Ausland
Wie David Rohde den Taliban entkam
In Freiheit: Der Autor David Rohde in Afghanistan im Herbst 2007.
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Der Motor heulte auf, als einer der Kidnapper das Gaspedal durchdrückte und unser Auto in die afghanische Wüste hinausschoss. Ich sass hinten, zwischen den beiden afghanischen Kollegen, die mich auf dieser Recherche begleiteten.
Es war der 10. November 2008. Ich war, mit meinem Kollegen Tahir Luddin und unserem Fahrer Asad Mangal, unterwegs zu einem Treffen mit einem Talibankommandeur namens Abu Tayyeb.
Das reglose Gesicht des Bewaffneten auf dem Beifahrersitz machte mich nervös. Beschämt dachte ich an meine Frau und meine Eltern. Dieses Interview, das eben noch so wichtig erschien, kam mir nun völlig absurd und unvernünftig vor.
Treffen mit dem Talibankommandeur
Irgendwann stoppten wir vor einem schlichten Lehmziegelhaus, mitten in einer Schlucht. Wir wurden in ein winziges Badezimmer gesteckt. Später führte man uns in einen Raum, der mit braunen Teppichen und roten Kissen ausgelegt war. Ich setzte mich gegenüber von einem korpulenten Mann, der das Gesicht mit einer Sonnenbrille und dem üblichen afghanischen Schal verhüllt hatte. «Ich bin ein Talibankommandeur», sagte er, «mein Name ist Mullah Atiqullah.»
Sieben Monate und zehn Tage sollten wir in der Gewalt von Mullah Atiqullah sein, eine Woche in Afghanistan, die übrige Zeit in den pakistanischen Stammesgebieten, in denen auch Osama Bin Laden vermutet wird. Atiqullah arbeitete mit Sirajuddin Haqqani zusammen, dem Chef einer der radikalsten Talibanfraktionen Pakistans. Die Haqqani und ihre Verbündeten kontrollieren weite Teile von Nord- und Südwaziristan.
Aus Taliban-Sicht berichten
Ich erklärte den Kidnappern, dass wir Journalisten seien und über die Taliban und ihre Sicht der Dinge berichten wollten. Ich erzählte, dass ich kürzlich geheiratet hätte und Tahir und Asad Väter von insgesamt neun Kindern seien. Ich bat, uns freizulassen, weinte sogar, um sie zu erweichen. Es nützte nichts.
In diesen Monaten kam ich zu einer simplen Erkenntnis. Sieben Jahre berichtete ich aus der Region, und noch immer war mir nicht klar, wie sehr sich viele Taliban radikalisiert hatten. Von den Gefolgsleuten der Haqqani erfuhr ich, dass die radikalen Taliban ein viel ehrgeizigeres Ziel verfolgten. Der Kontakt mit ausländischen Kämpfern in den Stammesgebieten hatte sie stark beeinflusst. Sie wollten ein fundamentalistisches Kalifat errichten, das die ganze muslimische Welt umspannte. Ich wusste ja, dass Pakistan gern wegschaut und diese Leute gewähren lässt, aber tatsächlich einen Taliban-Ministaat zu sehen, der völlig unbehelligt existiert, war schon erstaunlich.
Zu Fuss über die Berge
Am 9. November war ich von Helmand nach Kabul geflogen, um mich mit Tahir Luddin zu treffen, einem Journalisten, der Interviews mit den Taliban vermitteln konnte. Ein gewisser Abu Tayyeb, erfuhr ich, sei bereit, mich am nächsten Tag in der Provinz Logar zu einem Gespräch zu empfangen.
Zum vereinbarten Zeitpunkt waren wir da. Bauern und Esel zogen an uns vorbei, doch von Abu Tayyebs Leuten war nichts zu sehen. Tahir meldete sich telefonisch und erhielt von ihm die Anweisung, wir sollten weiterfahren, immer die Strasse entlang. Kurz darauf musste unser Fahrer scharf bremsen. Zwei Bewaffnete näherten sich, riefen Kommandos auf Paschtu. «Sag ihnen, wir sind Journalisten, wir wollen Abu Tayyeb interviewen.» Tahir übersetzte. Der Bewaffnete, der nun am Steuer sass, lachte nur. «Abu Tayyeb? Ich kenne keinen Abu Tayyeb.»
«Wer entführt uns genau?»
