18 Milliarden Euro für Dienstwagen
Von Nina Merli. Aktualisiert am 18.07.2011 54 Kommentare
Seit Samstag im Netz: Die Facebook-Seite «I segreti della casta di Montecitorio» von Spider Truman hat mittlerweile über 200 000 «Likers».
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Er nennt sich «Spider Truman» und hat angeblich fünfzehn Jahre in der italienischen Abgeordnetenkammer mit Sitz im Barockgebäude Palazzo Montecitorio in Rom gearbeitet. Fünfzehn Jahre lang war er im sogenannten «Precariato»-Verhältnis, also mit befristetem Arbeitsvertrag, angestellt. Bis man ihm vor Kurzem seinen Arbeitsvertrag nicht mehr erneuert und ihn gefeuert hat.
Spider Truman ist wütend und er will sich rächen: «Ich habe mich entschlossen, Schritt für Schritt alle Geheimnisse der Kaste von Montecitorio zu enthüllen», schreibt er auf seiner Facebook-Seite, die er vergangenen Samstag aufgeschaltet hat und die inzwischen von über 200'000 «Likers» verfolgt wird. Einen Blog hat er auch schon eröffnet, falls man seinen Facebook-Account löschen sollte und seit heute Montag ist er auch auf Twitter präsent.
18 Milliarden Euro für Dienstwagen
Spider Truman spaltet die Gemüter: Einerseits bewundert man ihn für seinen Mut, für sein öffentliches «J'accuse», vergleicht ihn schon mit Julian Assange. Andererseits sind da kritische Stimmen, die Spider Truman für ein einziges Verschwörungs-Setup halten und die Echtheit des wütenden Arbeiters, der sich nun gegen den Staat auflehnt, bezweifeln. Überhaupt seien die sogenannten Enthüllungen (nebst angeblichen Insiderwissen auch Belege und Fotos) auf Spider Trumans Seite schon lange in einem Buch («La Casta» von Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella) publik gemacht worden, schreibt eine Bloggerin.
600'000 Staatslimousinen
Trotzdem ist Spider Truman in der italienischen Netcommunity derzeit Thema Nummer eins. Kein Wunder, den mitten auf dem Höhepunkt der italienischen Schuldenkrise und vor allem der angekündigten Sparmassnahmen stossen Spider Trumans Anklagen dem durchschnittlichen Verdiener sehr sauer auf. Fakt ist, dass italienische Abgeordnete massive Privilegien nutzen. So verfügt Palazzo Montecitorio über eine hausinterne Reiseagentur, die den Abgeordneten verbilligte und vor allem kostenlose Reisemöglichkeiten bietet: Reisen (und zwar nicht nur Geschäftsreisen) im Inland sind gratis – egal, ob man per Bahn oder Flugzeug reist. Ausserdem, schreibt Spider Truman könnten bei der Fluggesellschaft Alitalia auf diese Weise etliche Gratismeilen gesammelt werden, «die den Frauen, Geliebten und Kindern zugutekommen.» Sind die Politiker mit dem Auto unterwegs, entfallen selbstverständlich die Autobahngebühren.
Das Auto ist ohnehin ein heikles Thema, denn in Italien sind rund 600'000 Staatslimousinen registriert – so viele wie in keinem anderen Land auf der ganzen Welt. Gefolgt wird Italien von den USA, die nach grossem Abstand mit 73'000 Dienstfahrzeugen an zweiter Stelle dieser Rangliste stehen. Italien kommt dieser Luxus teuer zu stehen: 18 Milliarden Euro gibt der Staat jährlich dafür aus. In der stattlichen Summe inbegriffen sind die Kosten für die Autos, das damit verbrauchte Benzin und die Gehälter der Fahrer. Geradezu lächerlich erscheint im Vergleich dazu der Sparbetrag, der laut Finanzminister Giulio Tremonti im laufenden Jahr in die leeren Staatskassen fliessen soll: Drei Milliarden Euro. 2012 sollen sechs Milliarden, 2013 25 Milliarden und 2013 45 Milliarden Euro gespart werden.
Sogar der Cappuccino kostet weniger
Die Privilegienliste italienischer Politiker ist lang. Sie geht über den Cappuccino, der im Parlamentsrestaurant nur halb so teuer ist über den – ebenfalls hauseigenen – Coiffeursalon, wo man für einen Spottpreis einen Haarschnitt verpasst bekommt. Die neun vom Staat angestellten Coiffeurs verdienen laut Spider Truman 11'000 Euro. Ausserdem profitieren Abgeordnete von kostenlosen ärztlichen Untersuchungen, verbilligten Handy-Abos, Postgebührenerlass, massiven Rabatten beim Autohersteller Peugeot und etlichen anderen Spezialtarifen.
Ob Spider Truman tatsächlich beim italienischen Parlament tätig war und es sich bei dem veröffentlichten Material um Insiderwissen handelt oder ob vom anonymen Facebook-User einfach zusammengetragen wurde, was italienische Journalisten in den letzten Jahren enthüllt haben, wird sich wohl bald zeigen. Denn das Interesse an seiner Seite ist zu gross, um unbeachtet und somit ungeprüft zu bleiben. Die kritisierten Privilegien lassen sich allerdings jetzt schon belegen (was Spider Truman zum Teil mit Fotos auf seiner Facebook-Seite tut) und sind in Italien auch längst kein Geheimnis mehr. Die aufgelisteten Fakten dürften jedoch zum jetzigen Zeitpunkt die ohnehin schon schlechte Stimmung erneut aufheizen, denn das Sparpaket für das Volk wurde letzte Woche im Eilverfahren vom Parlament abgesegnet und tritt teilweise schon heute in Kraft: Ab heute sollen Italiener bei jedem Arztbesuch eine zusätzliche Gebühr von zehn bis 25 Euro bezahlen – mit Ausnahme der Abgeordneten.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.07.2011, 14:18 Uhr
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54 Kommentare
Wenn das stimmt, dass die dort unten mehrere Hundertausend Dienstwagen haben, die dann auch noch 18 Milliarden kosten sollen, jährlich, dann weiss ich echt nicht mehr, ob ich lachen soll oder weinen. Ich hoffe, das ist eine Zeitungsente. Sieht aber anscheinend nicht danach aus. Ein Graus. Antworten
Es ist voll kommen egal ob es sich um echtes Insider Wissen handelt oder um zusammengetragene Fakten handelt die man im Internet gefunden hatte. Die Schulden Italiens sprechen ihre eigene Sprache, die Politiker die das Land hat passen dazu. Also was soll's, die Wahrheit ist es so oder so. Man nehme nur die Bunga - Bunga Parties, ist das seriös? In welchen Land ist dies Vorstellbar? Antworten
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