«33'000 Euro für 120 Sekunden Arbeit»

Nicht alles ist tierisch ernst zu nehmen im Interview mit dem Satiriker Martin Sonneborn, dessen Mandat im Europaparlament auch eine Parodie auf die Politik ist.

Martin Sonneborn schaffte die Wahl ins Europaparlament, wo er die Grenzen der Satire ausreizt.

Martin Sonneborn schaffte die Wahl ins Europaparlament, wo er die Grenzen der Satire ausreizt. Bild: Roland Schmid

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Sie müssen abstimmen. Sonst gibt es keinen Lohn.
Martin Sonneborn: Richtig. Das ist einer der Gründe, warum ich abstimme.

Harte Arbeit?
Leute im Bergwerk arbeiten wesentlich härter. Im Wahlkampf hatten wir einen Slogan: «Ja zu Europa. Nein zu Europa». Im Auftrag meiner 184709 Wähler stimme ich stets abwechslungsweise Ja und Nein. Es gibt Historiker, die nachweisen, dass die griechischen Wahlen, die oft mit Würfeln oder Losen gearbeitet haben, nicht unsolider oder negativer ausgefallen sind als Wahlergebnisse, die wir auf demokratischem Weg herbeiführen. Die Schweiz kennt das ja auch.

Stimmen Sie regelmässig ab?
Ich gehe natürlich schon runter und stimme ab. Ich bin aber nicht gerne im Plenum, weil ich da in einer unseriösen Umgebung sitze. Ich erzähle in Deutschland, dass ich hier erstmals nicht der Verhaltensauffälligste bin. Links von mir sitzt die rechtskonservative FPÖ, in ihrer unangenehmsten Ausprägung. Rechts neben mir ein Mann der ebenfalls sehr konservativen AFD, unrasiert, Immobilienmakler und Rechtsanwalt. Eine schöne Kombination. Links vor mir Marine Le Pen, Front National, Frankreich, auch unrasiert. Und links hinter mir Udo Vogt, den ich aus Deutschland und aus Gerichtsverfahren kenne. Ich halte mich also auch gerne hier im Büro auf.

Ist die Schweiz ein Vorbild für die Europäische Union oder für Deutschland? Immerhin haben aufgrund des Bankgeheimnisses viele Deutsche Geld in die Schweiz geschafft.
Gute Güte. Wir machen uns keine grossen Gedanken darüber, wie die Schweiz als Vorbild fungieren könnte, weil wir Deutschland umfunktionieren wollen und das dann als Vorbild für andere europäische Staaten sehen.

Kennen Sie die Schweiz?
Ich war mal in Zürich und hab mich darüber gefreut, dass das R ausgefallen ist hoch oben an der grossen Leuchttafel der Börse. Das hat mein Bild geprägt damals. Daraus lassen sich auch heute noch Forderungen von Die Partei ableiten.

Welche zum Beispiel?
Wir hatten ein Wahlplakat mit der Zeile: «Wenn Sie uns wählen, lassen wir die 100 reichsten Deutschen umnieten.» Das zeigt so ein bisschen, dass wir umverteilen wollen. Wir haben auch den Plan, ein Existenzmaximum einzuführen. Andere Parteien fordern ja ein Existenzminimum. Da wird alles zusammengerechnet, was die Leute an Werten haben. Bei einer Million wird das Vermögen gekappt. Das klingt nach viel, aber die Währung steht noch nicht fest. Wahrscheinlich werden wir die Ostmark nehmen.

Haben Sie eine Wohnung in Brüssel?
Ich dachte, Sie fragen, ob ich ein Bankkonto in der Schweiz habe.

Davon gehen wir aus.
Ich hab noch keines, bin aber hochinteressiert, weil ich meine Konten bei der Deutschen Bank wegen eines Films auflösen musste. Eine Wohnung in Brüssel hab ich übrigens nicht.

Aber Sie erhalten doch Zuschüsse für eine Wohnung.
Ja, ja sicher.

Die beziehen Sie nicht?
Ich bin untergemietet und lebe hier in studentischen Verhältnissen.

Aber eines Ihrer Ziele ist doch, die EU zu melken. Wäre das nicht eine Möglichkeit?
Ich glaube nicht, dass ich viel mehr Geld bekomme, wenn ich in Brüssel eine Wohnung kaufe. Mein Assistent melkt die EU. In steuerlicher Hinsicht zum Beispiel. Assistenten zahlen 18 Prozent Steuern und erhalten 20 Prozent zurückerstattet. (zum Assistenten) Hab ich das korrekt zusammengefasst? Dustin Hoffmann (Assistent): Dazu kann ich nichts sagen (lacht verlegen). Martin Sonneborn: Es gibt auch lustige Mehrwertsteuer-Rückerstattungen: Wenn Assistenten sich einen Neuwagen kaufen, wird die Mehrwertsteuer nicht eingefordert, beziehungsweise zurückerstattet. Ich dachte immer, dass die Abgeordneten so gut gestellt würden. Doch ich bin zufrieden mit den Zahlungen, welche die EU routinemässig leistet.