Als ich später Atiqullah gegenübersass, unserem Kidnapper, wusste ich immer noch nicht, welche Talibangruppe uns entführt hatte. Wir erklärten, dass wir mit Abu Tayyeb zu einem Interview verabredet seien, doch Atiqullah zeigte sich ungerührt. Unsere Bitte, Abu Tayyeb oder einen Talibansprecher anzurufen, lehnte er ab. Unser Schicksal liege nun in seiner Hand, sagte er.
Nach Sonnenuntergang ging die Fahrt in einem kleinen Kombi weiter. «Aus Sicherheitsgründen», sagte Atiqullah, der am Steuer sass, den Schal noch immer tief ins Gesicht gezogen. Er versprach, uns zu beschützen, so weit das in seiner Kraft stehe, ich versprach ihm Geld («Millionen») und Gefangene.
Die nächsten vier Tage verbrachten wir in einem anderen Lehmhaus. Dann verkündete Atiqullah, dass wir zu Fuss durch die Berge müssten. Elf Stunden waren wir unterwegs. Nach meinem Eindruck waren wir in Südafghanistan, nicht in Pakistan. Und ich sagte mir, dass wir überleben würden.
Der schlimmste Ort
Doch am 18. November trafen wir in den pakistanischen Stammesgebieten ein, einem isolierten Gürtel von Talibanterritorium. Wir befanden uns nun in jenem «radikalislamischen Emirat», das vor der US-geführten Invasion 2001 in Afghanistan existiert hatte. Der Tod von Tausenden von Afghanen, Pakistanern und Amerikanern und Milliarden Dollar an amerikanischer Hilfe hatten diesen Staat nicht beseitigt, sondern nur ein paar Kilometer nach Osten verschoben.
Mein Mitleid hatte immer den Leuten gegolten, die hier entführt wurden. Für eine amerikanische Geisel dürfte es keinen schlimmeren Ort geben. Die amerikanische Regierung ist hier praktisch machtlos und wird zutiefst verachtet.
Unser erstes Gefängnis war in Miram Shah, der Hauptstadt von Nordwaziristan. Das Haus hatte zwei grosse Zimmer, die auf einen kleinen Innenhof hinausgingen, eines sogar mit einer Dusche. Den ganzen Tag trafen pakistanische Militante ein, um uns neugierig anzustarren. Unter ihnen war ein Talibankommandeur, der sich Badruddin nannte, vielleicht Anfang dreissig. Er war der Bruder von Sirajuddin Haqqani, dem Chef des Haqqani-Clans, dessen Machtbasis Miram Shah ist.
Anrufe bei den Familien
Um zu beweisen, dass wir am Leben seien, sollten wir drei Gefangenen unsere Familien anrufen. Atiqullah schärfte mir ein, unbedingt darauf hinzuweisen, dass er an einer raschen Lösegeldvereinbarung interessiert sei. Dass er sein Gesicht noch immer mit einem Schal verhüllte, schien zu bedeuten, dass er nicht erkannt werden wollte, weil er uns freilassen wollte.
Später telefonierte ich mit meiner Frau, zum ersten Mal seit neun Tagen. Ich hatte Panik oder Tränen erwartet, aber sie klang gefasst und zuversichtlich. Ihre Worte «Alles wird gut» begleiteten mich über Monate, ihre Haltung gab mir Kraft.
Anschliessend ging es wieder an einen anderen Ort, und wieder war ich überrascht, wie gut das Quartier ausgestattet war. Es gab Strom und Eimer mit warmem Wasser zum Waschen. Atiqullah sagte, er müsse zurück nach Afghanistan, zwei seiner Männer würden bleiben. «In sieben bis zehn Tagen bin ich wieder da», sagte er und verschwand.
Radio, Brettspiel und englischsprachige Zeitungen
In der Woche erhielten wir ein Radio und ein Brettspiel. Zu meinem Erstaunen gaben sie mir englischsprachige pakistanische Zeitungen. Wir wurden auch nicht geschlagen, wie ich erwartet hatte, vielmehr versuchten die Bewacher, uns die Situation halbwegs erträglich zu machen.
