Die Gerhard Schröder AG

Von David Nauer, Erlangen. Aktualisiert am 10.03.2010 2 Kommentare

Ein Alt-Kanzler versilbert sein Adressbuch und verdient mehr denn je. Der Geschäftsmann Gerhard Schröder ist so erfolgreich wie einst der Politiker.

Wo persönliche Beziehungen fürs Geschäft entscheidend sind, hat der frühere deutsche Regierungschef Gerhard Schröder seinen grossen Auftritt.

Wo persönliche Beziehungen fürs Geschäft entscheidend sind, hat der frühere deutsche Regierungschef Gerhard Schröder seinen grossen Auftritt.
Bild: Keystone

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Mit Schwung greift er sich ein Sektglas, grinst, Fotokameras blitzen. Es ist ein früher Abend in Erlangen, Nordbayern. Ein Anlass der Universität. Alt-Kanzler Gerhard Schröder hat soeben eine Stunde lang gesprochen: über Obama (hat das Image Amerikas verbessert), China (darf man nicht immer nur kritisieren), die EU (sollte sich mit Russland verbünden). Er hat die Welt erklärt – das Publikum war begeistert. Jetzt ist Zeit für Sekt. Prost!

Keinem deutschen Politiker ist der Sprung in die Privatwirtschaft so geglückt wie Gerhard Schröder. Auf 1,5 Millionen Euro schätzte jüngst das «Manager Magazin» das Jahresgehalt des 65-jährigen Sozialdemokraten. Das sind sechsmal mehr, als Kanzlerin Angela Merkel verdient.

50'000 Euro für Auftritte

Schröder ist heute in der Gas- und Ölbranche daheim, er arbeitet für einen Medienkonzern sowie eine Bank. 250'000 Euro soll er allein von Nord Stream kassieren, dem kremlnahen Pipeline-Bauer mit Hauptgeschäftsstelle im schweizerischen Zug. Rund 200'000 Euro zahlt angeblich TNK-BP, ein russisch-britischer Ölkonzern. Die Investmentbank Rothschild & Cie. entlöhne den Ex-Kanzler mit 50'000 Euro, heisst es. Dazu kommen geschätzte 150'000 Euro vom Zürcher Medienunternehmen Ringier. Auch das Reden lässt sich Schröder vergolden. Bis zu 50'000 Euro soll er für einen Auftritt verlangen.

Aufgewachsen in ärmsten Verhältnissen als Sohn einer Kriegswitwe, hat Schröder es jetzt also auch in der Wirtschaft ganz nach oben geschafft. Und er lässt es sich gut gehen. Legendär war schon zu Kanzlerzeiten seine Liebe für teure Zigarren und Anzüge. Heute liegt sein Büro an Berlins Prachtstrasse Unter den Linden, er residiert in Berlin, Hannover und auf der Ferieninsel Borkum.

Kein Büro mehr in Zürich

Wie aber arbeitet Schröder? Mit dem «Tages-Anzeiger» wollte er darüber nicht reden. Das «würde nicht mit den Aufgaben gegenüber dem Ringier-Verlag harmonieren», richtet sein Büro aus. Im «Manager Magazin» bezeichnet er seinen Job als «Beratung an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Politik». Da könne er seine «in der Politik erworbenen Kenntnisse» besser umsetzen «als am Amtsgericht Hannover», witzelt der Jurist.

Schröder versilbert also sein Adressbuch aus der Kanzlerzeit. Er verkauft die Kontakte. Der Russe Wladimir Putin, der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, Parteikader aus Peking: Sie alle sind seine Freunde – und der Grund, warum ihn die Firmen anheuern.

Beispiel Ringier: Es war der erste Job, den Schröder nach der Abwahl als Kanzler annahm. Das Medienhaus spricht von einem «privaten Mandat», das Schröder für Verleger Michael Ringier ausübe. Der Alt-Kanzler berate ihn «in politischen und internationalen Fragen». Dem Vernehmen nach vermittelte Schröder dem Verleger wichtige Termine in China. Ringier vertreibt im Reich der Mitte Reiseführer, produziert Magazine für örtliche Fluggesellschaften. Weil das Geschäft ausgebaut werden soll, braucht es Schröder. Der öffnete dem Konzern die Tür zum Politbüromitglied, das für Verlagswesen und Propaganda zuständig ist. Ringier erhielt eine Audienz. Der Verleger ist offenbar zufrieden mit seinem Mitarbeiter. «Es funktioniert wunderbar mit ihm, wir haben es spannend zusammen», sagte Ringier einmal dem «Spiegel». Sein Büro an der Dufourstrasse hat Schröder allerdings schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Angeblich war eigens ein Arbeitsplatz eingerichtet worden – unter anderem mit schusssicherem Panzerglas. Nach nur einem Jahr soll er diesen wieder geräumt haben. Grund: Schröder habe nicht in der Schweiz Steuern bezahlen wollen, berichtete die «Süddeutsche Zeitung». Dies hätte dem AltKanzler in Deutschland den Vorwurf eingebracht, ein Steuerflüchtling zu sein.

Beispiel TNK-BP: Seit gut einem Jahr sitzt Schröder im Aufsichtsrat des Ölkonzerns. Die Firma war in Nöte geraten, weil sich die Eigentümer – russische Oligarchen und die britische BP – ständig stritten. Seit Schröder für einen Ausgleich sorgt, herrscht Ruhe. TNK-BP ist nun zudem vor den Gelüsten des russischen Staates geschützt: Keine Behörde wird es wagen, eine Firma zu drangsalieren, bei der Putin-Freund Schröder arbeitet.

