Indiens heikle Suche nach sich selber

In Indien wählen 800 Millionen Menschen ein neues Parlament. Der Schweizer Indien-Kenner Waseem Hussain erklärt Indiens Weg in die Globalisierung.

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Herr Hussain, in der Schweiz schiessen Yogastudios nur so aus dem Boden. Praktizieren gestresste Inder in Metropolen wie Hyderabad, wo Sie gerade herkommen, auch so fleissig Yoga?
Waseem Hussain: Bei modernen Indern ist das Interesse für Yoga seit Jahren stark rückläufig. Sie halten die traditionellen Yogaübungen für alten Kram, interessant höchstens als Business mit westlichen Wellnesstouristen. Selber geht man lieber ins Fitnessstudio. Allerdings: Seit vielleicht ein, zwei Jahren beobachte ich, wenn ich durch indische Städte gehe, wie plötzlich auch hier Yogastudios eröffnet werden.

Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln?
Bedingt. Inder entdecken Yoga neu als effizientes Stressbewältigungsprogramm, weniger als Körperertüchtigung und mentale Einkehr, das es traditionell war.

Neuerdings stellen auch indische Ärzte die Diagnose Burnout, was ziemlich Staub aufwirbelt. Inder fragen sich: Medikamentös behandeln? Oder doch lieber wieder mehr meditieren und Yoga praktizieren? Muss Indien entschleunigen?
Man kann im Moment in Indien quasi live zuschauen, wie Industrialisierung und Effizienzsteigerung für Menschen und Gesellschaft verhängnisvoll sein können. Ich bin ja ein klarer Befürworter von Modernisierung und Fortschritt, aber wenn darunter Gesundheit, Sozialleben und Umwelt leiden, wird das langfristig zum wirtschaftlichen Kostenfaktor. Das ist derzeit eine der ganz grossen Herausforderungen für Indien.

Wie meinen Sie das?
Indien will seine Position auf dem Weltmarkt verbessern. Das bedingt eine Übernahme westlichen Managementdenkens mit seiner kurzfristigen Renditeoptik. Diese von aussen importierte Beschleunigung setzt die indische Gesellschaft unter starken Druck.

Mit welchen Folgen?
Die Inder haben, wie ich in vielen persönlichen Gesprächen der letzten Jahre höre, keine Antwort auf die Frage, was genau das Potenzial und die Identität des modernen Indien ausmacht. Man weiss, man will das alte Indien hinter sich lassen. Was das neue Indien sein könnte, dieses Bewusstsein entsteht erst. Der indische Weg in der Globalisierung, er wird noch gesucht.

Sie kehren gerade von einem zehntägigen Indien-Aufenthalt zurück. Welche Rolle spielen die Parlamentswahlen, die derzeit während fünf Wochen stattfinden, auf der Suche nach dem indischen Weg?
Mit wem immer ich in den letzten zehn Tagen sprach, die Wahlen waren immer ein Thema. Man rechnet mit einer Wahlbeteiligung von 60 bis 80 Prozent, bei über 800 Millionen Stimmberechtigten eine riesige Zahl. Mein Eindruck ist: Die Inder nehmen diese politische Ausmarchung sehr ernst, ihnen ist bewusst, dass es um einen wegweisenden, aber schwierigen Richtungsentscheid geht.

Richtungsentscheid?
Ja. Das indische Wirtschaftswachstum ist derzeit zu tief, um das Land vorwärtszubringen, unter anderem, weil es unter der aktuellen Regierung einen Reformstau gibt. Das spricht dafür, die Opposition zu wählen. Diese wird geführt von Narendra Modi, der im Fall eines Wahlsiegs Premierminister würde. Modi ist ein Hindu-Nationalist. Seine pointiert konservativ-religiöse Ausrichtung steht im Kontrast zum Säkularismus, einem zentralen Bestandteil des indischen Staatsverständnisses.

Was bedeutet das?
Salopp gesagt: Die Inder stehen vor der Frage, ob sie sich wirtschaftlichen Fortschritt mit gesellschaftlichem Rückschritt erkaufen sollen.

Wie funktioniert der indische Säkularismus?
Ein Inder ist in erster Linie ein Inder und erst dann ein Hindu, Muslim, Christ oder Sikh. Im Nachbarland Pakistan beispielsweise ist es umgekehrt: Man ist zuerst Muslim und dann Pakistani. Deshalb gibt es in Pakistan auch mehr religiöse Konflikte. Das Bewusstsein in Indien für die Errungenschaft des Säkularismus ist hoch. Aus diesem Grund bin ich alles andere als sicher, dass der überall als Favorit gehandelte Narendra Modi mit seiner Bharatiya Janata Party (BJP) die Wahlen wirklich gewinnen wird.

Wie ernst ist die Gefahr für das säkulare Indien, die von Narendra Modi ausgeht?
Die Koppelung von Hinduismus und Nationalismus hat, glaube ich, das Potenzial, dieses Selbstverständnis Indiens zumindest zu erschüttern. Beispielsweise hat Modi Muslime schon mit Hunden verglichen. Die von ihm angeführte Partei BJP ist dem hindunationalistischen Dachverband Sangh Parivar angeschlossen, zu dem auch die militante Organisation RSS gehört, die eindeutig faschistische Züge hat. Der Hindu-Nationalismus ist eine Gegenbewegung zum von Mahatma Gandhi geprägten Staatsverständnis.

Gibt es konkrete Vorfälle religiöser Auseinandersetzungen?
Bis heute nicht geklärt ist Modis Rolle bei gewaltsamen Ausschreitungen in dem von ihm regierten Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002. Damals kamen bei einem Übergriff von Hindu rund tausend Muslime ums Leben, die Polizei schaute zu.

