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Kampf gegen Aids rüttelt an religiösen Tabus

Von Richard Diethelm, Jakarta. Aktualisiert am 05.07.2012 12 Kommentare

In Indonesien, dem grössten muslimischen Land der Welt, ist Sexualkunde verboten. Homosexuelle und Prostituierte werden geächtet. Dennoch ist es mithilfe des Global Fund in Genf gelungen, Aids einzudämmen.

In der Hölle des Vergnügens: Die Sexarbeiterin Riski (rechts) und eine Kollegin gehen anschaffen, um sich als alleinerziehende Mütter durchzubringen.

In der Hölle des Vergnügens: Die Sexarbeiterin Riski (rechts) und eine Kollegin gehen anschaffen, um sich als alleinerziehende Mütter durchzubringen.
Bild: Kemal Jufri (The Global Fund)

(Bild: TA-Grafik ek)

Initiative von Annan und Gates

Der Global Fund (GF) mit Sitz in Genf ist die bedeutendste internationale Finanzierungsorganisation für Programme zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Seit der Gründung 2002 hat der Fonds mehr als 1000 Gesundheitsprogramme in 150 Ländern mit 22,6 Milliarden Dollar unterstützt. Treibende Kräfte hinter der Idee waren der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan und Microsoft-Gründer Bill Gates.

Obschon die Bill & Melinda Gates Foundation bis Ende 2011 dem GF 800 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt hat, stammt das meiste Geld von Staaten. Die Liste der Geberländer führen die USA an (mit mehr als 6 Milliarden Dollar bis Ende 2011), gefolgt von Frankreich (2,8 Milliarden), Deutschland (1,5 Milliarden) und Japan (1,4 Milliarden). Die Schweiz überwies in dieser Zeit 55,5 Millionen Dollar.

Der GF führt selbst kein Gesundheitsprogramm durch, sondern prüft Subventionsgesuche aus Empfängerländern. Sichert der GF-Verwaltungsrat einen Finanzbeitrag zu, wird das Geld in Jahrestranchen an die Empfänger ausbezahlt, sofern im Voraus festgelegte, messbare Erfolgskriterien erfüllt sind.

Das stürmische Wachstum des Fonds in den ersten zehn Jahren überforderte das GF-Management. Eine 2011 eingesetzte Untersuchungskommission stellte fest, dass in einzelnen Ländern Gelder missbräuchlich verwendet wurden. Generaldirektor Michel Kazatchkine, ein französischer Immunologe, trat daraufhin zurück. Seit Februar leitet der Brasilianer Gabriel Jaramillo den Global Fund. Der frühere Banker gewann das Vertrauen der Geldgeber zurück, indem er den aufgeblähten GF-Apparat in Genf verkleinerte und umbaute.

Der GF hat Indonesien insgesamt Beiträge von 550 Millionen Dollar zugesagt. Davon sind bisher 138 Millionen in Programme zur Bekämpfung der Malaria geflossen, 135 Millionen gegen die Tuberkulose und 121 Millionen Dollar gegen die Ausbreitung von HIV und Aids. (di.)

www.theglobalfund.org

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«In jedem Hafen der Welt gibt es Prostitution. Wissen Sie, wie viele Häfen Indonesien mit seinen 17'000 grossen und kleinen Inseln hat?», fragt Nafsiah Mboi und rollt vielsagend ihre Augen. «Das riesige Land und die sehr junge, mobile Bevölkerung sind unsere grössten Herausforderungen», sagt die Geschäftsführerin der nationalen Aids-Kommission in ihrem kleinen Büro im 9. Stock eines Hochhauses im Zentrum Jakartas. Die 72-jährige Kinderärztin, ehemalige Kaderfrau der Weltgesundheitsorganisation, leitet seit 2006 diese Kommission und sollte wenige Tage nach diesem Gespräch zur indonesischen Gesundheitsministerin ernannt werden.

Was für Häfen gilt, trifft laut Mboi auch auf Wirtschaftszentren im Landesinnern zu, wo viele Güter umgeschlagen werden. Bekasi, eine wuchernde Industriestadt im Osten der 14-Millionen-Metropole Jakarta, ist ein solcher Ort. Vom belebten Markt von Bekasi führen die verwinkelten Gassen eines Wohnviertels mit ärmlichen, einstöckigen Häuschen ins Camp Tenda Biru.

Es liegt am Rand einer Senke, durch die ein verschmutztes Flüsschen mäandert. Hierher verirrt sich kein westlicher Sextourist. Tenda Biru ist ein Ort, wo Lastwagenfahrer, Fabrikarbeiter und Handlanger für wenig Geld ihr Vergnügen suchen. In zwei staubigen Gassen reiht sich ein «Café» ans andere. Mannshohe Lautsprecher-Boxen wummern in den schäbigen Hütten. Jeder Tanzschuppen will den anderen übertönen. Der Lärm betäubt die Ohren und erschüttert das Zwerchfell.