Schröder unterhält mit Vorliebe Geschäftsbeziehungen zu nicht westlichen Staaten: China, Russland, auch der arabische Raum. Wo persönliche Beziehungen für das Geschäft entscheidend sind, hat er den grossen Auftritt. Er kann Menschen für sich einnehmen, überzeugen, begeistern. Früher waren es die Wähler, jetzt sind es die Geschäftspartner.

«Wer meint er müsse mein Leben kritisieren, kann mich mal!»

Dazu kommt sein Gespür für das Ambiente. Die Verhandlungen über das Pipeline-Projekt Nord Stream führte er ungern in der grauen Moskauer Gasprom-Zentrale. Er bevorzugte ein kleines Restaurant unweit des Kremls, wie Augenzeugen berichten. Mit an der ungezwungenen Tafel sassen regelmässig die Spitzen des russischen Staates, unter anderem Dmitri Medwedew, der heutige Präsident. Auch Igor Setschin war dabei, ein ehemaliger Geheimdienstler, der nun als graue Eminenz des Kremls die Energiebranche lenkt. Die Kellner mochten diese Herrenrunde, es gab stets grosszügig Trinkgeld.

Schröders Art zu geschäften ist freilich manchmal eine Gratwanderung. Wo hört die Freundschaft auf? Wo beginnt die Klüngelei? Gerade Nord Stream zeigt das Dilemma. Das Projekt steht unter der Kontrolle des russischen Gasprom-Konzerns. Schröder hatte sich als Kanzler dafür eingesetzt und war nur wenige Wochen nach seiner Wahlniederlage 2005 in den Dienst der Firma getreten. Angeboten hatte ihm den Job Freund Putin. War das unanständig? Hätte Schröder eine Schamfrist einhalten sollen? Viele in Deutschland fanden: ja.

Schröder selbst reagiert gereizt auf solche Fragen: «Wenn ich für ein amerikanisches Grossunternehmen tätig wäre, würden mir Lorbeerkränze geflochten», sagte er der «Zeit». Für die Arbeit mit russischen Firmen bekomme man dagegen nur Kritik, auch wenn sie im deutschen Interesse sei. Er habe nichts getan, was nicht rechtmässig sei. «Jenseits dessen ist es mein Leben und meine Freiheit. Und wer da meint, er müsse das kritisieren, der kann mich mal.»

Heikle Nähe zu den Mächtigen

Starke Worte. Aber die Nähe zu den Mächtigen Russlands oder Chinas kratzt nun mal an der Glaubwürdigkeit von Schröders politischer Analyse, und die fällt allzu oft Autokraten gegenüber wohlwollend aus. Noch als Kanzler hatte er Putin als «lupenreinen Demokraten» bezeichnet, im Georgienkrieg von 2008 nahm er die Moskauer Freunde in Schutz.

Ähnlich die Tonalität beim Auftritt in Erlangen. Schröder beklagt antirussische Reflexe in Osteuropa. Und die Menschenrechtskritik an Peking sei «zu einseitig». Immerhin habe es das Land geschafft, «als Vielvölkerstaat die Einheit zu bewahren».

Da beisst sich Schröders Interpretation mit der seiner Parteifreunde. Die forderten einst gar Wirtschaftssanktionen gegen China, da es die Tibeter unterdrückt.

Doch die SPD hat ohnehin ein schwieriges, ja traumatisches Verhältnis zu ihrem ehemaligen Vorsitzenden – nicht nur wegen dessen aussenpolitischen Positionen. Viele Genossen glauben, Schröder habe mit seinen Reformen sozialdemokratische Ideale verraten. Hartz IV – dieses rot-grüne Grossprojekt – ist zum Sinnbild für soziale Kälte in Deutschland geworden. Umso übler nehmen die Genossen ihrem ehemaligen Chef, dass er inzwischen mit den Privatjets seiner Auftraggeber um die Welt fliegt, während sie sich im Jammertal der Opposition abmühen.

Der Abend an der Universität Erlangen neigt sich dem Ende zu. Schröder ist längst abgerauscht. Vor der Tür stehen zwei Studenten und rauchen. «Hast du eigentlich Schröders Limousine gesehen?», fragt der eine. «Nein», sagt der andere, «steht „Gasprom“ drauf?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 04:00 Uhr

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2 Kommentare

Bruno Bänninger

10.03.2010, 14:43 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Hat der Mann irgend einem Menschen, Gemeinschaft oder seinem Staat geschadet? Wer Kritik mit primitiven Anspielungen auf seine Anzüge, Zigarren etc. macht und glaubt ein Mensch mit seinen Talenten, Fähigkeiten, Erfahrungen und Verbindungen hätte der Welt nichts mehr zu sagen sondern müsse daumendrehend zu Hause sitzten beweist nichts, aber auch gar nichts anderes als seinen grenzenlosen Neid. Antworten


Heinz Butz

10.03.2010, 09:44 Uhr
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Diese Klüngelei ist doch bei uns auch nicht anders. Ehemalige BR. SR und NR finden sofort mehrere lukrative VR-Mandate in grossen Industrieunternehmen, wo sie Millionen verdienen. Soviel zur Unabhängigkeit von Politikern. Geld regiert halt nun einmal die Welt.....noch. Antworten



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