Massuds Erben setzen auf die Jungen
Von Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 15.10.2010 3 Kommentare
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Es dauert nur einen Augenblick, dann bringt der zweitälteste Sohn das kalt glänzende Gewehr in die Stube. Es ist eine russische Kalaschnikow, die Waffe der Aufständischen dieser Welt. Naimullah nimmt blitzschnell das Magazin heraus, macht eine Ladebewegung, kontrolliert das Patronenlager – dann reicht er sie weiter. Sie sieht aus, als hätte er sie gerade frisch gefettet.
«Ich bin bereit», sagt Naimullah. Ein Wort genügt, und der 51-jährige Familienvater und ehemalige Mujahedin würde wieder in den Krieg ziehen. Vielleicht, fügt er hinzu, würde er nicht mehr zuvorderst stehen, an die Front sollten jüngere Kräfte. Er selber war 19, als er dem grossen Ahmed Shah Massud 1979 in die steilen Berge des Panjshir-Tals folgte, um den Kampf gegen die gottlosen Kommunisten in Kabul und ihre sowjetischen Helfer aufzunehmen.
Frei und unabhängig
Für Massud würde Naimullah auch heute noch sein Leben geben. Doch Massud ist tot. Ermordet zwei Tage vor dem 11. September 2001. Die Drahtzieher sind bis heute unbekannt. Eine These besagt, dass Osama Bin Laden den Mord in Auftrag gegeben hat. Eine andere, dass Pakistans Geheimdienst die Mörder geschickt hat.
Massud ist Afghanistans einziger Nationalheiliger. Sein Porträt hängt überall. Am Flughafen, in Amtsstuben, in Schlafzimmern. Sein Todestag ist ein offizieller nationaler Feiertag. Massud war Freiheitsheld und religiöser Führer zugleich. Er ist für viele Afghanen der einzige Kriegsfürst, der nicht für sich und seinen Stamm kämpfte, sondern für das Land. Er war der einzige Mujahedin-Kommandant, der während der Kriege gegen die Sowjets und später gegen die Taliban nicht ins Exil flüchtete, sondern blieb und Widerstand leistete. Sein Geburtsort, das Panjshir-Tal, ist der einzige Fleck Afghanistans, der in den letzten drei Jahrzehnten stets frei und unabhängig blieb. Sein Grab, auf einer strategischen Anhöhe im gleichen Tal gelegen, wird gerade zu einer imposanten Erinnerungsstätte ausgebaut – mit Mausoleum, Bibliothek, Museum und Moschee.
Euphorie nach Einnahme Kabuls
Naimullah lässt Suppe, gebratenen Reis, Fleisch und frische Kräuter auftragen. Er spricht nur, wenn er gefragt wird. Als Kind hat er schreiben und lesen gelernt. Seine Eltern wollten, dass er eine gute Ausbildung erhält. Doch dann kam der Krieg. Mehr als eine Million Afghanen wurden während der sowjetischen Besatzung getötet. Weitere hunderttausend kamen im folgenden Bürgerkrieg um. «Ich habe viele sterben sehen», sagt Naimullah. Angst habe er trotzdem nicht gehabt. «Wir wussten, wofür wir kämpften.» Im November 2001 war er einer der Soldaten der Nordallianz, die in Kabul einmarschierten und die Taliban verjagten. Afghanistan erwachte aus einem islamistischen Albtraum. Im ganzen Land herrschte Euphorie. Die kriegsmüde Bevölkerung fing an zu träumen: von Frieden und grenzenlosen Möglichkeiten. Denn die Welt, angeführt von den Amerikanern, versprach dem geschundenen Land auf einer grossen Konferenz in Deutschland eine demokratische Regierung und Milliarden von Dollar für den Wiederaufbau.
Naimullah kehrte ins Panjshir-Tal zurück. Die Kalaschnikow legte er unter das Bett. Jetzt arbeitet er für das lokale Bildungsdepartement und organisiert Alphabetisierungskurse für Erwachsene. Dafür zahlt ihm die Regierung in Kabul 100 Dollar im Monat. «Hundert Dollar», sagt er noch einmal. Dann lacht er verächtlich. Hätte er nicht acht Kühe und das Land von seinem Vater, wäre seine siebenköpfige Familie längst verhungert. «Die Regierung von Karzai ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Keine war korrupter und verlogener.» Er nennt ihn nicht einmal Präsident.
