Deutsche wollen nicht für die Griechen bluten
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 25.02.2010
Deutsch-griechischer Medienkrieg I: Die griechische Liebesgöttin Aphrodite mit Stinkefinger auf dem Titel des «Focus».
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Über die Medien geben sich die Griechen und die Deutschen aufs Dach. Die Griechen sind empört über das Titelbild der Zeitschrift «Focus», das neben dem Titel «Betrüger in der Eurofamilie» eine griechische Aphrodite-Statue zeigt, die den Stinkefinger zeigt. Hintergrund ist die Schuldenkrise des Balkanstaats und die Erwartung, dass letztlich Deutschland dem Balkanstaat beispringen soll.
Bei einer Rettung der tief verschuldeten griechischen Wirtschaft werden die Deutschen eine Hauptrolle spielen müssen. Deutschland ist das wirtschaftlich mächtigste Land Europas. Laut der «Financial Times Deutschland» (FTD) bastelt die deutsche Regierung zusammen mit anderen Euroländern bereits an einem Hilfspaket im Umfang von 20 bis 25 Milliarden Euro. Es soll sich sowohl aus Krediten und Garantien zusammensetzen.
Mehrheit gegen ein Hilfspaket
Diese Hilfe für die Griechen kommt aber in der deutschen Bevölkerung nicht gut an. Gemäss einer Umfrage sind fast zwei Drittel der Deutschen dagegen. Die Schuldenkrise hat das Klima zwischen den beiden Ländern schon ziemlich vergiftet: «Dagegen wirkt der Steuer-CD-Konflikt mit der Schweiz beinahe wie Kinderkram», schreibt die FTD.
Die Ablehnung hat weniger mit Vorurteilen gegenüber den Griechen zu tun, als vielmehr mit alten Ängsten um die Währung: Vor der Einführung der Währungsunion waren gemäss Umfragen die meisten Deutschen gegen die Einführung des Euro. Ein Referendum dazu hat die Regierung damals wohlweislich nicht durchgeführt.
Solche Länder wollte man nicht dabei haben
Die deutsche Mark war vor dem Euro die stabilste Währung Europas und daher auch die Leitwährung des Kontinents. Nach der traumatischen Erfahrung mit einer Hyperinflation in den 1920er Jahren war die Stabilität ihrer Währung den Deutschen heilig. Die Angst war gross, dass Länder, die es mit den Finanzen nicht so genau nehmen, dem Wert einer neuen Gemeinschaftswährung hart zusetzen werden.
Schon in den 90er Jahren schrieb deshalb der heutige Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, Paul Krugman, die strengen Aufnahmekriterien in den Euro-Klub seien nur formuliert worden, um Ländern wie Italien den Zutritt zu verwehren. Italien wurde trotzdem aufgenommen, obwohl es die Vorgaben nicht erfüllt hat, das gilt auch für Griechenland. Geholfen hat dabei eine Schummelei in den Statistiken.
Die Deutschen konnten ihr Mitmachen bei der eigenen Bevölkerung nur rechtfertigen, weil sie versprachen, dass der Euro sozusagen zur europaweiten deutschen Mark wird. Nicht zufällig ist der Hauptsitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Jetzt lassen die aktuellen Probleme in Griechenland in Deutschland die alten Ängste wieder aufleben. Die einstigen Kritiker sehen sich bestätigt.
Keine Frühpensionierung auf deutsche Kosten
Auf Widerstand stösst eine Unterstützung an Griechenland in Deutschland aber auch angesichts der desolaten Lage der eigenen Finanzen. Ein Streit um die Sozialausgaben lässt gerade die Wogen hochgehen. Es dürfte den Deutschen daher schwer zu vermitteln sein, weshalb sie dafür zahlen sollen, damit ein Athener mit 54 in Pension gehen kann, schreibt der britische «Economist».
Geschadet hat der Euro den Deutschen allerdings nicht. Weil sie produktiver sind als die südeuropäischen Länder, sind sie auf den internationalen Märkten im Vergleich zu diesen noch wettbewerbsfähiger geworden. Die Länder im Süden konnten einst wenigstens ihre Währung abwerten, um billiger anbieten zu können. Jetzt bleibt ihnen nur noch das harte Senken von Löhnen und Kosten, um mithalten zu können.
Antideutsche Reflexe in Griechenland
Kein Wunder sind die Griechen alles andere als erbaut über die Forderung der europäischen Genossen nach harten Einschnitten. Das Bild des hässlichen Deutschen hat dort wieder Hochkonjunktur. Als Reaktion auf das Stinkefinger-Titelbild des deutschen «Focus» brachte die griechische Zeitung «Eleftheros Typos» eine Fotomontage der Göttin Viktoria auf der Berliner Siegessäule, die ein Hakenkreuz hält. Einige Politiker fordern bereits Reparationszahlungen aus dem zweiten Weltkrieg (siehe «Artikel zum Thema»). Die deutsche Wehrmacht hat damals Griechenland besetzt. Deutschland hat laut einem Regierungssprecher im Jahr 1960 115 Millionen Deutsche Mark als Reparationszahlungen an Griechenland bezahlt. Von weit grösserer Bedeutung ist allerdings die Summe, die die Deutschen als Nettozahler der Europäischen Union als Unterstützungszahlen an die Griechen überwiesen haben: Seit 1960 sollen es etwa 33 Milliarden Deutsche Mark gewesen sein.
Die Reaktion der Griechen dürfte jedenfalls die Bereitschaft der Deutschen kaum erhöhen, Griechenland aus dem Sumpf zu retten, in den sich das Land selbst verschuldet begeben hat. Die Reaktionen auf die Forderungen nach einem harten Sparkurs lassen auch an seinem Erfolg zweifeln. Wenn in Griechenland die Ausländer für die eigene Misere verantwortlich gemacht werden, werden sich die harten Einschnitte politisch nur schwer durchsetzen lassen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.02.2010, 13:01 Uhr
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