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«... dann wäre uns Fukushima vielleicht erspart geblieben»

Von Philippe Müller. Aktualisiert am 12.09.2011 2 Kommentare

Er ist einer der profiliertesten deutschen Energiepolitiker und hat den erneuerbaren Energien in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Gleichzeitig gehört der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell zu den lautesten Atomkraftgegnern in der Bundesrepublik. Seine Mission sieht er trotz beschlossenem Atomausstieg noch längst nicht erfüllt.

Hans-Josef Fell glaubt fest an die Zukunft des grünen Stroms.  Dass der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland erst bei 17 Prozent liegt, bringt den deutschen Energiepolitiker und AKW-Gegner nicht aus der Ruhe.

Hans-Josef Fell glaubt fest an die Zukunft des grünen Stroms. Dass der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland erst bei 17 Prozent liegt, bringt den deutschen Energiepolitiker und AKW-Gegner nicht aus der Ruhe.
Bild: Susanne Keller

Kurz gefragt

Wann haben Sie das letzte Mal gelacht?
Ich lache öfter, das gehört zu mir.

Geweint?
Nach der AKW-Katastrophe in Fukushima.

Gelogen?
Ich lüge nie bewusst.

Lieblingsessen?
Die Feigen meines eigenen Feigenbaumes.

Lieblingsbuch?
«Die Grenzen des Wachstums» von Dennis Meadows.

Lieblingsort?
Mein Haus und mein Garten.

Zur Person

Hans-Josef Fell zieht sein Weltbild durch. Dabei scheint es ihm egal zu sein, mit welchen Widerständen er sich konfrontiert sieht. Selbst durch unumstössliche Fakten lässt er sich nicht beirren. So spricht der grüne Abgeordnete des Deutschen Bundestags etwa mit einer Selbstverständlichkeit von der vollständigen Stromversorgung durch erneuerbare Energien, als wäre diese heute schon Realität. Die Zahlen belegen jedoch etwas anderes: Die erneuerbaren Energien holen zwar auf, sie spielen aber in der Stromversorgung noch lange keine Hauptrolle, weder in Deutschland noch in der Schweiz.

Im Umgang ist Hans-Josef Fell freundlich-stur. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, provoziert aber sein Gegenüber geradezu zu Einwänden. Durch Widerspruch lässt sich aber einer, der seit 40 Jahren für den Atomausstieg kämpft, offenbar nicht aus dem Konzept bringen.

Diese Unbeirrbarkeit hat Fell verinnerlicht, und sie ist nicht untypisch für einen Politiker, der sich ehrgeizige Ziele setzt. Und Fell hat durchaus einiges erreicht in seiner politischen Karriere: Er sitzt seit 1998 für die Grünen im Bundestag und ist dort Sprecher für Energiepolitik der Grünen-Fraktion. Er wird in Deutschland «Mister Sunshine» genannt. Dies, weil er vom unerschöpflichen Potenzial der Sonne als Stromlieferantin überzeugt ist. Im Jahr 2000 leistete Fell Historisches, indem er das Gesetz für erneuerbare Energien verfasste und gegen alle Widerstände durchsetzte. Dank diesem Gesetz beträgt der Anteil an erneuerbaren Energien am deutschen Strommix inzwischen immerhin 17 Prozent.

Der studierte Physiker wurde 1952 im bayrischen Hammelburg geboren und lebt dort heute noch – und zwar in einem Holzhaus mit Grasdach. Hans-Josef Fell ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Ende August weilte er auf Einladung der Grünen Kanton Bern einige Tage in der Schweiz und hielt mehrere Referate.

Hans Josef Fell (Bild: Susanne Keller)

Meistens tragen Sie bei öffentlichen Auftritten gemäss Ihrer politischen Gesinnung ein grünes Hemd. In Bern ist Ihr Hemd aber blau. Warum, Herr Fell?
Hans-Josef Fell: (schmunzelt) Die Farbe meines Oberteils ist meistens eher zufällig gewählt. Wobei mir Grün natürlich nicht nur in der Politik, sondern auch als Farbe sehr gut gefällt.

Sie haben gewonnen: Die schwarz-gelbe Koalition unter Angela Merkel hat für Deutschland den Atomausstieg beschlossen. Nach 40 Jahren persönlichem Kampf könnten Sie nun eigentlich zurücktreten und sagen: Ziel erreicht.