Doch unser Optimismus wurde bald gedämpft. Immer wieder schauten Haqqani-Kommandeure vorbei, voller Hass auf Amerika und Israel, die uns mit wütenden Anklagen überschütteten. Bei Luftangriffen in Afghanistan, Pakistan und in den besetzten Palästinensergebieten, riefen sie, seien zahllose Zivilisten getötet worden, und im Irak seien muslimische Gefangene misshandelt und gedemütigt worden. Auf Kuba und in Afghanistan würden viele Leute seit Jahren ohne Anklage festgehalten. Für mich als Amerikaner waren das bedauerliche Ausnahmen, während sie darin einen Beweis sahen, dass Amerika sich arrogant über das Völkerrecht hinwegsetze. Auf meinen Hinweis, ich sei ein unschuldiger Zivilist, den sie freilassen sollten, antworteten sie, dass muslimische Gefangene seit Jahren in amerikanischen Geheimgefängnissen festgehalten und gefoltert würden. Sie selbst, sagten die Kommandeure, seien ebenfalls gefangen gehalten worden, ohne dass ihre Familien von ihrem Schicksal erfahren hätten. Warum sollten sie mich anders behandeln? Ihr Hass auf Amerika schien grenzenlos.
Keine Entlassung mehr in Sicht
Es vergingen zehn Tage, doch Atiqullah tauchte nicht wieder auf. Offenbar führte Badruddin jetzt das Kommando. Er brachte uns in ein viel kleineres, ungepflegtes Haus. Von dem Essen dort wurde mir schlecht.
Der Eindruck, dass unsere Entlassung unmittelbar bevorstand, verflüchtigte sich. Badruddin meinte, die Taliban würden mich nicht töten. «Du bist das goldene Huhn!» Kurz vor Weihnachten kehrte Atiqullah zurück und sprach von spektakulären Neuigkeiten. «Wir werden dich freilassen», sagte er. Zum ersten Mal hatte er das Gesicht nicht hinter seinem Schal versteckt.
Zuerst war ich euphorisch. Mein Vertrauen in Atiqullah war also nicht abwegig gewesen. Er war ein moderater und vernünftiger Anführer, der sich für unsere Freilassung einsetzen würde. Doch im Laufe des Abends wurde er immer aggressiver. An dem Tag, an dem wir Abu Tayyeb interviewen wollten, hätten die Amerikaner eine Operation zu seiner Verhaftung durchgeführt. Ich antwortete, dass mir davon nichts bekannt gewesen sei. Er erwiderte, ich sei ein Spion, genau wie die anderen Journalisten von der «New York Times» in Afghanistan. Meine Freilassung schien in weite Ferne gerückt.
Atiqullah war Abu Tayyeb
Doch am nächsten Morgen erklärte Atiqullah, dass es eine Vereinbarung gebe. «Binnen weniger Tage» sollten wir freigelassen werden. Er spielte mit mir, wollte wissen, auf welchem Weg ich nach Amerika zurückfliegen würde und wie viele TV-Kameras mich am Flughafen erwarten würden und mit welchen Worten ich meine Frau begrüssen würde. Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihm glauben konnte. Dann erfuhr ich, dass er mich von Anfang an belogen hatte. Tahir und Asad sagten, dass er in Wahrheit Abu Tayyeb sei. Sie wussten das seit dem Tag der Entführung, hatten sich aber nicht getraut, es mir zu sagen. Sie baten mich, es für mich zu behalten, Abu Tayyeb habe geschworen, sie zu töten, falls sie seinen richtigen Namen verrieten.
Während der Gefangenschaft bestätigte sich mein Verdacht, dass die Haqqani – mit Duldung der pakistanischen Behörden – einen Taliban-Ministaat in den Stammesgebieten kontrollierten. Die Haqqani waren sich ihrer Macht so sicher, dass sie mit mir am hellen Tag eine dreistündige Autofahrt unternahmen, um im Freien ein Video zu drehen.
Entführer feierten Selbstmörder
Im Laufe des Winters erfuhr ich, welche Verhältnisse die Haqqani geschaffen hatten. Unsere Entführer warfen dem Westen die vielen zivilen Opfer vor und feierten zugleich Selbstmordattentate, bei denen unbeteiligte Leute, Muslime wie sie, ums Leben kommen. Sie beschwerten sich über Missionare, drängten mich aber, zum Islam überzutreten. Sie klagten darüber, dass unschuldige Muslime in amerikanischer Haft sässen, aber uns hielten sie ebenfalls gefangen.
