Japans Lebenslüge beim Walfang

Von Christoph Neidhart, Tokio. Aktualisiert am 05.03.2010 33 Kommentare

In Tokio stehen zwei Greenpeace-Aktivisten vor Gericht, die mit «sichergestelltem» Walfleisch belegen wollten, dass Japans Walfänger die Steuerzahler betrügen.

Die Jagd diene der Wissenschaft: Mit dieser Behauptung rechtfertigen Japans Walfänger die Fischerei.

Die Jagd diene der Wissenschaft: Mit dieser Behauptung rechtfertigen Japans Walfänger die Fischerei. (Bild: Keystone)

Artikel zum Thema

Stichworte

Thunfisch-Verbot

Japan stellt sich quer

Japan will sich nicht an ein mögliches Verbot des Thunfisch-Fangs halten, wie es zur Zeit von den Vertragsstaaten des Weltartenschutzabkommens (CITES) diskutiert wird. Notfalls werde seine Regierung eigene Fanggebiete deklarieren, sagte der stellvertretende Fischereiminister Masahiko Yamada am Freitag in Tokio.

Naturschützer warnen davor, dass der Blauflossen-Thunfisch (Thunnus thynnus) bald vom Aussterben bedroht ist, wenn die Jagd auf ihn im derzeitigen Ausmass weiter andauert. Vom 13. bis 25. März beraten die 175 CITES-Staaten in Katar über einen Vorschlag von Monaco, die Art unter einen strikten Schutz zu stellen und den internationalen Handel mit diesem Fisch zu verbieten. Dazu ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitgliedsstaaten erforderlich. Die EU-Kommission hat sich ebenso wie die USA für ein Verbot ausgesprochen. Vorbehalte gibt es allerdings noch in Griechenland, Italien, Spanien und Malta.

In Japan ist Thunfisch ein zentraler Bestandteil von Sushi und Sashimi. Die auch international steigende Nachfrage hat dazu geführt, dass die Thunfisch-Bestände im Ostatlantik und im Mittelmeer von 1997 bis 2007 um 60 Prozent dezimiert wurden. (ddp)

Junichi Sato und Toru Suzuki von Greenpeace Japan stahlen im Mai 2008 eine Kiste Walfleisch, um nachzuweisen, dass die Walfänger den Steuerzahler betrügen. Sie hofften, das japanische Volk damit gegen den Walfang zu mobilisieren, der ohne massive staatliche Zuschüsse nicht weiterzuführen wäre. Doch die beiden hatten sich verrechnet. Zwar begann die Polizei auf ihren Hinweis zu ermitteln, doch im Juni 2008 stellte sie ihre Untersuchungen ein und verhaftete die Aktivisten. Am Montag nimmt ein Bezirksgericht in Tokio den im Februar unterbrochenen Prozess gegen Junichi Sato und Toru Suzuki wieder auf. Den beiden droht sechs Monate Gefängnis, sie beteuern ihre Unschuld.

Japan betreibt seit Ende des Zweiten Weltkriegs Fernwalfang, vor allem im Südpazifik. Seit 1986 das internationale Walfangmoratorium in Kraft trat, deklariert es den Fang als wissenschaftliche Forschung. Zuvor gab es in Japan fast nur Küstenwalfang, ausser in gewissen Küstenregionen hat Walfang auch keine Tradition. Erst kurz vor dem Krieg richteten die Japaner das erste Fabrikschiff ein. Nach dem Krieg jedoch drängten die US-Besatzer Japan, den akuten Eiweissmangel der Bevölkerung mit Walfleisch zu mildern. Da wussten die grossen Walfangnationen, die USA, die Briten, die Norweger und die Holländer bereits, dass es mit dem Plündern der Walfangbestände zu Ende gehen würde. Die Meere waren beinahe leer. Mehrere westliche Walfangboote wurden nach Japan verramscht, unter anderem auch vom griechischen Reeder Aristoteles Onassis. Onassis hatte eine Piraten-Walfangflotte betrieben.