Das ist durchaus nicht der Fall. Zunächst sind wir natürlich hocherfreut darüber, dass nach jahrzehntelanger Blockade in konservativen und liberalen Kreisen der Atomausstieg nun angepeilt wird. Das hätte aber viel früher passieren müssen. Wir sehen unsere Mission bei weitem nicht beendet. Denn zurzeit laufen die meisten Atomkraftwerke ja noch.

Sie scheinen der deutschen Atomlobby nicht zu trauen.
Es ist natürlich so, dass die deutschen Atomkonzerne nicht kampflos aufgegeben werden. Denn ein Atomausstieg ist für sie einerseits mit Gewinneinbussen, andererseits auch mit hohen Direktkosten verbunden. Denn sie müssen ja auch für den Rückbau und die Entsorgung der Atomkraftwerke aufkommen. Deshalb müssen wir wachsam bleiben.

Viele Grüne trauen es der Regierung Merkel schlicht nicht zu, den Atomausstieg im «grünen Sinn» durchzuziehen. Gehören Sie auch zu diesen Skeptikern?
In der Tat gibt es noch grosse Mängel im Beschluss der Regierung Merkel, so dauert der Ausstieg bis 2022 viel länger als notwendig. Selbst Regierungsorganisationen sagen, dass Deutschland bis 2017 aussteigen kann. Was wir auch kritisieren: Es gibt für deutsche Atomkraftwerke keine verbesserten Sicherheitsanforderungen, obwohl dies nach den Erfahrungen mit Fukushima dringend erforderlich wäre. Auch das Festhalten am ungeeigneten Atommüllendlager-Standort Gorleben blockiert eine ergebnisoffene Endlagersuche.

Macht ein Atomausstieg aus umweltpolitischer Sicht überhaupt Sinn? Immerhin werden in einer Übergangszeit Gaskraftwerke und in Deutschland vor allem Braunkohlekraftwerke die CO2-Emissionen markant steigern.
Aus umweltpolitischer Sicht macht es sehr viel Sinn, Radioaktivitätsquellen zu stopfen. Aber Sie haben natürlich recht: Es ist genauso notwendig, die CO2-Quellen zu stopfen.

Es wird aber nicht beides gleichzeitig möglich sein.
Natürlich geht beides gleichzeitig. Wir haben in Deutschland einen Ausbau der erneuerbaren Energien realisiert, wie ihn zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Wenn man die richtigen Rahmenbedingungen schafft, ist der Übergang schnell möglich. Schauen Sie sich an, wie schnell die Internetbranche gewachsen ist. Vor 20 Jahren besass kein Haushalt einen Computer, heute geht nichts mehr ohne Internet. Dasselbe ist mit den erneuerbaren Energien möglich.

Woher nehmen Sie persönlich die Energie für den aufreibenden Kampf? Was treibt Sie an?
In den ersten 20 Jahren war es natürlich schon sehr frustrierend. Es gab kaum Akzeptanz für die Forderung nach dem Atomausstieg und für die Förderung von erneuerbaren Energien. Ich galt mein halbes Leben lang als Fantast. Genau das hat mich jedoch angetrieben und motiviert. Ich wollte beweisen, dass es eben doch möglich ist. Mit dem zunehmenden Erfolg der Grünen und den Ergebnissen meines Einsatzes für erneuerbare Energien wurde ich weniger belächelt.

Gibt es Ihnen zu denken, dass erst der schwere Atomunfall in Fukushima weltweit zu einem Umdenken in der Atomfrage geführt hat?
Es macht mich sogar wütend. Spätestens nach Tschernobyl 1986 hätte die Menschheit innehalten müssen. Dann wäre uns das Unglück in Fukushima vielleicht erspart geblieben.

In der Schweiz stimmt der Ständerat im Herbst über den Atomausstieg ab. Die atomfreundlichen Lager scheinen momentan wieder etwas zulegen zu können. Wie lautet Ihr Rat an die Ständeräte?
Es ist nicht mein Stil, in anderen Ländern überheblich aufzutreten. Ich werbe dafür, dass auch in der Schweiz eine Energiepolitik betrieben wird, die als Ziel eine vollständige Stromversorgung durch erneuerbare Energiequellen anstrebt. Die Schweiz hat ja mit der Wasserkraft hervorragende Voraussetzungen. Auch Windkraft, Solarenergie und Biomasse haben Potenzial. Es ist machbar.

