Man spricht Deutsch: Wie sich Deutsche zu Al-Qaida-Terroristen ausbilden lassen

50 bis 100 Deutsche wurden in Pakistan zu Terroristen ausgebildet. Junge Bundesbürger wie Bekkay Harrach und Eric Breininger bedrohen nun ihre alte Heimat.

Quelle: Youtube


Was ich sagen will: Es stehen nicht nur Menschenleben auf dem Spiel, sondern auch Arbeitsplätze», droht der Mann mit dem Kampfnamen «Al Hafidh Abu Talha, der Deutsche». Eigentlich heisst er Bekkay Harrach. Der heute 31-Jährige kam mit vier Jahren nach Deutschland, wuchs in Bonn auf, begann ein Studium in Lasertechnologie und Wirtschaftsmathematik. Nun - das Video datiert vom letzten Oktober - sitzt er mit einer Panzerfaust auf einem Geröllfeld und legt vor laufender Videokamera, den Zeigefinger drohend erhoben, seine krude Weltsicht dar. Auf Deutsch.

Das Video wirkt zunächst wie Satire: ungelenk-theatralische Gesten, schiefe Metaphern: «Wisset: Taliban und al-Qaida sind wie eine Primzahl, die nur durch sich selbst und durch eins teilbar ist!» Aber den deutschen Sicherheitsbehörden ist nicht zum Lachen zumute.

Eine authentische Produktion

Die Behörden halten das Video für eine authentische Produktion der Al-Qaida-Propagandaabteilung, das von der Führungsebene abgesegnet sein müsse. Nach Einschätzung von Spezialisten ist Harrach der Al-Qaida-Führung so nahe gekommen wie nur ein Deutscher je zuvor: Christian Ganczarski. Konvertit Ganczarski soll mehrere Monate mit Osama Bin Laden in einem Lager verbracht und ihn mit Insulin versorgt haben. Die Zuckerkrankheit der achtjährigen Tochter von Ganczarski soll die beiden Männer einander nahe gebracht haben. In Sachen Ganczarski wird heute Donnerstag in Paris das Gerichtsurteil erwartet. Er soll den Terroranschlag geplant haben, bei dem 2002 auf Djerba 21 Menschen starben.

Gemäss Recherchen des Magazins «Der Spiegel» ist Harrach im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ein bekannter Mann. Jeder Kämpfer in Ost-Waziristan kenne den deutschen Gast, der örtliche Warlord schätze ihn wegen seiner Kenntnisse im Bombenbau - und weil er Anschlagspläne mit deutscher Gründlichkeit auf Papier zu planen wisse. «Wenn wir etwas machen wollen, holen wir immer die Meinung des Deutschen ein», zitiert der «Spiegel» einen Patschtunen-Kommandeur. Die Devise, die einst für die Touristenhochburgen dieser Welt galt, trifft demnach heute auch auf Pakistan zu und auf die Drohvideos von al-Qaida: Man spricht Deutsch. 50 bis 100 Deutsche, schätzen die Behörden, sind bisher in pakistanischen Terrorlagern ausgebildet worden.

Botschaft aus Afghanistan

Erst letzte Woche stellte die Islamische Bewegung Usbekistans ein Video ins Netz mit dem Titel: «Frohe Botschaft aus Afghanistan». Gleich vier Männer treten darin auf, die alle fliessend Deutsch sprechen. Abu Abdullah lockt: Die Basis der Kämpfer sei ein familienfreundlicher Ort: «Drum bringt eure Frauen und Kinder mit!» Die Kleinen könnten vor Ort den Islam lieben lernen, erklärt er. Zu sehen ist gleichzeitig, wie ein Mädchen mit einem Maschinengewehr herumspielt, die Waffe wie ein Karussell dreht. Der Koch der Kämpfer lacht in die Kamera und erklärt in gebrochenem Deutsch: «Kommt und geniesst den schönsten Urlaub eures Lebens.» Nur der Kommandeur stellt zum Schluss klar: «Ich bin kein Berliner!»

