Ausland
Vater, Mutter, Waise
Von Sonja Zekri, Nowosibirsk. Aktualisiert am 23.01.2010
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Eine Familie, findet Olga, sei das Grösste. Eine Familie gebe dir Wärme und Geborgenheit, sie sei immer für dich da. Sie sei ein Schutz vor der Welt, sagt sie, und dabei lösen sich ihre angespannten Züge, und ihr feines Gesicht wird ganz träumerisch und weich. So eine Familie will sie ihrem Sohn bieten.
Sie könnte ein Picknick auf dem Mars planen, es wäre ihr nicht fremder. Olga kam ins Kinderheim, als sie zehn Jahre alt war. Die Mutter «trank, trank, trank», sass zwölf Jahre im Gefängnis. «Keine Ahnung, ob sie noch lebt.» Olga Kydajewa hat Familie als Naturkatastrophe erlebt. Umso strahlender malt sie sich die Zukunft mit ihrem Sohn aus. So wie viele hier im Caritas-Heim für obdachlose Mütter in Nowosibirsk. 70 Prozent der Frauen sind im Kinderheim aufgewachsen. 100 Prozent träumen vom Paradies.
Es ist die Generation der Perestroika-Waisen, der Vernachlässigten, Verstossenen der Neunzigerjahre, als das Land den Halt verlor und Strassenkinder die Bahnhöfe belagerten, den Blick glasig vom Klebstoff. Viele landeten in den Auffanglagern der Polizei, später im Heim. Nun sind sie herangewachsen, eine Alterskohorte mit rudimentärer sozialer Grundausstattung, emotional bedürftig und leicht verwundbar.
Eine extreme Situation
Seit dem Interview sind ein paar Monate vergangen. Olga ist aus dem Mütterheim ausgezogen, bewohnt ein kleines Zimmer und sucht einen Job als Köchin, genauer: Sie sucht einen Kindergartenplatz. Ohne Kindergartenplatz kein Job. Ohne medizinisches Attest kein Kindergartenplatz. Ohne Termin in der Poliklinik kein Attest. Ohne Versicherungstalon kein Termin . . . Russlands Bürokratie bringt selbst entspannte Pragmatiker zur Raserei. Die gegängelten früheren Heimkinder aber kapitulieren oft schon vor dem ersten Schritt.
Beistand im Labyrinth der Bürokratie ist deshalb eines der zentralen Angebote des Mütterheims in Nowosibirsk. Das Heim ist eines der ersten seiner Art in Russland, eine freundliche Festung aus roten Ziegeln in einem der ärmsten Viertel der Stadt. Zehn Schwangere in Not finden hier anderthalb Jahre lang eine Zuflucht, um ein Kind zur Welt zu bringen, meist ohne Vater und ohne Geld, gemeinsam zu kochen und zu wirtschaften. Anderthalb Jahre, um Familie zu lernen und das Selbstwertgefühl auf ein lebensnotwendiges Minimum zu heben.
Russland erlebt eine Krise der Familie. Russland sterbe aus, warnen Demografen. Jahr für Jahr schrumpft die Bevölkerung um eine Million Menschen. Dabei sind die Waisen nur die jüngsten Opfer jener tektonischen Verschiebungen, die in Russland alle paar Jahre eine Welt untergehen lassen: Revolution, Bürgerkrieg, die Hungersnöte nach der Kollektivierung, zwei Weltkriege - und das war nur das letzte Jahrhundert. Russland bringt Wellen Verwahrloster so zuverlässig hervor wie frisch gefallenen Schnee. 1923 zogen Banden marodierender Minderjähriger durchs Land, deren Zahl die Pädagogin Nadeschda Krupskaja, Lenins Gattin, auf sieben Millionen schätzte. Eine extreme Situation, die extreme Lösungen verlangte.
Ein Plan wird entworfen
«Es kommt darauf an, einen neuen Menschen zu erziehen. Wir brauchen so einen Menschen, unseren Menschen! Es ist eine heilige Sache!», forderte ein sowjetischer Bürokrat. Und der Volksschullehrer Anton Makarenko wurde ihr Prophet. Er schuf Heime für jugendliche Delinquenten und eine Kollektivpädagogik, die ganze Länder prägen sollte. Makarenko verzichtete auf Schläge und ermunterte zur Arbeit, sein wichtigster Erzieher war das Kollektiv. Die Kolonie, eigentlich ein Auffanglager für den sozialen Ausschuss, wurde zum Modell der sozialistischen Gemeinschaft. Der Mensch war nicht einfach Mensch, sondern Teil eines grossen Planes, Zukunftsmaterial, auch Kinder, gerade sie. «Als Einzelner konnte der Mensch sich nicht aus dem Dreck der alten Gesellschaft befreien», schrieb Makarenko. Im Kollektiv aber gelang das Wunder.