Karzai ist vielen verhasst
Seit über acht Jahren sitzt Hamid Karzai im Regierungspalast in Kabul. Erst als Interimspräsident, dann als gewählter Präsident und jetzt als wiedergewählter Präsident. Die Bilanz ist – ausser für die schwindende Zahl seiner Anhänger – eine einzige Katastrophe. Weite Teile Afghanistans werden heute wieder von den Taliban kontrolliert. Der zivile Wiederaufbau ist zum Erliegen gekommen. Die ausländischen Helfer leben in schwer gesicherten Gebäuden hinter Stacheldraht und dicken Betonwänden, die sie vor Selbstmordattentätern schützen sollen. Von den vielen Milliarden aus dem Westen hat die afghanische Bevölkerung nur wenig zu spüren bekommen. Ihre wirtschaftliche Lage hat sich kaum verändert. Reich geworden sind nur ganz wenige – und die leben jetzt auch hinter hohen Mauern und Stacheldraht.
Als Hauptschuldigen für die Misere haben die Afghanen Präsident Karzai ausgemacht. Seine Wiederwahl 2009 schaffte er nur, weil beim Auszählen der Stimmen heftig betrogen wurde. Auch mit der Schutzmacht Amerika, die ihn auf den Schild gehoben hatte, hat er sich überworfen. US-Präsident Barack Obama genehmigte zwar eine Aufstockung der Kampftruppen auf über 100?000 Mann. Doch gleichzeitig legte er fest, dass Mitte 2011 der Abzug beginnen wird. Dann muss die afghanische Armee selber für Sicherheit sorgen. Seither versucht Karzai verzweifelt, sich mit den Taliban zu arrangieren. Denn ohne Amerikaner und Nato wird seine Regierung nicht lange überleben. Die Islamisten stehen vor den Toren der Hauptstadt. Ein Friedensrat versucht jetzt, im Auftrag von Karzai mit den Taliban zu verhandeln.
Afghanistan am Scheideweg
Harun Mir kann darüber nur lachen. «Mit den Taliban kann man nicht verhandeln», sagt der 42-jährige Politologe. Mir gehört zu den jungen und wilden Erben Massuds. In den Neunzigerjahren, während des Krieges gegen die Taliban, arbeitete er in Massuds Hauptquartier in Nordafghanistan. Anders als Massuds gleichaltrige Gefährten, hat er sich bislang aus der Politik herausgehalten. Doch die drohende Rückkehr der Taliban an die Macht – als Seniorpartner von Karzai oder als Sieger gegen die Nato und die afghanische Armee – hat ihn zum Aktivisten gemacht. Er kandidierte letzten Monat für das neue Parlament, und er prophezeit nichts weniger als die Geburt einer neuen landesweiten Oppositionsbewegung, getragen von einer jungen Generation von Afghaninnen und Afghanen.
Hunderttausende will Mir hinter sich sammeln. «Wir stehen an einem Scheideweg in der Geschichte Afghanistans», sagt er, «wenn wir jetzt nicht aufstehen, dann werden die Taliban zurückkommen und den Leuten ihre Bedingungen diktieren.» Mir redet schnell, und er ist ein bekanntes Gesicht. Er tritt regelmässig im afghanischen Fernsehen auf. Er schreibt Kommentare für amerikanische Internetmedien und lässt sich von europäischen Zeitungen interviewen. Sein Geld verdient er mit einem Forschungsinstitut, das finanziell von Kanada unterstützt wird und Sicherheitsanalysen für die Nato-Truppen liefert. Auch das Geld für die neue Bewegung soll aus dem Ausland kommen – von den Hunderttausenden Exilafghanen in westlichen Metropolen.
«Taliban machen keine Kompromisse»
Mir ist überzeugt, dass Karzais Weg des Dialogs in den Abgrund führt. «Die Taliban sind Ideologen. Die machen keine Kompromisse.» Die meisten Afghanen seien gegen die Taliban. Doch diese schweigende Mehrheit habe keine Stimme. Das will Mir ändern. «Wir haben keine andere Wahl. Es ist Zeit, dass sich diese Mehrheit organisiert. Nichtstun ist keine Option. Sollen wir denn auswandern? Und Afghanistan wieder den Taliban überlassen?»