«Adressatengerecht», sei das Werbevideo, lautet der lakonische Kommentar deutscher Terrorexperten. Innenstaatssekretär August Hanning zieht den Schluss, dass Deutschland für die Terroristen nicht mehr einfach irgendein westliches Land sei, sondern als Zielland weit nach vorn gerückt sei. Vor allem das Video von Harrach hat die Behörden alarmiert. Weil es aus der Al-Qaida-Küche kommt, weil erstmals eine Drohbotschaft ausschliesslich gegen Deutschland gerichtet wurde und weil die Behörden Harrach für wesentlich gefährlicher halten als andere Terroristen.

Er kenn den Bundestag

Harrach ist ein einheimisches Gewächs. Er kennt Deutschland. Er weiss, dass im Herbst der Bundestag neu gewählt wird. Er weiss sogar, dass der Bundestag das Afghanistan-Mandat um 14 statt wie üblich um 12 Monate verlängert hat, im Bemühen, das sensible Thema aus dem Bundestagswahlkampf herauszuhalten. So also sehe Demokratie aus: Das Volk solle sich nicht einmal alle vier Jahre zum Krieg in Afghanistan äussern dürfen, spottet Harrach. Zugleich droht er mit Anschlägen in Berlin, Köln und Bremen, falls Deutschland seine Truppen nicht aus Afghanistan abziehe.

Wer ist dieser Harrach? Bekannt ist: 1981 brachten ihn seine Eltern von Marokko nach Deutschland, seit 1997 hat er einen deutschen Pass. Das Fundament seiner hermetischen Weltsicht wurde offenbar durch die König-Fahd-Akademie in Bad Godesberg gelegt, wo jahrelang mit saudischen Petrodollars antiwestliche Propaganda finanziert wurde. Im Video erklärt Harrach, dass er davon träume, ein Selbstmordattentäter zu werden, seit Gerhard Schröder George W. Bush «uneingeschränkte Solidarität» versprochen habe. Vorher aber müsse er noch einige Ziele erreichen. Dazu macht er im Video seine Panzerfaust scharf und posiert mit der Waffe. Harrach ist mit einer deutschen Konvertitin verheiratet, die ihm nach Pakistan gefolgt ist, das Paar hat einen eineinhalbjährigen Sohn.

Ein Treffen im Hotel in Bonn

Stolz erzählt Harrach, dass ihn eines Tages der Bundesnachrichtendienst angerufen habe. Ein Mann, der arabisch mit deutschem Akzent sprach, habe mit ihm ein Treffen im Maritim-Hotel in Bonn verabredet und versucht, ihn anzuwerben. Dem Verfassungsschutz ist Harrach nach dem 11. September 2001 erstmals aufgefallen. Damals galt er bloss als Mitläufer. Doch 2003 reiste er ins Westjordanland, zweimal in den Irak. Die Behörden vermuteten, dass er als Freiwilliger in den Kampf ziehen wollte, und sprachen ihn daraufhin an. 2004 wurde Harrach von der Universität exmatrikuliert, er eröffnete einen Call-Shop. Zum Terroristen wurde er mutmasslich durch die Bekanntschaft mit Aleem Nasir. Der Pakistani mit deutschem Pass soll in Deutschland Kämpfer angeworben haben. Er stellte Harrach ein Empfehlungsschreiben für al-Qaida aus. Damit ausgestattet, reiste Harrach im März 2007 über die Türkei in den Iran und weiter nach Pakistan, wo aus dem höflichen, unauffälligen Bundesbürger «Al Hafidh Abu Talha, der Deutsche» wird. Ein Mann, der nach Meinung von Geheimdiensten zuständig ist für auswärtige Operationen, also zum Beispiel für den Einsatz deutscher Kämpfer in Deutschland.

