Der machthungrige Anwalt der Armen
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 23.01.2010
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Stationen des Oskar Lafontaine
Geboren 1943 in Saarlouis
1966: Eintritt in die SPD
1970 bis 1975: Abgeordneter im Landtag des Saarlands
1974 bis 1985: Bürgermeister von Saarbrücken
1985 bis 1998(mit Unterbrüchen): Ministerpräsident des Saarlands
1989: Leiter der SPD-Kommission, die das Berliner Programm ausarbeitet: für Abrüstung, Gleichstellung der Frau, Sozialstaat
1990: Kandidat als Bundeskanzler. Wird während eines Wahlkampfauftritts von einer psychisch kranken Frau angegriffen und mit einem Messer lebensgefährlich verletzt.
1992: Der «Spiegel» enthüllt, dass Lafontaine aufgrund unklarer rechtlicher Regelungen zu viel Pensionsgelder bezogen hatte. Lafontaine zahlt über 200'000 Mark zurück.
1995: Bundesvorsitzender der SPD
1998: Bundesfinanzminister
1999: Erste Spannungen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Lafontaines keynesianische Wirtschaftspolitik kritisiert. Schliesslich der Bruch.
2005: Lafontaine tritt aus der SPD aus, gründet Die Linke mit.
August 2009: Die Linke gewinnt in Lafontaines Heimat, dem Saarland, sensationelle 21 Prozent der Wählerstimmen und wird drittstärkste Partei. Lafontaine wird Fraktionsvorsitzender im Saarland.
Januar 2010: Lafontaine tritt als Bundespolitiker ab, bleibt aber im Saarland aktiv.
Oskar Lafontaine gilt als Heisssporn, als Risiko gar. Den Ruf hat der heute 66-Jährige seit 1999: Damals kritisierte er wutentbrannt den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder wegen dessen mutmasslichen Abkehr vom Sozialstaat. Schröder bliebt hart – und Lafontaine trat in einer Überraschungsaktion als Finanzminister und SPD-Chef ab.
Kurz danach veröffentlicht der Abtrünnige ein Buch: «Das Herz schlägt links» heisst es, und enthält lauter leise und laute Spitzen gegen die neue europäische Sozialdemokratie von Tony Blair und Schröder. Lafontaine tritt Attac bei, der globalisierungskritischen Protestbewegung, und protestiert öffentlich gegen den Nato-Einsatz im Kosovo. Dann wird es still um ihn.
Die Partei der enttäuschten Sozialdemokraten
Sechs Jahre weibelt der Vater zweier Söhne im Verborgenen. Dann, 2005, gibt er seine spektakuläre Rückkehr auf die Politbühne. Er tritt nach 40 Jahren aus der SPD aus und zieht für die Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit WASG in den Bundestag ein. Nur wenige Monate später stellt Lafontaine gemeinsam mit anderen enttäuschten Sozialdemokraten und den ostdeutschen Genossen Die Linke als neue gesamtdeutsche Bewegung auf die Beine. Von nun an tritt er Seite an Seite mit dem Ostdeutschen Gregor Gysi auf, mit dem er sich den Parteivorsitz teilt.
Die Partei findet Anklang bei jenen, die am deutschen Sozialstaat hängen, wie Analysen der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen: Ostdeutsche, Altkommunisten, Arme, Rentner, Arbeitslose. In Ostdeutschland würden aktuell 26 Prozent die Linke wählen, in Westdeutschland nur sieben Prozent. In Haushalten mit einem Durchschnittseinkommen unter 3000 Euro entscheiden sich ebenfalls 26 Prozent für die Linke, in Haushalten mit über 3000 Euro nur sechs Prozent. Lafontaine, so zeichnen in die Medien immer wieder, ist der polternde, wütende, provozierende Held der Verlierer.
Die Parlamentarier als «Schweinebande»
Bei seinen Bundestagskollegen ist Lafontaine umstritten: Sie attestieren im Leidenschaft und Kampfgeist, ebenso aber sei er arrogant, zynisch und machtverliebt. 2006 gehen die Wogen besonders hoch, als er nach Aussagen von politischen Gegnern und eines Journalisten der «Leipziger Volkszeitung» die Parlamentarier allesamt als «Schweinebande» bezeichnet. Die Bürger fänden, so soll Lafontaine gewettert haben, die Abgeordneten gehörten alle «in einen Sack gesteckt und geprügelt». Der Richtige, so zitiert der Journalist den Heisssporn, wäre dann schon dabei.
Jetzt gibt Lafontaine auf. Nach eigener Aussage nicht wegen der parteiinternen Gegner, die seit Monaten an seinem Stuhl sägen. Sondern der Gesundheit zuliebe. «Ich will ihnen hier nichts vorjammern», sagte er am Samstag vor den Medien, «aber man muss zur Kenntnis nehmen, wie die Dinge sind.» Lafontaine leidet an Prostatakrebs. Im vergangenen November wurde er operiert. Jetzt zieht er sich ins Landesparlament in Saarbrücken zurück, in die Nähe seiner Familie. Verschwinden aber wird er nicht: «Ich werde nach wie vor auch zur Bundespolitik etwas sagen», drohte er bereits wenige Minute nach seinem offiziellen Rücktritt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.01.2010, 17:04 Uhr
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