Wenn die Kommandeure abwesend waren, liessen manche unserer Bewacher eine gewisse Menschlichkeit erkennen. In solchen Momenten hofften wir, durch vernünftige Argumente freizukommen. Tahir, Asad und ich hatten über das IKRK tröstliche Briefe von unseren Angehörigen erhalten. Aber seit drei Monaten hatte ich nicht mehr mit meiner Frau Kristen gesprochen.
Sieben Millionen Lösegeld
Schliesslich, am 16. Februar, brachte mich Abu Tayyeb zu einem entlegenen Ort und erlaubte mir, sie anzurufen. Die Taliban forderten sieben Millionen Dollar. «Das ist mein letzter Anruf», sagte ich zu Kristen und wiederholte, was zu sagen mir aufgetragen worden war. «Dies ist unsere letzte Chance.»
Fast den ganzen Winter wurden wir in einem Gebäude gefangen gehalten, das der pakistanische Staat mit US-Hilfe errichtet hatte und das der lokalen Bevölkerung als Gesundheitszentrum dienen sollte.
Unter Hannah Montana-Decken
Tagsüber hörten unsere Bewacher Radio und riefen «Allahu akbar!», wenn über Anschläge auf afghanische oder US-Soldaten berichtet wurde. Nachts schliefen sie unter Decken einer pakistanischen Firma, auf denen Figuren aus der US-TV-Serie «Hannah Montana» und aus dem Film «Spider-Man» prangten.
Am 25. März schlug, nur wenige Hundert Meter von unserem Haus in Nordwaziristan entfernt, eine US-Rakete ein. Zwei Wochen zuvor waren wir von Miram Shah nach Makeen in Südwaziristan gebracht worden. Es wimmelte von usbekischen, arabischen, afghanischen und pakistanischen Kämpfern. Später erfuhr ich, dass einer unserer Bewacher forderte, ich solle zum Ort des Raketeneinschlags gebracht und dort vor laufender Kamera enthauptet werden, doch er wurde von den anderen überstimmt. Die Taliban werfen Präsident Obama vor, die Raketenangriffe auf die pakistanischen Stammesgebiete intensiviert zu haben. Überhaupt hassten sie ihn noch mehr als seinen Vorgänger Bush. Die Drohnen töteten viele Taliban und behinderten ihre Aktionen.
Der Willkür ausgeliefert
Mit jedem Monat verstärkte sich das Gefühl, dass man uns vergessen hatte und wir der Willkür unserer jungen Bewacher ausgeliefert waren. Mitte März erschien ein Bewacher mit einem DVD-Player. Fortan waren Jihad-Videos ein beliebter Zeitvertreib.
Ende April tauchte Abu Tayyeb überraschend auf, was Hoffnungen auf eine Freilassung weckte. Dann wollte er ein Video machen, in dem ich weinen müsse. Ich sah Tahir an. Wenn ich mich weigerte, würde man ihn oder Asad töten, um der Lösegeldforderung Nachdruck zu verleihen. Die Vorstellung, meine Frau und meine Eltern könnten das Video sehen, war mir unerträglich, doch Tahir hatte sieben Kinder und Asad zwei. Ich willigte ein.
Aufbegehren als Befreiung
Anderntags fuhr Abu Tayyeb wieder weg. Die nächsten sechs Wochen verbrachten wir in einem Haus in einem einsamen Dorf in Nordwaziristan. Anfang Juni tauchte Abu Tayyeb wieder auf und erklärte, die US-Regierung sei bereit, für unsere Freilassung die sieben verbliebenen afghanischen Guantánamo-Häftlinge freizugeben. Lachhaft, sagte ich. Abu Tayyeb lächelte. Noch ein Video, dann würde er mich freilassen. Ich schämte mich für das erste Video, das er von mir gemacht hatte, und war überzeugt, dass er wieder log. Ich weigerte mich. Abu Tayyeb wiederholte seine Forderung, ich lehnte abermals ab. Ich kannte das Risiko, aber nach Monaten der Hilflosigkeit fand ich dieses Aufbegehren befreiend. Tahir und Asad drängten mich, das Video zu machen. Sie ahnten, dass Abu Tayyeb und seine Leute mich sonst zusammenschlagen würden. «Machs einfach», sagte Tahir.
Schliesslich lenkte ich ein. Ganz zum Schluss schmuggelte ich noch eine Botschaft in den Film, die mir seit unserer Entführung auf dem Herzen lag. «Wie diese Sache auch ausgehen wird, ich bitte Kristen und all meine Angehörigen und Freunde, macht euch keine Vorwürfe. Ich weiss, ihr habt alles versucht, um uns zu helfen.»