Gerade wenn es um den Ausbau der Wasserkraft geht, kommt aber nicht selten aus grünen Kreisen heftige Gegenwehr.
Es ist auch meine Auffassung, dass es nicht sein kann, unbedacht schützenswerte Landschaften zu fluten oder mit Windrädern zuzupflastern. So viele Anlagen braucht es auch nicht, wo wollen Sie sonst hin mit all dem Strom? Wenn die Bevölkerung früh genug einbezogen wird – und darin sind die Schweizer ja vorbildlich –, sind gut und im Einklang mit der Natur geplante Wasser- und Windparks möglich, davon bin ich überzeugt.

Angesichts des immer noch kleinen Anteils erneuerbarer Energien braucht es eben sehr wohl viele Anlagen. In Deutschland stammen inzwischen immerhin 17 Prozent des Stroms von erneuerbaren Energieträgern. Man kann sagen: Ohne Hans-Josef Fell wäre dieser Anteil heute wohl um ein Vielfaches kleiner.
Sie sprechen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) an, das ich als grüner Bundestagsabgeordneter im Jahr 2000 verfasst habe. Dieses Gesetz hat wirklich weltweit für Furore gesorgt und wurde seitdem von mehr als vierzig Staaten kopiert. In Deutschland hat das Gesetz geholfen, einen neuen Wirtschaftszweig zu schaffen mit inzwischen mehr als 370'000 Arbeitsplätzen.

Von den gesetzlich vorgeschriebenen Zielen ist Deutschland aber nach wie vor ein gutes Stück entfernt. Bis 2030 will Deutschland 35 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen, bis 2050 sogar 80 Prozent. Ist das realistisch?
Technisch ist es problemlos möglich, bis 2030 sogar eine Vollversorgung mit Ökostrom zu erreichen. Es werden über die erneuerbaren Energien einfach nach wie vor viele Unwahrheiten verbreitet, um die Entwicklung zu bremsen.

Zum Beispiel?
Die Kosten. Es wird uns gerade aus konservativ-liberalen Kreisen oft vorgehalten, erneuerbare Energien seien zu teuer. Die Realität ist: Strom aus Fotovoltaikanlagen ist heute bereits günstiger als Atomstrom aus einem neuen Nuklearreaktor. Und Atomstrom wird noch teurer: Nach Fukushima werden die Sicherheitsanforderungen derart steigen, dass Betrieb und Unterhalt eines Atomkraftwerks künftig deutlich mehr kosten werden.

Ihr Preisvergleich taugt nur für die Atomkraftwerke der neusten Generation. Der Grossteil der AKW, die heute in Betrieb sind, liefert deutlich günstigeren Strom als Fotovoltaik- und Windanlagen.
Dieser Vergleich ist aus vielen Gründen unredlich. Grosse Privilegien, wie die weitgehende Befreiung der AKW von Haftungskosten, verzerren den Preisvergleich. Entscheidend ist aber die Gegenüberstellung abgeschriebener Kraftwerke. Ein abgeschriebenes Kernkraftwerk produziert den Strom mit 3 bis 8 Cent pro Kilowattstunde, ein nach 20 Jahren abgeschriebenes Solarkraftwerk aber mit weniger als 1 Cent.

Sie sind ein grosser Fan der Fotovoltaik und halten das Potenzial der Sonne als Stromlieferantin für unerschöpflich. Die Realität sieht aber anders aus: In Deutschland steuerte die Fotovoltaik 2010 nur gerade 2 Prozent des Stroms bei. Der grosse Durchbruch ist das nicht.
Das ist eine Interpretation, die ich nicht akzeptieren kann. Sie müssen wissen, vor 10 Jahren betrug der Anteil des Sonnenstroms 0,001 Prozent. Die ersten Anfänge sind immer schwierig. Dass wir heute 2 Prozent des Stroms aus Fotovoltaikanlagen beziehen, hätte in Deutschland noch vor 5 Jahren niemand für möglich gehalten. Wenn diese Geschwindigkeit anhält, beträgt der Anteil bis 2030 unsere angestrebten 30 bis 40 Prozent. Zusammen mit Windenergie, Biomasse, Erdwärme und Wasserkraft werden wir bis 2030 die vollständige Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen erreichen. Das ist das grosse Ziel der Grünen Partei in Deutschland.

