Die neue Prinzen-Rolle
Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 13.10.2009
Sie nennen ihn Prince Jean. Oder Baron. Und das ist gar nicht so nett gemeint. Jean Sarkozy, 23 Jahre alt, frisch vermählt mit der Tochter eines reichen Unternehmers, gross gewachsen und fein gekleidet, hat das Haar, das zu einem Märchenprinzen passt, zu einem jungen Fürsten. Er trägt sein blondes Haar lang, frisiert es gerne mit etwas Gel nach hinten. Wenn er den Kopf in den Nacken wirft, was er oft und mit einiger Theatralik tut, dann legt sich die Mähne, eine Löwenmähne, auf den dunklen Kragen seines Anzugs. Für einen Studenten der Rechtswissenschaften der Sorbonne, zweites Jahr, ist der junge Mann ausnehmend gut gekleidet. Weit, weit weg scheinen die Jahre, da es noch zum guten Ton gehörte, gerade an der Sorbonne, dass man die beruflichen Ambitionen mit einem modischen Understatement kontrastierte.
Bei Jean Sarkozy, dem jüngeren Sohn aus der ersten Ehe von Nicolas Sarkozy, dem Präsidenten der Republik, ist eben vieles anders als bei anderen jungen Männern selben Alters. Viel zu viel, wenn man die Aufregung, die nun wegen des neusten Karriereschritts des «fils à papa» («Le Monde») gerade durch Frankreich schwappt, richtig deutet. Jean soll nämlich in einigen Wochen Chef einer Behörde werden, die das Pariser Geschäftsviertel La Défense verwaltet, also jenes Quartier am westlichen Rand der Hauptstadt, wo rund um einen modernen Triumphbogen aus Stahl und Glas (eine kalte Replik des alten Arc de Triomphe) viele nationale und internationale Firmen ihren Sitz haben.
Einige Zahlen: 2500 Unternehmen sind es mit insgesamt 150 000 Mitarbeitern, die sich 3,3 Millionen Quadratmeter Bürofläche teilen. Das Etablissement public d’aménagement du quartier d’affaires de la Défense (Epad), dessen Präsident der junge Sarkozy nun also werden soll, bewirtschaftet das gesamte Viertel und setzt damit jedes Jahr 1 Milliarde Euro um. Wenn das mal keine nette Aufgabe ist für einen Studenten im zweiten Jahr Jus. Unsereins trug Gepäck für die nationale Fluggesellschaft oder verteilte Zeitungen zur Abrundung karger Monatsenden.
Vetternwirtschaft auf die Spitze getriben
Einen Lohn erhält Jean Sarkozy für den Job zwar nicht, dafür aber eine ganze Menge Macht. Der Posten gilt als Sprungbrett, als formidables Schaufenster. Der Protest der politischen Gegner ist entsprechend gross. Es läuft eine Petition, um das Unvermeidliche zu verhindern. Man wirft den Sarkozys vor, sie gerierten sich wie eine Erbdynastie, sie trieben die ohnedies schon weit verbreitete Vetternwirtschaft auf die Spitze. Da hilft auch der Hinweis wenig, Jean Sarkozy sei ein Ratsmitglied im Parlament des Departements Hauts-de-Seine, zu dem La Défense gehört, und – wie einst der Vater – und amte dort als Anführer der bürgerlichen Regierungsmehrheit.
Man darf nämlich annehmen, dass der prominente Name die Wahl des Sprösslings begünstigte. Und dass der Name Sarkozy nun bei der «total einstimmigen» Nominierung unter den Ratskollegen wieder recht entscheidend gewesen ist. Was dem Prinzen gefällt, kann dem König nicht missfallen – dem republikanischen König im Elysée. Als man Jean Sarkozy fragte, ob er sich denn die grosse Aufgabe überhaupt zutraue, ob er erfahren genug sei für den Posten, da sagte er: «Ja, die Herausforderung gefällt mir.» Wahrscheinlich warf er dazu den Kopf in den Nacken, beschwingt von der entwaffnenden Leichtigkeit des jungen Dynasten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2009, 07:46 Uhr
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