Walfleisch bleibt liegen

Als die Internationale Walfangkommission (IWC) 1986 ihr Moratorium beschloss, verlangten Norwegen und Japan Ausnahmen für ihre Forschung. Seither hat die japanische Flotte jede Saison 600 bis 1000 Wale erlegt. Wörtlich genommen verstösst sie damit nicht gegen das Moratorium; auch nicht damit, dass das Fleisch der «untersuchten» Wale danach zum Konsum freigegeben wird. Niemand zweifelt jedoch daran, dass die Wissenschaft vor allem ein Vorwand ist. Zumal Walforscher anderer Nationen zeigen, dass man zu ähnlichen Resultate kommen kann, ohne die Tiere zu erlegen.

Die Regierungen der liberaldemokratischen Partei LDP, die Japan von 1955 bis voriges Jahr kontrollierten, machten den Walfang zum Exempel, an dem sie ihre Entschlossenheit bewiesen. Und sogar zu einer Frage der nationalen Identität. Sie gaben dem internationalen Druck nicht nach, dem Druck «der Amerikaner», wie es im Volk heisst. Ohnehin bekundete die LDP Mühe mit Kompromissen: Sie hat es fertiggebracht, dass Japan 55 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg mit allen Nachbarn noch Grenzkonflikte hat. Andrerseits argumentierte das japanische Fischereiministerium stets, Japan jage keine bedrohten Arten. Sein Walfang sei durchaus mit der Wildjagd in Europa zu vergleichen.

Die meisten Japaner haben kein Interesse am Walfang, sie essen auch kein Walfleisch. Taucht gelegentlich Walfleisch im Supermarkt auf, dann bleibt der grösste Teil trotz der günstigen Preise liegen. Gleichwohl hat die LDP stets Unterstützung für ihre trotzige Haltung gefunden. Erst recht, seit die Umweltorganisation Sea Shepherd zum «Krieg gegen den Walfang» aufruft und die Jagd jedes Jahr mit aggressiven Störaktionen zu verhindern sucht. So was darf Japan sich doch nicht bieten lassen, hört man. Im Januar rammte das japanische Begleitschiff Shonan Maru II das Schnellboot Ady Gil von Sea Sheperd, das sich ihm in den Weg gestellt hatte. Mitte Februar kletterte der Neuseeländer Peter Bethune auf offener See im Morgengrauen heimlich auf die Shonan Maru II, um eine «Bürgerverhaftung» der Besatzung vorzunehmen, wie er sagte. Das Schiff bringt ihn nun aus dem Südpazifik nach Japan zum Verhör, wo er Mitte März erwartet wird. Für solche Proteste, die im Westen als ziviler Ungehorsam eingestuft werden, haben die wenigsten Japaner Verständnis. Sea Shepherd verbaut der japanischen Regierung mit solchen Aktionen geradezu einen Rückzug aus dem Walfang.

Illegale Geschäfte der Walfänger

Walfang ist kapitalintensiv, er lohnt sich längst nicht mehr. Jun Hoshikawa, der Chef von Greenpeace Japan, erkannte deshalb schon vor Jahren, dass man Kritik am Walfang in der Bevölkerung nur provozieren kann, wenn man ihr klarmacht, wie viele Steuermillionen dafür aufgewendet werden. Die Höhe der staatlichen Zuschüsse wird nicht veröffentlicht, inoffizielle Schätzungen gehen von 13 bis 30 Millionen Franken pro Jahr aus. Bei einer jährlichen Ausbeute von 3000 Tonnen wären das bis zu 10 Franken pro Kilo Walfleisch.