Wie viel ist das?
Wenn ich Sie beeindrucken will – und ich weiss, dass Schweizer nichts mehr beeindruckt als ein guter Verdienst...

Sie müssen uns nicht beeindrucken, sondern nur sagen, wie viel es ist.
Nein, nein, ich möchte Sie schon beeindrucken. Also ich darf im Monat 33000 Euro ausgeben.

Und wie viel haben Sie dafür gearbeitet?
Im vergangenen Monat zweimal 60 Sekunden, also total zwei Minuten. Sie können das jetzt hochrechnen. Ich hätte gerne länger gearbeitet. Ich durfte 60 Sekunden lang Günther Oettinger befragen, er ist CDU-Politiker aus Deutschland sowie neuer EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Die zweiten 60 Sekunden standen mir für Tibor Navracsics zur Verfügung. Er ist Mitglied der ungarischen Regierungspartei Fidesz und nun auch EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport.

Was haben Sie die Herren gefragt?
Günther Oettinger macht sich stark für ein Vergessen im Internet. Ihn fragte ich, wie er verhindern will, dass folgende Dinge aus Versehen gelöscht würden: a) seine Ausführungen zur Nazivergangenheit von Hans Filbinger, den er als Widerstandskämpfer glorifizierte, b) dass seine Freundin ein Einkaufscenter auf dem Gelände von Stuttgart 21 errichten will und c) dass er seinen Führerschein mit 1,4 Promille abgeben musste.

Haben Sie ihn auf Englisch gefragt? Herr Oettinger ist ja bekannt für sein gutes Englisch.
Nein, aber ich bat ihn, die Frage auf Englisch zu beantworten.

Was er gewiss getan hat.
Nein. Und Herr Navracsics ist der zweite Mann hinter Regierungschef Viktor Orban, er war Justizminister. Er hat bei der Gleichschaltung des Justizsystems, der Medien und bei der Abschaffung von vielen Nichtregierungsorganisationen in Ungarn Massgebliches geleistet.

Baten Sie ihn auch, auf Englisch zu antworten?
Nein. Aber da in Ungarn antisemitische Schriftsteller auf den Lehrplänen stehen und 21 Prozent der Ungarn mit Rechtsextremen sympathisieren, fragte ich ihn: «Dürfen wir, wenn Sie Kommissar für Kultur, Bildung, Jugend und Sport werden, darauf hoffen, dass Bücher wie ‹Mein Kampf› von Adolf Hitler oder ‹Das kleine ABC› des Nationalsozialsten Josef Goebbels zur Pflichtlektüre der europäischen Jugend gehören werden?»

Und in diesem Monat? Schon gearbeitet?
Ja. Ungefähr 30 Abstimmungen. Aber ich bin noch nicht so richtig eingestiegen in die EU, weil ich überraschend ins Parlament eingezogen bin und noch Verpflichtungen habe. Ich rechne damit, dass ich ab kommendem Februar wöchentlich dann schon um die 240 Sekunden tätig sein werde.

Ihren Plan, die EU zu melken, konnten Sie aber nicht umsetzen. Sie wollten ja nach einem Monat zurücktreten und weiterhin Lohn beziehen, während jemand anders aus Ihrer Partei das Mandat in Brüssel hätte übernehmen können. Das hat die EU nicht geschluckt.
Auf Wikipedia las ich, dass schon nach einem Monat Übergangsgelder fällig werden. Das war aber nicht so. Es gibt Durchführungsbestimmungen, die das an eine längere Verweildauer koppeln.

Arbeiten Sie mit anderen Parteien zusammen?
Ja.

Inwiefern?
Wir sind relativ neu im Europaparlament. Wir führten Fraktionsgespräche mit Linken und Grünen. Es gab auch Angebote, Fraktionen beizutreten, was wir ablehnten. Das letzte Angebot erhielten wir von Nigel Farage vor wenigen Wochen.

Das ist der EU-kritische Politiker aus Grossbritannien.
Ja, bei ihnen war jemand ausgetreten – jedenfalls hatten sie plötzlich einen Mann und ein Land zu wenig, um eine Fraktion bilden zu können. Wir erhielten mehrere Anrufe und Mails von Nigel Farage, der fragte, ob wir gemeinsam das Establishment rocken wollten.