Nach dem Zerfall des sowjetischen Grosskollektivs aber zeigte sich, wie verhängnisvoll Makarenkos Lehre war. Die Zöglinge wurden nicht länger an sozialistische Zwangsgemeinschaften wie den Komsomol, die Sowchose, die Partei weitergereicht, sondern irrten durch den neokapitalistischen Irrsinn. Russlands Kinderheime brachten keine «glücklichen Menschen» (Makarenko) hervor, sie schufen überhaupt nur in Ausnahmefällen lebensfähige Individuen. Eine Untersuchung ergab vor ein paar Jahren, dass 40 Prozent der Heimkinder nach der Entlassung kriminell werden, ein grosser Teil drogenabhängig, 10 Prozent begehen Selbstmord. Den Übergang in ein selbstständiges Leben schafft nur ein Bruchteil.
Boris Altschuler hält es für ein Wunder, dass die Kinder überhaupt bis zur Volljährigkeit überleben. Altschuler lebt in einem Winkel in einer Gemeinschaftswohnung, bis zur Decke vollgestopft mit Büchern, Zeitschriften, Studien. Er ist Vorsitzender der Organisation Recht des Kindes und einer der schärfsten Kritiker der russischen Familienpolitik. Am schlimmsten treffe es jene Kinder, die sich schlecht benehmen, die Schwierigen oder auch nur Auffälligen: «Unter dem Stempel‹zurückgeblieben› werden sie in besondere Heime eingewiesen und weggesperrt», sagt er. «Todeslager» nennt er solche Orte, in denen die Kinder nicht zur Schule gehen und schlecht ernährt werden, mit Tabletten ruhig gestellt und nie einen Arzt sehen: «Sie sind lebendig begraben.»
Eine Waisenindustrie entsteht
Erst im Mai 2006 rührte das Elend der Waisen auch den Kreml. Präsident Wladimir Putin erhöhte die Unterstützung für Pflegefamilien. In fünf Jahren sollten alle Heime geschlossen werden und jedes Kind eine Familie finden. Es war ein neuer Ansatz für ein altes Problem, in bester Absicht gefasst, aber radikal wie eh und je. Im Bildungsministerium verweist man auf erste Erfolge. Die Zahl der Kinder in Heimen (ab drei Jahre) und Internaten (ab sechs Jahre) habe sich von 2005 bis 2008 fast halbiert, die Zahl der Kinder in Pflegefamilien vervierfacht, sagt Abteilungsleiter Wladimir Kabanow. Augenwischerei, tadelt Altschuler: Die zermürbende Adoptionsprozedur ähnele nach wie vor «den drei Kreisen der Hölle», und was die Pflegefamilien angehe, sei eine «Waisenindustrie» entstanden mit Werbekampagnen im Fernsehen und in der U-Bahn, mit Datenbanken von Ministerien und Heimen, in denen Interessenten das Angebot verfügbarer Kinder inspizieren. Zwar werde nach Kräften vermittelt, aber ohne Betreuung, ohne Nachsorge, dafür manchmal mit furchtbaren Folgen. Erschüttert verfolgte das Land im vergangenen März das Martyrium des vierjährigen Gleb, der mit Schädelhirntrauma, Gesichtsverbrennungen und Genitalverletzungen ins Spital kam, nachdem er ein Jahr in einer Pflegefamilie gelebt hatte. Gleb sei die Treppe heruntergefallen, behauptete die Pflegemutter. Sie habe ihn mit einem Teekessel geschlagen, sagte Gleb.
Wie so oft in Russland hängt deshalb das Schicksal der Schwächsten vom Idealismus Einzelner ab. Zum Beispiel von Swetlana Rogowa. Sie ist Direktorin des Kinderheims in Pokrow, einem Flecken zwei Zugstunden östlich der Hauptstadt. Ein eisiger Regen pladdert auf die Strasse der 3. Internationale, auf den Spielplatz, den selbst angelegten Garten und das Gebäude, in dem neuerdings viel Platz ist. «Vor sechzehn Jahren waren hier 140 Kinder, heute sind es 48», sagt Rogowa. Ihr Heim ist eine Vorzeige-Einrichtung mit Fitnessräumen und einer Krankenstation so gross wie ein ganzes Stockwerk, mit Computer-plätzen, Entspannungsraum, Bibliothek und Wintergarten. In der Stadt heisst es, wenn nur alles so gut funktionierte wie das Kinderheim, ginge es Pokrow besser. Die Kinder hängen an ihrer Direktorin, schmiegen sich an sie, lesen ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Und doch, bei aller Liebe, ist dies keine Familie, und Rogowa weiss das.
Sie sucht Eltern, aber sie kennt das Risiko: «Heute bekommt eine Pflegefamilie für Ernährung und Kleidung eines Pflegekindes fast so viel wie ein Handwerkerlohn. Natürlich ist die Gefahr gross, dass jemand nur etwas verdienen will», sagt sie. Und so ist nicht nur die Zahl der Vermittlungen gesunken, sondern auch die Zahl der Rückkehrer gestiegen. Rogowa hat deshalb vor einem Jahr einen sozialen Dienst eingerichtet, der die Eltern auf das fremde Kind vorbereitet: «Seitdem wurde kein Kind mehr zurückgegeben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2010, 08:53 Uhr




