschen Stromproduktion von der Windkraft und 6 Prozent von der Fotovoltaik. In der Schweiz trägt die Windenergie 0,1 Prozent zur Stromproduktion bei, die Sonnenenergie 1,2 Prozent.

Der Stromkonsument zahlt

Bei der Windenergie nutzt Deutschland seine geografische Lage. Im Norden des Landes und in der Nordsee ist das Windaufkommen relativ hoch. Bei der Sonnenergie hat Deutschland im Vergleich zur Schweiz keinen Vorteil. Aber mittlerweile sind in Deutschland 1,5 Millionen Fotovoltaikanlagen in Betrieb. Der Grund für den hohen Anteil der beiden erneuerbaren Energiequellen ist die grosszügige Alimentierung der erneuerbaren Anlagen mit Zwangsabgaben. Das war der entscheidende Treiber.

Jede Kilowattstunde wird mit einer Abgabe von 6,88 Eurocent belastet. Zum Vergleich: Das zur Abstimmung stehende Energiegesetz in der Schweiz sieht eine entsprechende Belastung von 2,3 Rappen vor. Diese Zahlen zeigen: Deutschland buttert in etwa drei Mal so viel Geld in die Energiewende wie die Schweiz es plant.

Deutschland buttert etwa dreimal so viel Geld in die Energiewende, wie die Schweiz es plant.

Diese Abgabe ist ein wichtiger Grund dafür, dass die deutschen Privathaushalte mit rund 26 Rappen pro ­Kilowattstunde deutlich mehr für den Strom bezahlen als die Schweizer Stromkonsumenten. In der Schweiz kostet die ­Kilowattstunde je nach Energieunternehmen zwischen 14 und 23 Rappen pro Kilowattstunde.

Mit dieser Abgabe kommt jährlich die stolze Summe von 25 Milliarden Euro zusammen, die an die deutschen Produzenten von erneuerbarer Energie fliessen. Diese Zahlungen erfolgen über eine Verrechnungsstelle ausserhalb des Staatshaushalts.

Windstrom wie von 40 AKW

Deutschland will die Förderung der Erneuerbaren weiter vorantreiben. So schreibt das zuständige Ministerium, dass Solaran­lagen heute zu den günstigsten Technologien zur Erzeugung von Strom gehören. Entsprechend soll der Ausbau weitergehen.

Auch die Produktionskapazitäten der Windenergie­anlagen will die deutsche Bundesregierung massiv ausbauen. Sie will beispielsweise deren Leistung von heute 4000 auf 15'000 Megawatt ausbauen. Das entspricht der Produktion von rund 40 Atomkraftwerken von der Grösse des AKW Mühleberg. Auch hier hat die Technologie grosse Fortschritte gemacht.

So plant der Energiekonzern EnBW derzeit einen Windpark in der Nordsee, der 2025 seinen Betrieb aufnehmen soll. Firmenchef Frank Mastiaux zeigte sich kürzlich gegenüber der NZZ überzeugt, dass EnBW diesen Park ohne staat­liche Fördergelder wirtschaftlich wird betreiben können. Dies, weil die neuen Wind­räder grösser sein erden und über bessere Getriebe ver­fügen werden.

Mit den Windparks gibts da aber noch zwei Probleme. Die meisten von ihnen stehen im Norden des Landes und damit am falschen Ort. Denn der Grossteil der deutschen Industriebetriebe liegt in Süddeutschland. Deshalb muss Deutschland auch ­Mil­liarden in den Ausbau der Übertragungsnetze ­investieren.

Das zweite Problem der erneuerbaren Energien besteht darin, dass Wind- und Solarstrom sogenannten Flatterstrom produzieren. Dies bedeutet, dass er produziert wird, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Das ist aber oft nicht dann, wenn der Strom gebraucht wird

Es braucht eine Reserve

Da Stromproduktion und -verbrauch aus physikalischen Gründen jederzeit gleich gross sein müssen, braucht es Anlagen, die an einem windarmen, bewölkten Wintertag einspringen können. In Deutschland sind dies vor ­allem Kohle- und Gaskraftwerke. Um diese Kapazitäten sicherzustellen, hat der Staat eingegriffen: Die Bundesnetzagentur hat es verschiedenen Energieunternehmen verboten, defizitäre Kraftwerke ausser Betrieb zu nehmen.

Eine andere Möglichkeit, Strom zu speichern, sind Batterien. Derzeit werden diese vor ­allem von Privathaushalten mit einem Solardach installiert. Für den Einsatz im grossen Stil steht die technologische Entwicklung indes erst am Anfang.

Der doppelte Ausstieg

Deutschland hat bislang die Energiewende viel entschlos­sener vorangetrieben als die Schweiz. Diese befindet sich dennoch in einer komforta­bleren ­Situation als unser nörd­liches Nachbarland. Denn Deutschland will nach dem Atomausstieg in einem zweiten Schritt die Abhängigkeit vom Kohlestrom massiv reduzieren und so den CO2 senken. Denn Kohlekraftwerke sind regelrechte Schleudern des klimaschädlichen Gases. Bis 2050 sollen deshalb mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. So strebt es die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an.

Bis 2050 sollen mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen.

Kohlestrom spielt in der Schweiz dagegen kaum eine Rolle. Über 50 Prozent des Schweizer Stroms stammt aus der Wasserkraft. Im wenig gebirgigen Deutschland sind es dagegen bloss 4,2 Prozent.

In der Energiepolitik steht die deutsche Regierung also vor einer zweifachen Herausforderung. Dies, weil sie nicht nur nach 2022 den Atomstrom, sondern längerfristig auch den Strom aus Kohlekraftwerken ersetzen will. Deutschland arbeitet an einem doppelten Ausstieg. Die Schweiz an einem einfachen, der aber auch schwierig werden könnte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.05.2017, 10:26 Uhr

Artikel zum Thema

Die SVP und die «gekauften» Bauern

Die SVP rechnet mit horrenden Kosten für die Energiewende. Die Bauern seien nur darum dafür, weil sie auf Subventionen hofften. Das hören Bauernvertreter gar nicht gern. Sie werfen der SVP umgekehrt vor, es fehle ihr an Weitsicht. Mehr...

Der Energieverbrauch sinkt, noch bevor die neue Energiestrategie wirkt

Dank Technik und Strukturwandel hat die Energiewende in der Schweiz bereits begonnen. Ungewiss bleibt, ob die politische Strategie langfristig hält, was sie verspricht. Mehr...

Die lange Halbwertszeit der Energiewende

François Hollande hat die Schliessung des AKW in Fessenheim versprochen. Doch nun läuft seine Amtszeit ungenutzt ab. Sein Versuch, Nuklearindustrie und Umweltschützer zufriedenzustellen, wird für alle Seiten zum Desaster. Mehr...

Von Digital bis Classic

Auf allen Kanälen. Hier bestellen!

Kommentare

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Sprung ins kühle Nass: Das warme Wetter zieht die Leute in Zürich nach Draussen (25. Mai 2017).
(Bild: Walter Bieri) Mehr...