Sie fordern den Wiederaufbau der Mauer. Nigel Farage befürwortet ja in gewisser Weise auch eine Mauer. Insofern sollte der Zusammenarbeit nichts im Wege stehen.
Ja, aber er ist im Gegensatz zu uns unseriös. Er ist ja Vorsitzender der EFDD – das ist die Fraktion mit den EU-Skeptikern und Populisten. Ich antwortete Herrn Farage, dass ich beitrete, wenn er die Fraktion umbenennt in «Sonneborns EFDD». Daraufhin hat er den Kontakt abgebrochen und sich einen Polen gesucht.

Der ist billiger.
Billiger und lustiger. Es gab interessante Aussagen von Polen im Europaparlament. Janusz Korwin-Mikke hat vorgeschlagen, den Frauen das Wahlrecht zu entziehen, weil sie sich nicht für Politik interessierten. Und Farages neuer Kollege stellte fest, dass man Frauen durchaus ab und zu schlagen dürfe.

Ihren Job bei der «Heute-Show» sind Sie dank Ihres Mandats losgeworden.
Das stimmt. Ich gehe hier viel zu Empfängen und Lobbyveranstaltungen. ZDF-Chef Thomas Bellut sagte bei einem solchen Anlass, das ZDF dürfe nicht auf diese Weise mit Politikern zusammenarbeiten.

Ist die Tatsache, dass Sie stehen, eine Aufforderung, dass wir gehen sollen?
Nein, überhaupt nicht. Ich dachte, wir hätten schon alles besprochen. Wie geht es denn der «Basler Zeitung»?

Die ist im rechten Aufwind, doch die Leserzahlen schwinden wie bei den meisten Zeitungen.
Was hat denn der Schweizer für Rezepte gefunden, um Printmedien zu stützen?

Haben Sie eines?
Ich mache mich unter anderem im Kulturausschuss dafür stark, dass die 390 Millionen Euro, die das öffentlichrechtliche Fernsehen in Deutschland durch die Haushaltsabgabe ergaunert hat, anders verwendet werden. Selbst jene, die keinen Fernseher haben, müssen die Abgabe bezahlen. Ich möchte, dass dieses Geld deutsche Qualitätsmedien wie die FAZ, «Der Spiegel» oder «Titanic» erhalten.

In der Schweiz soll demnächst auch eine solche Haushaltsabgabe eingeführt werden.
Dann schreiben Sie das ganz gross.

Wir schreiben es. Im Europaparlament sind Sie in der Delegation für die koreanische Halbinsel. Was verbindet Sie mit Korea?
Es gibt zwei politische Motive. Das eine ist, dass Südkorea einmal bei der Bundeszentrale für politische Bildung um Hilfe gebeten hat. Die wollten deutsche Spezialisten, die ihnen erklären, wie man zwei getrennte Landesteile zusammenführt. Ich hab versucht, dahin geschickt zu werden. Aber das war der Bundeszentrale zu heiss.

Ihr Expertenwissen wurde verkannt?
Ja, ich bin Spezialist dafür, wie man zwei Landesteile zusammenführt, indem der eine den anderen komplett über den Tisch zieht. Das Wissen würde ich gerne an Südkorea weitergeben.

Und das zweite Motiv?
Das ist mein Interesse an einem stark führerzentrierten Regime. Dieser Einstellung kann ich mittlerweile – wenn ich sehe, wie Demokratie funktioniert – einiges abgewinnen. Ich glaube, dass man so Sachen, wie eine Haushaltsabgabe umzuwidmen, viel einfacher durchführen kann, wenn man in einem solchen System lebt.

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 24.12.2014, 09:43 Uhr)

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Zur Person

Martin Sonneborn ist ein deutscher Satiriker. Er war unter anderem Chefredaktor des Satiremagazins «Titanic», wo er heute als Mitherausgeber tätig ist. Nach seinem Studium in Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft schrieb Sonneborn eine Magisterarbeit über die Wirkungsmöglichkeiten von Satire.

2004 gründete er mit Leuten von «Titanic» die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative – kurz: Die Partei. Sie nimmt seit 2005 an verschiedenen Wahlen teil. Mandate gewann sie bisher an einzelnen Kommunalwahlen. Dieses Jahr wurde Sonneborn ins Europaparlament gewählt.

Wenn er im Fernsehen auftritt, so tut er das mit dem Gestus eines Politikers: Er schüttelt allen möglichen Leuten die Hände, bedankt sich artig für Fragen und beantwortet diese in sachlichem Ton so, als ob er Entscheide der Bundesregierung kommuniziere. Doch was er sagt, ist manchmal absurd, manchmal wahr und bissig. Seine Forderung zur Überwindung von Inhalten in der Politik ist eine der harmloseren. Dass er in Deutschland die Mauer wieder aufbauen will, ist hingegen manchen in den falschen Hals geraten. Vor allem von der Politik enttäuschte Protestwähler dürften der Partei ihre Stimme geben. Manche von ihnen bereuen es nicht. Das zeigen Onlinekommentare zu Youtube-Videos mit Sonneborns Auftritten im Europaparlament.

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