Ausland
Maos Lieblingsfluss ist heute eine Gift-Kloake
Von Henrik Bork, Peking. Aktualisiert am 13.08.2009
800 Kilometer lang zieht sich der Xiang-Fluss durch China.
Mao Zedong liebte diesen Fluss, doch heute ist er eine Kloake. Über den Xiang-Fluss spricht gerade wieder ganz China. Berühmt wurde er vor Jahrzehnten, weil der «Grosse Vorsitzende» so gerne in seine Fluten sprang. Am 30. Mai 1956 etwa schwamm er bis zur «Orangeninsel» und besuchte einen Bauern, wie auf einem historischen Foto zu sehen ist. Jedes Kind kennt daher in China diesen Fluss.
Heute aber ist der Fluss so stark vergiftet, dass vom Schwimmen und Baden dringend abgeraten werden muss. Man könne seinen Schlamm «einfach ausbaggern» und dann in einer Raffinerie erneut zur Gewinnung von Schwermetallen nutzen, schlug Zhang Zhiguang kürzlich vor, ein Mitarbeiter der Umweltschutzbehörde von der Provinz Hunan. Er meinte das natürlich ironisch. Das Zitat stammt aus einem mutigen Bericht des chinesischen Wirtschaftsmagazins «Caijing». Diese Umweltkatastrophe ist selbst für China einzigartig schlimm.
Umweltschädliche Planwirtschaft
Rund 800 Kilometer lang schlängelt sich der Fluss aus den Haiyang-Bergen in Südchina bis zu seiner Mündung in den Dongting-See. Dort speist er seine Wasssermassen in den Jangtsekiang, den «langen Fluss». Den grössten Teil dieser Strecke fliesst der Xiang durch die Provinz Hunan. Mao wurde unweit seines Ufers im Ort Shaoshan geboren und schwamm in seiner Jugend oft im Xiang-Fluss. «Selbst im Herbst» sei Mao immer noch gerne reingesprungen, erinnerte sich einst Maos Sekretär Li Rui.
Doch der Gründervater der chinesischen Nation trägt auch Mitverantwortung für den Niedergang dieses stolzen Flusses. Hunan ist reich an Naturschätzen, und die von Mao propagierte sozialistische Planwirtschaft beutet sie besonders ineffektiv und umweltschädlich aus – bis heute. Nirgendwo in China wird mehr Zink, Blei und Antimon abgebaut als in Hunan. Auch besonders grosse Mengen von sieben anderen Nichteisenmetallen werden hier geschürft.
Bis heute wird vielerorts ohne jegliche Umweltauflagen produziert. Giftiger Schlamm wird einfach in den Xiang und seine Zubringer gekippt. Selbst normale Kläranlagen sind selten. «In manchen Abschnitten des Xiang-Flusses übersteigen die Schwermetallwerte den nationalen Standard mehrere Hundert Mal», sagte der Umweltbeamte Zhang.
Bauern protestieren
Besonders schlimm ist die Belastung mit dem hochgiftigen Cadmium, einem Nebenprodukt der Zinkgewinnung. Am 30. Juli dieses Jahres protestierten mehr als 1000 Bauern gegen die Vergiftung ihres Trinkwassers und ihres Bodens. Sie trugen dabei die Leiche eines an Cadmium-Vergiftung gestorbenen Bauern vor die Lokalverwaltung von Liuyang, berichteten örtliche Medien. Unzählig viele Menschen sterben inzwischen im Einzugsgebiet des Xiang-Flusses auf diese grausame Weise. «Caijing» nannte den Fall des siebenjährigen Liu Bingqing, dessen Todesursache im Dezember vergangenen Jahres ebenfalls als Cadmium-Vergiftung diagnostiziert worden war.
Die chinesische Polizei hatte den Protest, einen von vielen Tausend Umweltprotesten, die das Land inzwischen jährlich erlebt, schnell unter Kontrolle gebracht. Der Leichnam des Mannes soll verbrannt worden und die örtliche Dreckschleuder sogar geschlossen worden sein. Doch das Problem hat allein in Hunan solche Ausmasse, dass es Chinas Regierung noch Jahrzehnte beschäftigen wird.
Bergwerke sind Dreckschleudern
In Gemüseproben aus dem Bezirk Qingshuitang bei Zhuzhou am Xiang-Fluss fand Chinas Umweltbehörde Konzentrationen von Cadmium, Quecksilber und Blei, die nationale Grenzwerte um das jeweils 65-, 186- und 66-Fache überstiegen. Und Cadmium ist nur eine Zutat des Gift- Cocktails, für dessen komplette Aufzählung hier kein Platz ist.
Die Verschmutzung ist allerdings nicht nur eine Spätfolge der Industrialisierung unter Mao Zedong. Zwischen 2002 und 2007 gab es einen örtlichen «illegalen Bergwerksboom». Mehrere Hundert Minen und Kleinfabriken schossen plötzlich an einem einzigen Standort neu aus dem Boden, weil die Weltmarktpreise für Nichteisenmetalle angestiegen waren. Sie operierten «unter der Aufsicht korrupter Beamter», schrieb «Caijing». Niemals zuvor habe er einen so schwer verschmutzten Fluss gesehen, sagte Chen Guiqiu, ein Professor für Umweltwissenschaften in Hunan.
Chinas Kommunistische Partei hat begonnen zu handeln. In Xiangxiang, einer ebenfalls an einem Zubringer des Xiang gelegenen Stadt, erzählen sich die Bewohner eine Anekdote über einen mutigen Umweltbeamten aus der Provinzhauptstadt Changsha. Er habe gedroht, er fahre so lange nicht mehr heim, bis die schlimmsten Fabriken geschlossen seien. So habe er sich gegen die korrupten örtlichen Parteisekretäre durchgesetzt, heisst es. Doch oft machen solche Fabriken kurze Zeit später wieder auf.
Chinas Vizepremier Li Keqiang hat in diesem Jahr bereits eine Inspektionstour entlang dem Xiang-Fluss unternommen, und die Zentrale in Peking will in den kommenden Jahrzehnten angeblich Milliarden in die Sanierung des Flusses investieren. Chinesische Kritiker merken jedoch an, dass ähnliche Projekte in China im Laufe der Zeit oft wieder an der Finanzierung scheitern.
Chinesen baden trotzdem
Manche Chinesen lassen sich das Schwimmen im Xiang-Fluss trotz allem immer noch nicht nehmen. Jedes Jahr gedenkt ein örtlicher Schwimmverein in Changsha des 16. Juli, als Mao vor nunmehr 43 Jahren das letzte Mal im Jangtse-Fluss schwamm. Mehr als hundert Schwimmer stürzten sich da in diesem Jahr in die trüben Fluten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.08.2009, 11:00 Uhr
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