Gratiskondome für Freier

Riski tut sich das jede Nacht von 9 Uhr abends bis 3 Uhr früh an. Warum? «Das ist eine lange Geschichte, aber die erzähle ich euch nicht», sagt die 29-Jährige, die wie 250 andere Prostituierte in dieser Hölle des Vergnügens arbeitet. Seit ihrer Scheidung vor vier Jahren schafft Riski im «Camp» an, um sich und ihre 14-jährige Tochter durchzubringen. Der Besitzer des Lokals, in dem sie Männer zum Trinken animiert, gibt ihr einen Anteil am Erlös aus dem Getränkeverkauf. «Das Geld der Freier kassiere ich allein», sagt Riski und wirft ihren Kopf mit den langen, kohlenschwarzen Haaren zurück. An einem «guten Tag» hat sie fünf Kunden. Wenn es regnet, läuft gar nichts. Pro Woche verdient sie etwa 500'000 Rupien, das sind 50 Franken.

Ein achtköpfiges Team der regionalen Aids-Kommission betreibt in Tenda Biru eine Art Ordnungsdienst. Die Helfer achten darauf, dass die Sexarbeiterinnen sich alle drei Monate untersuchen lassen. Sie fordern die Freier auf, beim Sex den Gummi überzustreifen, und verteilen Gratiskondome. Sozialarbeiter erklären im Gesundheitszentrum des Quartiers den Prostituierten, wie sie sich vor Aids schützen können. «Bei den letzten Tests waren 10 Prozent HIV-positiv», sagt Team-Koordinatorin Astuti Pulungan. Was tut Riski gegen die Ansteckungsgefahr? «Ich lasse mich regelmässig untersuchen und bin HIV-negativ. Wenn ein Kunde Sex ohne Kondom verlangt, schicke ich ihn fort.»

120 Millionen Dollar aus Genf

In Indonesien tragen weniger als ein Prozent der Bevölkerung das HI-Virus in sich. Das ist verglichen mit afrikanischen Staaten südlich der Sahara oder mit Thailand wenig. Dennoch ist eine grosse Zahl von Menschen betroffen, weil das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt 233 Millionen Einwohner zählt. Die internationale Organisation UNAIDS schätzt, dass 310'000 Erwachsene mit HIV im Inselstaat leben; das indonesische Gesundheitsministerium rechnet 6,4 Millionen Menschen zu «Hochrisikogruppen» wie Drogensüchtigen, Homosexuellen oder Prostituierten.

Unter Nafsiah Mboi gelang es der nationalen Aids-Kommission und ihren Ablegern in den 33 Provinzen, die HIV- und Aids-Epidemie durch Aufklärung und Prävention einzudämmen. Seit 2004 hat die in Genf stationierte internationale Finanzierungsorganisation Global Fund die nationale Aids-Kommission, das Gesundheitsministerium und die grösste private Hilfsorganisation Indonesiens, die muslimische Nahdlatul Ulama, in diesem Kampf mit mehr als 120 Millionen Dollar unterstützt.«Am Anfang richteten wir unsere Kampagnen ganz auf Drogensüchtige aus, die sich Opiate spritzen», sagt Mboi. 2006 waren mehr als die Hälfte der Personen, die sich neu mit dem HI-Virus ansteckten, Drogensüchtige. Inzwischen ist ihr Anteil auf einen Sechstel gesunken, weil Drogensüchtige vermehrt sterile Spritzen benutzen, Heroin schwer erhältlich ist und die Abgabe der Ersatzdroge Methadon ausgeweitet wurde.

Heute stecken sich die meisten beim ungeschützten Geschlechtsverkehr an. In drei von vier Fällen wird das Virus beim Sex übertragen. Es sind vor allem Hausfrauen, die durch ihre Männer angesteckt werden. «Das geschieht überall im Land», sagt Mboi. «In unserer Kultur ist Männern ein freieres Sexualleben erlaubt als Frauen. Deshalb richten wir unsere Arbeit auf die vier M aus: mobile men with money and macho behaviour.» Auf Deutsch: «Mobile Männer mit Geld, die sich wie Machos benehmen.»

Scharia gegen Prostitution

In Indonesien ist Sexualaufklärung für Jugendliche aus religiösen Gründen nicht erlaubt. «Wir machen es trotzdem. Überall, wo riskanter Sex stattfindet, propagieren wir die Benutzung von Kondomen», sagt Mboi. Allerdings räumt sie ein, dass die nationalen Fernsehketten vor 10 Uhr abends keine solchen Spots ausstrahlen dürfen. Und in Schulen ist es verboten, für die Benutzung von Kondomen zu werben.

Aldo Opsi, der Geschäftsführer des nationalen Netzwerks der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, hält der nationalen Regierung zugute, sie nehme den Kampf gegen die Ausbreitung von HIV und Aids ernst. Auf der Ebene der Provinzen und Bezirke sei es dagegen schwierig, schlagkräftige Organisationen in der Aids-Prävention aufzubauen, da regional grosse kulturelle und religiöse Unterschiede bestünden und die Provinzen seit der Dezentralisierung auf ihre Rechte pochten. «In der Provinz Aceh gilt zum Beispiel die Scharia», sagt Opsi, «und in fünf weiteren Provinzen ist Prostitution gesetzlich verboten. Wie sollen da Sexarbeiterinnen an die Dienstleistungen der regionalen Aids-Kommission herankommen, wenn die Polizei sie auf der Strasse verhaftet?»