Das klingt schön und gut. Sie vergessen nur die Schwachpunkte von Wind und Sonne: Wenn es nicht windet oder die Sonne nicht scheint, setzt auch die Stromproduktion aus. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?
Da kommt die Schweiz ins Spiel: Um diese Leerzeiten zu überbrücken, braucht es grosse Stromspeicher, etwa in Form von Wasserkraftwerken. Mit überschüssigem Windstrom wird Wasser in die Wasserspeicher hochgepumpt. Bei Windflauten kann dann die Stromerzeugung aus diesem Wasserkraftwerk einspringen.

Dazu ist aber auch ein starker Ausbau der europäischen Stromleitungen nötig. Billig wird das nicht.
Zum Nulltarif gibt es den Atomausstieg ohnehin nicht. Es ist aber allemal billiger, den Umstieg auf erneuerbare Energien zu finanzieren als die Schäden, die durch AKW entstehen.

Hand aufs Herz: Bis in 19 Jahren soll Europa seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen beziehen. Glauben Sie wirklich daran?
Ich glaube sogar, dass der grösste Teil dieses Ziels wesentlich früher erreicht werden wird. Schauen Sie sich mal die Ölpreissteigerung an. Diese Preise bedrohen unsere Wirtschaft, die aktuelle Rezession hängt einmal mehr mit dem hohen Ölpreis zusammen. Die Wirtschaft kann sich diese Rohstoffabhängigkeit eigentlich doch gar nicht leisten. Deshalb glaube ich, dass die Wirtschaft von selber und schneller als erwartet ganz auf fossile Brennstoffe verzichten wird. Zumal die Preise für erneuerbare Ener-gien immer stärker sinken werden.

Die vollständige Energiewende wird aber nur möglich sein, wenn wir Konsumenten den Stromverbrauch senken. Ist es möglich, Strom zu sparen, ohne auf gewohnten Luxus verzichten zu müssen?
Energie zu sparen, bedeutet nicht Luxusverzicht und auch nicht, dass man den Gürtel enger schnallen muss. Energieeinsparung heisst etwa: LED-Lampen statt Glühbirnen. Oder der Kauf eines Strom sparenden Kühlschranks. Es gibt fast unzählige technische Möglichkeiten.

Wie sparsam sind Sie persönlich?
Ich wohne mit meiner Familie in einem Holzhaus mit Grasdach. Auf dem Dach sorgen eine solare Wärmeanlage und Fotovoltaikpanels für die Versorgung mit Strom und Warmwasser. Wenn das im Winter nicht ausreicht, übernimmt ein pflanzenölbetriebenes Blockheizkraftwerk im Keller die Wärme- und Stromproduktion.

So weit erfüllen Sie die grünen Klischees. Sie besitzen bestimmt auch kein Auto, oder?
Ich besitze sogar zwei. Eines davon, das Elektromobil Twike, stammt sogar aus der Schweiz. Das eignet sich aber nur für kurze Strecken. Für längere Reisen benutze ich ein Pflanzenölauto.

Fliegen Sie?
Nur, wenn es sich beruflich nicht vermeiden lässt. Aber wegen der Umweltbelastung tue ich dies immer mit einem schlechten Gefühl im Bauch.

Was tut Hans-Josef Fell, wenn er für einmal nicht über Energiefragen nachdenkt?
Ich gehe gerne in den Bergen wandern. Deshalb freue ich mich jeweils lange im Voraus auf meine Besuche in der Schweiz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2011, 12:18 Uhr

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2 Kommentare

Al Williams

14.09.2011, 16:34 Uhr
Melden

Herr Fell, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Energie für die Energiewende. Antworten


Beat Reuteler

17.09.2011, 12:12 Uhr
Melden

In der Seitenbox "zur Person" ist ein gravierender Fehler Es wird behauptet, dass die erneuerbaren Energien auch in der Schweiz noch lange keine Haptrolle spielen. Wenn das nicht radikal falsch sien sollte, müsste gezegt werden wieso die Wasserkraft nicht zu den erneuerbaren Energien gezählt werden sollte. Ich sehe keinen Grund. Diese liefern in der CH über 50% der elektrischen Energie. Antworten



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