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Die Schüler mussten mit den Patres unter die Dusche

Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 19.02.2010

Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche in Deutschland immer heftiger. Die steigenden Zahlen offenbaren, dass es sich nicht um vereinzelte Verfehlungen handelt.

Bundesweit bisher 115 Betroffene: Das Berliner Canisius-Gymnasium ist ebenfalls betroffen.

Bundesweit bisher 115 Betroffene: Das Berliner Canisius-Gymnasium ist ebenfalls betroffen.
Bild: Keystone

Immer mehr Opfer, immer mehr Täter. Was als Missbrauchsskandal in einem katholischen Berliner Gymnasium begann, weitet sich aus. «Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war», sagte Anwältin Ursula Raue gestern Donnerstag.

Sie untersucht im Auftrag des Jesuitenordens die Missbrauchsfälle. Bereits haben sich 115 Opfer gemeldet. 12 Mitarbeiter von Jesuitenschulen werden belastet. Auch 2 Frauen stehen unter Verdacht, sich an Kindern vergriffen zu haben. Das Spektrum des Missbrauchs reicht von peinlichen Befragungen über unsittliche Berührungen bis hin zu Schlägen.

Die meisten Taten fanden vor Jahrzehnten statt und sind längst verjährt. Die steigenden Zahlen offenbaren, dass es sich nicht um vereinzelte Verfehlungen handelt. Offenbar begünstigen die konservativen Strukturen der Jesuiten-Schulen Missbräuche. Auch Anwältin Raue beklagt dies. Die Ordensleitung habe sich zwar jeweils um die Geistlichen gekümmert, nicht aber um die Opfer. «Eine Befassung mit der Seelenlage der anvertrauten Kinder und Jugendlichen habe ich bei dem Aktenstudium vermisst.»

Täter wurden gedeckt

Wie verheerend das System des Vertuschens war, zeigt sich im Berliner Canisius-Gymnasium. Dort berichteten bereits 1981 Zöglinge vom Missbrauch. Zwei Patres sollen mit den Schülern gemeinsam geduscht und «sexuelle Leistungen» abgepresst haben. Wer schulisch weiterkommen wollte, musste dies über sich ergehen lassen. Auf Schulreisen zeigte einer der Ordensmänner den Jugendlichen pornografische Bilder; auch mussten die Zöglinge Auskunft darüber geben, wie oft sie onanieren.

Doch auf die Hilferufe der Opfer reagierte niemand. Als einer der Patres 1991 aus dem Orden austrat, gab er die Übergriffe selber zu. Er sprach von einem «exzessiven körperlichen Bestrafungsritual». Die Jesuiten gewährten ihm Diskretion, das Geständnis blieb unter Verschluss. Auch in anderen Fällen hat die fromme Bruderschaft Sexualtäter offenbar jahrelang gedeckt.

Das wollen die Jesuiten nun ändern. «Das Schweigen brechen», formuliert es der Canisius-Rektor Klaus Mertes - und gibt sich selbstkritisch. Die Gefahr neuer Übergriffe sei nie ganz auszuschliessen. Es gebe in katholischen Privatschulen Mängel in der Sexualpädagogik und ein «zu autoritäres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern».

Bischof klagt Zeitgeist an

Nicht die ganze Kirche sieht das so. Der erzkonservative Augsburger Bischof Mixa sieht in der «sogenannten sexuellen Revolution» der späten 60er-Jahre eine Ursache für die Missbräuche. Schliesslich sei damals von «progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert worden.

Der bekannte Kirchenkritiker Eugen Drewermann glaubt dagegen, dass die katholische Kirche selber die Hauptlast der Schuld trägt. «Ihr kardinaler Fehler besteht darin, ihre Kleriker zu nötigen, zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu Menschen alternativisch zu wählen», sagte er mit Blick auf das Zölibat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2010, 10:28 Uhr

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