Als Greenpeace im Frühjahr 2008 aus Walfangkreisen auch noch Hinweise erhielt, von der Beute aus dem Südpazifik werde ein erheblicher Teil illegal an die Besatzung verteilt, hielten Junichi Sato und Toru Suzuki dies für ihre Chance, einen Skandal um Walfleisch zu enthüllen. Die Crew schickte in der Tat falsch etikettierte Kisten mit Walfleisch an ihre Heimadressen und verkaufte sie dort an Restaurants. Sato und Suzuki fingen eine Lieferung mit 23 Kilo Fleisch ab, wie sie erklärten, um sie nach einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Dazu drangen sie ins Lager einer Privatpost ein. Inzwischen gibt die Walfangfirma zu, dass jedes Crewmitglied 9,5 Kilo Fleisch erhalten habe.

Kompromiss in Reichweite

Die japanische Strafverfolgung ist frei, zu entscheiden, gegen wen sie vorgeht und gegen wen nicht. Die Staatsanwaltschaft versteht sich als oberste Instanz für Fairness und Ordnung. Sie berücksichtigt bei ihren Entscheiden stets auch die Wirkung auf die Gesellschaft. Das ist eine informelle Macht, die mit der Verfassung nicht kompatibel ist, aber von den Japanern akzeptiert wird. Protestorganisationen, die überdies Gesetze verletzen, passen nicht ins Weltbild der Staatsanwälte. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sie die Ermittlungen gegen die Walfänger einstellten, aber gegen die beiden Aktivisten vorgingen, zumal damals noch die LDP an der Macht war.

Andererseits kursierten in Tokio bald Vermutungen, die Staatsanwaltschaft hätte den Fall gerne versanden lassen, wie sie das oft tut. Aber Greenpeace versuche die «Tokyo-Two», wie Sato und Suzuki nun genannt werden, mit spektulären Aktionen in den Schlagzeilen zu behalten. Im Dezember erwirkte Greenpeace sogar eine Resolution der Uno-Menschenrechtskommission, die Japan rügt, die Menschenrechte der beiden seien mehrfach verletzt worden.

Die neue japanische Regierung indes signalisiert deutlich, dass sie im Streit um den Walfang einen Kompromiss suche. Allerdings wird sie, schon aus innenpolitischen Gründen, nicht einfach kapitulieren können. Und das auch nicht wollen. Ein Kompromissvorschlag sieht vor, dass Japan den Fernwalfang aufgibt, insbesondere die Expeditionen in den Südpazifik. Dafür duldet die internationale Gemeinschaft einen beschränkten japanischen Küstenwalfang, wie sie es im Falle Norwegens schweigend tut. Aber daran würde sich Sea Shepherd wohl nicht halten.

Der Prozess gegen die «Tokyo-Two» dauert die ganze nächste Woche, das Urteil wird für Juni erwartet. Der Anwalt der beiden rechnet mit Milde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2010, 08:23 Uhr

33

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

33 Kommentare

Hans Meyer

05.03.2010, 09:42 Uhr
Melden

Tierfreunde sollten keine japanischen Waren mehr kaufen. Keine Toyota's (welche ja viele gefährliche Mängel haben) und auch keine Sony Unterhaltungselektronik usw. ! Boykotiert endlich japanische Waren! Nur so könnt ihr den Walen und auch den Delphinen helfen. Antworten


Peter Honegger

05.03.2010, 09:11 Uhr
Melden

Mit Walen haben mir mitleid, was ist mit all den anderen Fischen? Und all den anderen Tieren? Seltsam, wie wir uns mit gewissen Tieren verbünden und andere einfach ignorieren.... Antworten



Ausland

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Bauingenieurin oder Bauingenieur ETH Kanton Graubünden, Chur

Sales Manager (w/m) Freestar - People AG, AG

Steuerexperte (w/m) Freestar - People AG, ZH

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

Umfrage

Wieviele Festivals möchten Sie in diesem Jahr besuchen?





Telefonbuch

Marktplatz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Einrichter (Mechapraktiker / Mechaniker) ComPers GmbH, Eschlikon TG

Pflegefachperson Psychiatrie (ca. 10%) Schweizerisches Rotes Kreuz Kanton Zürich, Zürich

Teamassistent/in für internationales Umfeld Human Professional Personalberatung AG, Zürich