Der Plan zur Flucht entsteht
Miram Shah, 20. Juni, 1 Uhr nachts. Nach sieben Monaten und zehn Tagen Gefangenschaft beschlossen Tahir und ich zu fliehen. In der ersten Juniwoche waren wir in Miram Shah angekommen. Es war unser neunter Aufenthaltsort in den Stammesgebieten. Wie üblich, wenn wir ein neues Haus bezogen, fegte ich den Boden und machte überall sauber. Dabei entdeckte ich ein Abschleppseil, das ich, in der Annahme, es könne uns vielleicht nützlich sein, unter alten Kleidern versteckte.
In den nächsten Tagen dachte ich über mögliche Fluchtwege nach. Als wir bei Sonnenaufgang mit den Wachen auf dem Dach sassen, sah ich, dass das Haus von einer etwa mannshohen Mauer umgeben war. Wenn wir es dort hinauf schafften, konnten wir uns an dem Seil auf der anderen Seite hinunterlassen. Und Tahir kundschaftete die Umgebung aus, wenn er die Bewacher gelegentlich zum Einkaufen begleiten durfte. Er stellte fest, dass unser Haus näher an einem pakistanischen Militärstützpunkt lag als all unsere anderen Verstecke. Um unsere Bewacher oder Asad nicht misstrauisch zu machen, beschränkten wir unsere Gespräche auf das Nötigste. Wochen zuvor hatten wir den Eindruck gewonnen, dass Asad, der mit den Bewachern einen vertrauten Umgang angefangen hatte, nicht mehr zu trauen sei. Wir beschlossen, ohne ihn zu fliehen. Der Bruch mit Asad war das dunkelste Kapitel einer ohnehin düsteren Gefangenschaft, auch wenn ich später erfuhr, dass er gleichfalls entkommen war.
Tatsächlich erwartete ich das Scheitern der Flucht. Doch es klappte. In der Nacht schlichen wir in den Innenhof, ich besorgte das Seil, und dann stiegen wir hinauf aufs Dach. Wenig später ging ich ungehindert eine Strasse entlang, zum ersten Mal seit sieben Monaten.
Erlösende Worte am Telefon
Tahir hatte berichtet, dass in der Nähe ein pakistanischer Checkpoint sei. Sich dort zu melden, erschien mir riskant. Ich hielt es für das Beste, sich einem Offizier auf der Militärbasis von Miram Shah zu erkennen zu geben.
«Wir müssen dorthin», sagte ich. Fünf, zehn Minuten später erklang links von uns ein Ruf, und ich hörte, wie eine Kalaschnikow durchgeladen wurde. Tahir hob die Hände und rief etwas auf Paschtu. Ich hob ebenfalls die Hände. Im Dämmerlicht sah ich eine Gestalt mit Kalaschnikow auf dem Dach eines flachen verfallenen Gebäudes, das mit Nato-Draht und Erdwall gesichert war.
«Wenn du dich bewegst», sagte Tahir, «schiessen sie.» Was er dann sagte, war unfassbar. «Das ist der Stützpunkt.» Wir hatten es geschafft. Jetzt glaubte ich, dass unsere Flucht gelingen könnte. Ich bewegte mich nicht, wartete.
Endlich in Sicherheit
Wenig später erschien ein Offizier auf der anderen Seite des Stacheldrahts und wechselte mit Tahir ein paar Worte, die irgendwie beruhigend klangen. «Der Mann ist sehr höflich», sagte Tahir. «Wir stehen unter seinem Schutz. Wir sind in Sicherheit.»
Eine Stunde später sass ich in einem Büro. Ein Offizier wählte die Nummer, die ich ihm auf einen Zettel geschrieben hatte, und reichte mir den Hörer. Beim zweiten Versuch meldete sich Kristen.
«David?», rief sie atemlos. «David?»
«Kristen», sagte ich und kostete den Moment aus, die Worte zu sagen, von denen ich seit Monaten geträumt hatte. «Kristen, ich hoffe, du gibst mir die Chance, das alles wiedergutzumachen.»
«Ja», sagte sie. «Ja.»
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
© Rohde/«New York Times» 2009 (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.10.2009, 16:01 Uhr
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