Es ist eine rhetorische Frage. Neu ist allerdings, dass Mir eine politische Bewegung von unten schaffen will. Das ist ein radikaler Bruch mit einer jahrhundertelangen Tradition, eine Kulturrevolution. Denn bis heute wurden die Afghanen stets von oben regiert, von Stammesältesten, Königen, Warlords, Clanfürsten und Präsidenten. Und wenn politisch nichts erreicht wird? «Dann», sagt Mir, «müssen wir halt eine militärische Front eröffnen.» Mir ist nicht allein. Hinter ihm steht ein Mann, in dem gerade junge Afghanen einen unverbrauchten neuen Hoffnungsträger sehen, obwohl er im Schatten der Macht verkehrt. «Unser Führer», sagt Mir, «ist Amrullah Saleh. Er wird die Leute mobilisieren.»
Ex-Spion als Hoffnungsträger
Amrullah Saleh, geboren 1972 im Panjshir-Tal, könnte Massuds kleiner Bruder sein. Angeblich focht er schon als Teenager an der Seite seines Vorbilds gegen die Sowjets. In den Neunzigerjahren, während des Krieges gegen die Taliban, machte ihn Massud zum Chef seines Büros in Tadschikistan. Er wirkte als Botschafter für Hilfsorganisationen, war zuständig für Spionage und hielt Kontakt zum amerikanischen Geheimdienst CIA. Als Massud am 9. September 2001 von einer Bombe zerfetzt wurde, hielt sich Saleh nur wenige Meter entfernt in einem anderen Zimmer auf. Es hätte auch ihn treffen können. Es war Saleh, der am selben Tag in der CIA-Zentrale anrief und die Amerikaner vom tödlichen Anschlag auf Massud unterrichtete.
Saleh gilt als blitzgescheit. Er wäre der natürliche Nachfolger des grossen Massud gewesen. Doch das politische Erbe sicherten sich ältere Gefährten: Abdullah Abdullah, Mohammed Fahim und Yunus Qanuni. Sie wurden nach dem Sturz der Taliban allesamt Minister unter Karzai und sind heute Vizepräsident (Fahim) und Vorsitzender des Parlaments (Qanuni). Der junge Saleh verschwand in einer Abteilung des neuen afghanischen Geheimdiensts. 2004 ernannte Karzai ihn zum obersten Spion. Und obwohl seine Mitarbeiter wegen ihrer harschen Methoden immer wieder für negative Schlagzeilen sorgten, erwarb sich Saleh rasch den Ruf eines tüchtigen Kadermannes.
Widerstand gegen die Taliban
Lob bekam er – weniger überraschend – auch von den Amerikanern. Doch selbst neutrale Beobachter halten ihn für eine besondere Erscheinung in der afghanischen Politik. «Amrullah Saleh ist einer der ganz wenigen ehrlichen Leute, die ich hier kennen gelernt habe», sagt ein führender Mitarbeiter einer grossen internationalen Organisation, der viel mit ihm zu tun hatte, aber offiziell nichts sagen darf.
Mit Karzai verstand sich der neue Geheimdienstchef anfänglich gut. Doch als der Präsident gegenüber den Taliban eine Politik der ausgestreckten Hand zu betreiben begann, verschlechterte sich das Verhältnis drastisch. Für Saleh sind die Taliban nicht einfach «verärgerte Brüder», wie Karzai sie neuerdings zu nennen pflegt, sondern Extremisten und Mörder. Schliesslich reichte Saleh im vergangenen Juni seinen Rücktritt ein. Seither hat die Regierung über 400 inhaftierte Taliban freigelassen.
Saleh fuhr allerdings nicht einfach heim ins Panjshir-Tal und schwieg. Er begann eine Kampagne, um die Bevölkerung und das Ausland auf die Folgen der falschen Politik aufmerksam zu machen. Er ist entschlossen, die Rückkehr der Taliban mit allen Mitteln zu verhindern. Es ist der Geist von Massud, der ihn antreibt. «Ich bin nicht gegen Frieden», sagt Saleh, «aber ich bin gegen die Talibanisierung meines Landes. Wir haben schon vor dem Einmarsch der Nato gegen die Islamisten gekämpft. Und wenn wir sehen, dass unsere Geschichte, unser Leben, unsere Prinzipien verraten werden durch einen Deal mit den Taliban, dann werden wir wieder zu den Waffen greifen und kämpfen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.10.2010, 21:16 Uhr
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