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Luftangriff spaltet die Kriegspartner

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 07.09.2009

Widersprüche um den Angriff auf zwei Tanklastwagen bei Kunduz stellt die gesamte Afghanistan-Mission in Frage. Offiziere der deutschen Bundeswehr bezeichnen einen Bericht aus den USA als «bodenlose Frechheit».

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Ein einziger Luftangriff erschüttert den Zusammenhalt der internationalen Schutztruppen in Afghanistan. Sowohl die USA als auch Deutschland bemühen sich heftig, die Schuld an dem gemeinsam ausgeführten Angriff mit mindestens 56 Toten dem Gegenüber in die Schuhe zu schieben.

Die deutsche Bundeswehr in Kunduz hatte den Angriff auf zwei Tanklastwagen am Freitag befehligt, amerikanische Flieger hatten ihn ausgeführt. Nach Angaben der deutschen Bundeswehr und der Nato kamen dabei 56 Menschen ums Leben. Der lokale Gouverneur Abdul Wahid Omarkhel sprach heute von 135 Opfern, darunter auch Kinder. Auch die «Washington Post» schrieb am Sonntag mit Verweis auf das Nato-Untersuchungsteam, es seien etwa 125 Menschen ums Leben gekommen. Ob bei der Attacke auch Zivilisten starben, ist ebenfalls unklar: Die deutsche Bundeswehr verneint das, die Nato-Spitze hingegen hält es für wahrscheinlich – die Ermittlungen laufen.

Haben die Deutschen Fehler gemacht?

Die amerikanische Nato-Spitze nutzt die Zeit seit Freitag, um den europäischen Kriegspartner zu kritisieren. Gregory Smith, Sprecher von Nato-Kommandeur Stanley McChrystal, wirft der deutschen Bundeswehr vor, schwere Fehler gemacht zu haben. Die Kommandeure hätten auf Luftbilder rund 120 Menschen sehen können, die sie für Militante hielten.

Sie hätten daraufhin den Luftangriff angeordnet, obwohl die Bilder sehr grobkörnig gewesen seien, sagte Sprecher Smith. Obwohl auch die Piloten – Amerikaner – den Befehl hätten zurückweisen können, liege die letzte Entscheidung immer beim Kommandeur.

Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung wiederum verteidigte die Entscheidung des Bundeswehrkommandos vor Ort. Man müsse eindeutig sehen, dass aufgrund der Entführung der beiden Tanklastwagen voll mit Benzin «eine Bedrohung für unsere Soldaten vorhanden war», sagte Jung am Wochenende dem ZDF. Die beiden Lastwagen sollten nach Ansicht militärisch Verantwortlicher möglicherweise für einen Selbstmordanschlag auf die Deutschen genutzt werden.

«Bodenlose Frechheit»

Für zusätzliche Hitze im Schlagabtausch sorgte am Wochenende ein Bericht der «Washington Post», wonach die Bundeswehr in Kunduz ihren Angriff auf der Basis von nur einer Informationsquelle getroffen habe. Dies würde klar gegen die Vorgaben der Nato verstossen.

Die deutsche Seite wehrt sich heute gegen die Vorwürfe aus dem amerikanischen Machtzentrum. Das Verteidigungsministerium in Berlin wies den Bericht der «Post» nüchtern zurück. Er sei irritiert, «dass die Öffentlichkeit gesucht wird von anderen, obwohl sie wohl auch keinen anderen Informationsstand haben wie wir», sagte Verteidigungs-Staatssekretär Christian Schmidt heute im ZDF-«Morgenmagazin». «Abschliessende Erkenntnisse liegen noch nicht vor.»

Offiziere der Bundeswehr reagierten emotionaler und bezeichnen den Bericht als «bodenlose Frechheit». Es sei Nato-Kommandeur McChrystal persönlich, der den amerikanischen Journalisten in die Ermittlungen eingeschleust habe. Es handle sich hier um «offenbar von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen in einem laufenden Untersuchungsverfahren» zitiert «Spiegel Online» die «Neue Osnabrücker Zeitung». Es gehe ganz klar darum, «das deutsche Engagement in Afghanistan zu diskreditieren».

«Wir sind die Bösen»

In Deutschland, wo das Thema Afghanistan bislang vorsichtig aus den Debatten vor der Bundestagswahl ferngehalten wurde, sorgen die Vorwürfe gegen die Bundeswehr und der rasant wachsende Graben zwischen den Partnern für aufgeregte Diskussionen.

Sämtliche deutschen Leitmedien – von «Spiegel Online» über Sueddeutsche.de bis zu «Zeit» und «Welt» widmen der internationalen Kritik an Deutschland und dem rasant zunehmenden Graben zwischen den Kriegspartnern ihre Titelseiten. Kritisiert wird in den Berichten nicht nur das vorschnelle Urteil der amerikanisch dominierten Nato, sondern auch der eigene Verteidigungsminister, der sich einer offenen Debatte um das Engagement in Afghanistan verweigert.

Eine Konferenz soll die Mission klären

Zum Wochenanfang demonstrieren nun beide Staaten ihren Willen, die Gräben zu kitten. Nato-Sprecher Smith sagte nur Stunden nach seiner Kritik, er hoffe, dass der Vorfall keinen Graben zwischen den Amerikanern und Deutschen aufreissen werde. «Ich hoffe, dass alle die Untersuchung unterstützen», erklärte er.

Die deutsche Bundeskanzlerin kündigte am Sonntagabend vor einem Abendessen mit dem britischen Premier Gordon Brown überraschend an, man wolle noch dieses Jahr eine grosse Afghanistan-Konferenz einberufen. Ausrichter der Konferenz seien Deutschland, Grossbritannien und Frankreich. Die Konferenz sei sowohl mit der Nato als auch mit US-Präsident Barack Obama abgestimmt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2009, 11:22 Uhr


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