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Die Linke will die Lücke rasch füllen

Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 25.01.2010

Der Rückzug ihres Co-Vorsitzenden Oskar Lafontaine ist für die deutsche Linkspartei ein schwerer Schlag. Ihr Aufstieg war massgeblich sein Verdienst.

Oskar Lafontaine verabschiedet sich am Samstag von der Berliner Szene. Er bleibt nur noch Fraktionschef im Saarland.

Oskar Lafontaine verabschiedet sich am Samstag von der Berliner Szene. Er bleibt nur noch Fraktionschef im Saarland.
Bild: Reuters

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Oskar Lafontaine hat einen Schlussstrich gezogen. Er kandidiert nicht mehr für das Amt des Parteichefs. Der 66-Jährige leidet an Prostatakrebs, er musste sich bereits einer Operation unterziehen. Noch sei ungewiss, sagte er am Samstag in Berlin, ob die Krankheit besiegt sei. Weitere Behandlungen seien nötig. «Der Krebs war ein Warnschuss, den man nicht so ohne Weiteres wegstecken kann.»

Der Rückzug von Lafontaine hinterlässt bei der Linken ein Machtvakuum. Dazu kommt, dass der bisherige Co-Vorsitzende Lothar Bisky ebenfalls nicht mehr antritt. Die Partei will die Nachfolge-Frage möglichst rasch klären. Bereits am Montag kommen die Spitzengenossen zusammen. Es werde «eine superlange Nacht von Gesprächen geben», prophezeit ein Insider. In der Partei tobte in jüngster Zeit ein Richtungskampf zwischen Pragmatikern und orthodoxen Ideologen. Vor allem in den neuen Bundesländern will die Partei mitregieren und ist auch zu Kompromissen bereit. Im Westen dagegen geben radikale Dogmatiker den Ton an.

Nun könnte sich der Konflikt weiter verschärfen. Entscheidend wird sein, welches Lager wichtige Posten besetzen kann. Fraktionschef Gregor Gysi ist derzeit wohl die wichtigste Figur – und einer der wenigen, der in West und Ost akzeptiert wird. Doch auch die Kräfte des quirligen Anwalts sind begrenzt. Er hat schon drei Herzinfarkte erlitten. Gysi macht sich offenbar keine Illusionen darüber, wie schwer es Die Linke haben wird ohne ihren bisherigen Vorsitzenden. «Oskar Lafontaine ist unersetzbar», sagte er in Berlin.

Einer der besten Redner

Mit Lafontaines Abgang findet eine der bewegtesten deutschen Politikerkarrieren ein vorläufiges Ende, zumindest auf Bundesebene. Der studierte Physiker ist rasant aufgestiegen. Noch 1983 Oberbürgermeister in Saarbrücken, fordert er sieben Jahre später als SPD-Kanzlerkandidat Helmut Kohl heraus.

Kaum ein Politiker in Deutschland kann so gut reden wie Lafontaine, kaum einer hat ein so feines Gespür für Themen und Stimmungen. Erfolg und Tiefschläge wechseln sich ab in seinem politischen Leben. Während des Wahlkampfes 1990 verletzt ihn eine geistig verwirrte Frau mit einem Messerstich in den Hals. Ein berühmtes Foto zeigt ihn am Boden liegend, das Gesicht schmerzverzerrt, zwei Männer eilen ihm zu Hilfe. Doch typisch für Lafontaine: Er erholt sich schneller, als gedacht. Sein Aufstieg geht weiter, langsam, aber stetig. Ein anderes berühmtes Foto zeigt den vielleicht grössten Triumph. Oskar Lafontaine mit Gerhard Schröder und dem Grünen Joschka Fischer nach dem Wahlsieg 1998. Rot-Grün ist an der Macht, die drei Männer halten Champagnergläser in der Hand, lachen. Nur Monate später tritt Lafontaine als SPD-Chef zurück. Völlig überraschend und im Streit. Seine Gegner sagen, er sei machtbesessen, herrschsüchtig. Die Narben dieses Zwists werden nie verheilen.

Einprägsam und populistisch

Lafontaine gründet später Die Linke. Er schmiedet aus enttäuschten Sozialdemokraten, linken Sektierern und einstigen DDR-Genossen eine neue Partei. Das Programm trägt Oskar Lafontaines Handschrift, einprägsam und populistisch: Nein zum Krieg in Afghanistan, Nein zu Rente mit 67, Nein zu Hartz IV. Es kommt gut an. Die Linke macht bei der Bundestagswahl vom vergangenen September 11,9 Prozent der Stimmen.

Jetzt aber verabschiedet sich Lafontaine von der Berliner Szene. Gesundheit ist wichtiger als die Politik. Aktiv bleiben will er einzig in seiner saarländischen Heimat – als Chef der Linke-Fraktion im örtlichen Landtag.

Selbst der politische Gegner zollte ihm am Wochenende Respekt. FDP-Chef und Aussenminister Guido Westerwelle fasste in Worte, was wohl viele in Berlin empfanden: «So sehr ich Oskar Lafontaine politisch bekämpft habe, so sehr bedauere ich den Anlass seiner Rückzugsentscheidung.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2010, 04:00 Uhr

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