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Die Bomben erschüttern das schwedische Gesellschaftsmodell

Von Bruno Kaufmann, Stockholm. Aktualisiert am 14.12.2010 4 Kommentare

Nach dem Attentat im Stockholmer Zentrum fürchtet das Land um seine friedliche Offenheit.

Galt als Muster-Einwanderer: Von einer islamistischen Website verbreitetes Foto des Attentäters Taymur Abdulwahab.

Galt als Muster-Einwanderer: Von einer islamistischen Website verbreitetes Foto des Attentäters Taymur Abdulwahab.
Bild: AFP

Gerade einmal 100 Meter von der Stelle entfernt, an der sich am Samstagnachmittag der 29 Jahre alte Taymur Abdulwahab in die Luft jagte, ereignete sich vor einem Vierteljahrhundert ein Ereignis, das Schweden veränderte. Am 28. Februar 1986 schaute sich der sozialdemokratische Ministerpräsident Olof Palme gemeinsam mit seiner Frau Lisbeth den Film «Mozart Brothers» an und spazierte anschliessend auf dem Sveavägen nach Hause. Die Leibwächter hatte er nach Hause geschickt. An einem Fussgängerstreifen trat plötzlich ein unbekannter Mann vor ihn hin und erschoss den Regierungschef. Schweden verlor an diesem Winterabend seine politische Unschuld. Seither sind die Türen aller führenden Politiker mehrfach gesichert und die staatliche Sicherheitspolizei bewacht jede halbwegs öffentliche Veranstaltung eines nationalen Abgeordneten.

Und jetzt passiert dies: Auf der unterdessen in Olof-Palme-Strasse umbenannten Allee in der Stockholmer Innenstadt bewegte sich am späten Samstagnachmittag Taymur Abdulwahab in Richtung Åhlens-Einkaufszentrum. Dort wollte er gemäss Angaben des Stockholmer Oberstaatsanwalts Thomas Lindstrand vom Montag einen Rucksack mit einer Splitterbombe in ein Schliessfach legen. «Offensichtlich hatte er vor, sich anschliessend zum Hauptbahnhof zu begeben und von dort aus die Bombe per Fernzünder hochgehen zu lassen», sagte Lindstrand. Und es sollte noch viel schlimmer kommen. Denn der Attentäter trug nicht weniger als zwölf Rohrbomben auf sich. Das, so Lindstrand, hätte «ein ganz schlimmes Blutbad geben können».

«Fast wie Sciencefiction»

Der Gewaltbereitschaft des jungen Mannes, der vor 20 Jahren als Flüchtling aus dem Irak nach Schweden gekommen war und hier gut aufgenommen wurde, schockt das Land. Auch der zuständige Chef der Sicherheitspolizei, Anders Thornberg, kann es kaum glauben: «Das wirkt wie Sciencefiction», erklärte er an der Medienorientierung vom Montag. Diese Aussage mag fast ein Jahrzehnt nach den schweren Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA naiv wirken, macht aber deutlich, dass sich Schweden bislang nicht von der Antiterrorhysterie benachbarter Staaten, die wie in Dänemark oder Grossbritannien zu starken Einschränkungen der demokratischen Freiheiten führte, hat anstecken lassen: «Wir wollen und müssen zu unserer offenen Gesellschaft Sorge tragen», betonte Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt gestern schon fast beschwörend.

Die offensichtliche Hilflosigkeit angesichts der Beinahe-Katastrophe vom Wochenende hängt aber auch mit dem Werdegang des ersten Selbstmordattentäters des Landes zusammen: Als Maturand galt er nämlich zusammen mit seiner Familie als Muster-Einwanderer – mit guten Zeugnissen, sportlichen Spitzenleistungen und einem grossen Freundeskreis. «Hier kennt jeder jeden», erinnert sich ein ehemaliger Schulkamerad in der südschwedischen Kleinstadt Tranås, wo Taymur Abdulwahab aufwuchs, und fügt hinzu: «Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der liebe Taymur eine solche Tat begehen wollte.»

Die letzten Jahre verbrachte der ausgebildete Krankenpfleger jedoch nicht mehr im idyllischen Südschweden, sondern in Luton nördlich von London in Grossbritannien. Dort schloss er sich offensichtlich einer islamistischen Vereinigung an und absolvierte mehrere Trainingslager in Pakistan. Weder die britische noch die schwedische Polizei nahm davon Kenntnis – und deshalb konnte Taymur Abdulwahab unerkannt in diesem Sommer nach Schweden zurückkehren, um seine letzte Tat vorzubereiten.

Drohender Polizeistaat

Nun fahndet die Polizei nach Helfern des Attentäters: «Ganz alleine konnte er ein solches Attentat nicht vorbereiten», ist Staatsanwalt Lindstrand überzeugt. Einen Paradigmawandel, der Schweden zum Operationsgebiet islamischer Extremisten macht, möchte das Land aber nicht wahrhaben. Doch trotz entgegengesetzter Beteuerungen von höchster Stelle steht Schweden nach dem ersten Selbstmordattentat vor einem neuen Entwicklungsschritt: weg von der friedlichen Offenheit – hin zu einem von Misstrauen beherrschten Polizeistaat. Vor 25 Jahren verlor das Land mit dem Palme-Mord die politische Unschuld – jetzt steht eine ganze Gesellschaftsidee auf dem Spiel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2010, 23:20 Uhr

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4 Kommentare

Astrid Meier

14.12.2010, 09:31 Uhr
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Ganz allein konnte er das Attentat nicht vorbereitet haben: cherchez die Geheimdienstler, welche mit ihm zusammengearbeitet haben. Bis jetzt war bei jedem Attentat einer involviert. Dass er ausgerechnet im dem gut überwachten England einen Anschlag vorbereiten kann ist ziemlich seltsam. Antworten


Christoph Gruber

14.12.2010, 08:51 Uhr
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Ein Iraker erhält Asyl in Schweden. Schutz , Unterkunft, Geld. Weil sein Gastland in einem anderen Land - Afghanistan - das er nicht einmal kennt, Unschuldige schützt und und weil ein Karikaturist seines Gastlandes von der im Westen üblichen Meinungsäusserungsfreiheit Gebrauch macht, will der Iraker Tod und Verderben über sein Gastland bringen. "Terrorhysterie"? Antworten



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