«Unsere Atombombe heisst Autobombe. Jeder Muslim kann sie sein, und wenn ein Muslim sie nicht sein sollte, dann weiss man nie, ob er morgen eine wird», sagt Harrach. Solange deutsche Soldaten in Afghanistan seien, müssten die Deutschen sich vor dem schwarzköpfigen Mann, dem bärtigen Blonden an der Kasse hinter sich fürchten, weil sie einen Sprengstoffgürtel tragen könnten.

Bestürzung in Deutschland

In Deutschland löste das Video Bestürzung aus. Das Klima im Land ist zwiespältig: Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist ausgesprochen unpopulär. Etwa drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger lehnen ihn ab. In der Politik allerdings fordert lediglich die Linkspartei den Abzug der Soldaten. Selbst die pazifistisch orientierten Grünen sind nur gegen Teile des Einsatzes: gegen die Tornado-Kampfflugzeuge, gegen die schnelle Eingreiftruppe. Zugleich dominiert in der deutschen Öffentlichkeit die Wahrnehmung, dass die Amerikaner im Norden Afghanistans einen Antiterrorkrieg führen, den Deutschland nicht unterstützt. Die Bundeswehr dagegen sichere im Norden den zivilen Wiederaufbau des Landes, denkt man; die Soldaten würden dort von der Bevölkerung als Befreier geachtet.

Doch Harrach spricht Deutschland pauschal als den drittgrössten Truppensteller an und behauptet: Aus Angst vor den Taliban würden die Soldaten im Norden zivile Arbeit leisten, statt zu kämpfen. Wenn die Truppen so die Wasserversorgungwiederherstellten, «dann sagen wir: danke schön für die Investition», höhnt Harrach. Trotzdem würden die Mujahedin die Soldaten bekämpfen und besiegen. «Euch läuft die Zeit davon», warnt er, deutet auf seine Armbanduhr und droht: «Es wird der Tag kommen, an dem ihr euch wünschen werdet, Südkoreaner zu sein.» Südkorea hatte 2007 seine Soldaten nach einer Geiselnahme aus dem Irak abgezogen.

Er weiss, wie Deutsche ticken

Harrach müsse man ernst nehmen, weil er wisse, wie die Deutschen ticken, wie sie zu verunsichern seien, warnt der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Hartwig Möller. Wie gefährlich mit Deutschland vertraute Islamisten sind, zeigte 2007 die sogenannte Sauerlandgruppe: Daniel Schneider, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz sollen auf Anweisung der Führungsriege der Islamischen Dschihad-Union in Deutschland Anschläge vorbereitet haben. Am 4. September 2007 wurden sie festgenommen, als sie laut Polizeiangaben begannen, Bomben zu bauen. Wenige Tage zuvor hatte ein Freund von Schneider, Eric Breininger, Deutschland verlassen. Im Mai tauchte er dann in einem Video der Islamischen Dschihad-Union auf und lobte den Selbstmordanschlag eines Deutsch-Türken in Afghanistan.

Das Beispiel Breininger zeigt, wie rasend schnell in Deutschland das Kanonenfutter der Terrorgruppen nachwächst. Noch Ende 2006 war Breininger einfach ein jugendlicher Hiphopper im saarländischen Neunkirchen. Vielleicht war der 18-Jährige etwas orientierungslos, aber der Polizei fiel er nur auf, weil er einen Joint rauchte und weil er mit flach geklopften 20-Cent-Münzen einen Zigarettenautomaten plündern wollte. Er begann dann eine Ausbildung zum Industriekaufmann, jobbte nebenbei und lernte schliesslich im Dezember 2006 einen radikalen Muslim kennen, dessen klare Wertvorstellungen ihm imponierten. Im Januar brachte der ihn mit Daniel Schneider zusammen, der zu jener Zeit frisch aus Pakistan zurückgekehrt war. Bereits im Juni verkaufte Breininger seine Möbel bei Ebay und zog zum mutmasslichen Terroristen Schneider. Im September reiste er ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2009, 06:26 Uhr

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