Die Tochter war «ständig krank»

Im Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Normen der Politik und den moralischen Werten, die in Indonesien durch den Islam geprägt sind, kennt sich Daniel Marguari aus. 1995 gründete er mit Gleichgesinnten die Nichtregierungsorganisation Yayasan Spirit, die erste Organisation, die sich auf nationaler Ebene für bessere Lebensbedingungen von HIV-Positiven einsetzt. Marguari, der Yayasan Spirit heute leitet, sagt: «Indonesien ist kein Gottesstaat. 90 Prozent der Bevölkerung sind jedoch Muslime. In allen Religionen sprechen die geistlichen Führer nicht gern über die Benutzung von Kondomen.» Dennoch könne sich heute im Land jedermann, der zu einer HIV-Risikogruppe gehöre, Kondome beschaffen, «wenn er dies will».

Für Endang Wahyuni kommt diese Botschaft zu spät. Die 27-jährige Frau und ihre fünfjährige Tochter sind HIV-positiv. Beide werden im Hasan-Sadikin- Spital der Drei-Millionen-Stadt Bandung ambulant mit der antiretroviralen Therapie (ART) behandelt. ART verlangsamt die Vermehrung des HI-Virus im Körper, kann die Patienten aber nicht vollständig heilen. Wahyuni ist mit ihrem zweiten Ehemann zur monatlichen ärztlichen Kontrolle ins Spital gekommen. Sie erhält dabei auch die Monatsdosis von je 60 ART-Tabletten, die sie und ihre Tochter regelmässig einnehmen müssen.

Im Korridor vor der Ausgabestelle des Medikaments blickt die zierliche Frau verängstigt um sich, bevor sie ihre Geschichte erzählt: «Ich wurde durch meinen ersten Ehemann angesteckt. Ich war nur drei Monate mit ihm verheiratet; inzwischen ist er an Aids gestorben. Vor drei Jahren ging ich zum Arzt, weil meine kleine Tochter ständig krank war. Da stellte der Arzt fest, dass wir beide HIV-positiv sind.»

Lebenslang Tabletten schlucken

Die Therapie kostet in einfachen Fällen umgerechnet 50 bis 60 Dollar pro Monat; bei schlimmeren Fällen sind es 150 Dollar oder noch höhere Beträge. Wahyuni, die in einem anderen Spital als Putzfrau arbeitet, könnte sich diese Behandlung wie die meisten anderen Patienten nie leisten, wenn diese bis auf eine monatliche Bearbeitungsgebühr von 3 Dollar nicht gratis wäre. Der Global Fund hat die ART-Medikamente, die das Hasan-Sadikin-Spital abgibt, bis vor kurzem zu 90 Prozent finanziert. Nun erhöhen die nationale und die Provinzregierung schrittweise ihren Anteil.

Die zuständige Spitalärztin, Nyrmala Kasuma, bestätigt den Befund der nationalen Aids-Kommission: «Bis 2009 waren in unserer Therapie mehr als 70 Prozent Drogensüchtige; seither nimmt die Anzahl weiblicher Patienten stetig zu.» Und damit die Zahl der Kinder, die im Mutterleib angesteckt wurden. Wie aber bringt man einem Kind bei, dass es für den Rest seines Lebens so viele Medikamente schlucken muss? Wahyuni sagt dazu: «Wir haben keine andere Wahl. Meine Tochter ist noch klein. Daher macht sie einfach, was die Mutter tut, und schluckt die Tabletten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2012, 12:46 Uhr

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12 Kommentare

Edi Rey

05.07.2012, 14:55 Uhr
Melden 29 Empfehlung 0

Bordellähnliche Einrichtungen gibt es in Indonesien in jeder kleinsten Stadt. Alle wissen es, aber niemand spricht darüber. Auch jeder Rikschafahrer kennt sich aus, wenn er nicht die Frauen selbst durch die Gegend fährt und Kunden sucht. Doppelte Moral eben, wie sie überall vorkommt. wo Religion eine wichtige Rolle spielt. Antworten


Johanna Gerner

05.07.2012, 15:46 Uhr
Melden 13 Empfehlung 0

Da bin ich aber froh, dass ein achtköpfiges Team der regionalen Aids-Kommission in Tenda Biru eine Art Ordnungsdienst betreibt und an die Freier Gratiskondome abgibt! Was für ein Fortschritt in der muslimischen Welt. Ich war noch nie da und frage mich jetzt, ob die muslimischen Sexarbeitenden bei der Arbeit auch den Schleier abnehmen müssen. Danke für die wunderbare Aufklärungsarbeit, lieber Tagi! Antworten



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