Als Premierminister würde Narendra Modi das Aushängeschild des ganzen Landes. Steigert dies das Konfliktpotenzial seines religiös-nationalistischen Kurses noch zusätzlich?
Würde Modi zum Regierungschef, ginge es dann plötzlich nicht mehr nur um den Konflikt zwischen nationalistischen Hindu und Muslimen, sondern auch um das Verhältnis zu anderen religiösen Minderheiten in dem riesigen Land, zur Kommune der Sikhs etwa oder zu Christen. Davor haben sehr viele Inder Angst.

Gewinnt Modis Partei die Wahlen, ist die entscheidende Frage: Mit welchem Vorsprung?
Bleibt die Marge gering, müsste er sich mit den anderen politischen Kräften im Kabinett arrangieren. Das wäre gut für die Demokratie, aber nicht optimal für das Wirtschaftswachstum.

Interessieren sich die modernen Inder ernsthaft für etwas anderes als das Wirtschaftswachstum – für die Bedrohung demokratischer Werte durch religiösen Extremismus?
Beides hängt eng zusammen.

Wie denn?
Die gebildeten jüngeren Inder – einige Hundert Millionen Menschen, die Mehrheit der Bevölkerung – sind gerade daran, einschränkende Traditionen wie das Kastenwesen oder die arrangierten Ehen abzuschütteln. Die Eltern dürfen sich zum Ehepartner äussern, aber das ist nicht mehr entscheidend. Hinduistischer Nationalismus stellt diese gesellschaftlichen Errungenschaften infrage, aber es ist klar, die jungen Inder wollen sie nicht mehr hergeben.

Was hat das mit Wirtschaftswachstum zu tun?
Wenn der Säkularismus unter einer Regierung Modi beschnitten würde, entstünde das Risiko von Widerstand und Protesten, es könnte plötzlich eine Situation geben wie in der Türkei, wo Konflikte zwischen der Regierung Erdogan und der Zivilgesellschaft zu Blockaden geführt haben.

Ein indischer Frühling würde bedeuten, dass Firmen oder ganze Industriezonen in indischen Städten vorübergehend geschlossen bleiben...
...und jedem Rikscha-Fahrer ist klar, dass der wirtschaftliche Schaden enorm wäre. Es würde Arbeitslosigkeit drohen, und das will niemand, weil es keine Arbeitslosenversicherung gibt. Das Problem ist nur: Die derzeit regierende, von Korruptionsskandalen belastete Kongresspartei, angeführt von der Familie Gandhi, ist eine schlechte politische Alternative.

Sie beschreiben gerade, wie komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge diese Parlamentswahlen beeinflussen. Angesichts einer Analphabetenrate von 26 Prozent sagt aber vermutlich nicht einmal der Name Modi allen Wahlberechtigten etwas, oder?
Ich war eben eine Woche in der Millionenstadt Hyderabad, da ist Narendra Modi jedermann ein Begriff. Wir fuhren 80 Kilometer aus der Stadt in ein Biobauerndorf, und schon da interessierte Modi keinen Menschen mehr. Dort wünschen sich die Leute jemanden, der denkt und fühlt wie sie.

Die indischen Realitäten klaffen weit auseinander...
...aber die Politiker sind sehr geübt darin, einfach verständliche Slogans zu setzen. Abgesehen davon: Inder, die nicht lesen und schreiben können, leben von Gelegenheitsjobs und prekären Tagesverdiensten. Sie merken extrem schnell, dass die ökonomische Situation schlechter geworden ist – und sind empfänglich für die Botschaft, dass die amtierende Regierung schuld ist daran.

Spielen Social Media wie Facebook und Twitter im Wahlkampf eine Rolle?
Selbstverständlich. Es gibt kaum Politiker, die nicht einen Facebook- und Twitter-Account führen. Diese Messages sind ja auch auf einfachen Handys zu empfangen, die in Indien in der Mehrheit sind. Wegen der lückenhaften Internetabdeckung sind die Smartphones in Indien noch eher dünn gesät. Der Wahlkampf führt dazu, dass in indischen Grossstädten derzeit Tausende von Social-Media-Freelancern vorübergehend von diesem Hype der viralen Medien leben.

Für uns hier in der kleinen Schweiz ist es nur schon von der Logistik her fast unvorstellbar, wie man einen fünfwöchigen Wahlmarathon mit 800 Millionen Wahlberechtigten, die ihre Stimme per Fingerabdruck abgeben, auf die Reihe kriegt.
Der Effort ist enorm, aber aus westlicher Sicht vergisst man gelegentlich, dass Indien im Gegensatz zu anderen aufstrebenden Wirtschaftsmächten nicht ein Land ist, das Demokratie erst noch lernen muss, sondern über eine über 60-jährige demokratische Tradition verfügt. Das Frauenstimmrecht gibt es seit 1950. Das romantisch verklärte Bild von in Tinte getauchten Fingern stimmt nur noch bedingt.

Wie ist es wirklich?
Die Wahlen laufen heute zu weiten Teilen elektronisch ab. Der Fingerabdruck wird mit mobilen Geräten gescannt, die mit portablen Solarpanels betrieben werden, wenn sich das Wahllokal abseits der Stromversorgung befindet. Die Daten werden über das Mobilfunknetz an die Wahlzentrale übermittelt. Viele Inder sind elektronisch erfasst und tragen eine Identitätskarte mit biometrischem Chip auf sich. Geräte und Infrastruktur sehen von aussen einfach aus, aber in Wahrheit ist diese Wahl eine Hightechveranstaltung.

Eine unglaubliche zivilisatorische Leistung.
Ja, aber sie geht über das Technologische hinaus. Das traditionelle Bild ist, dass in einem indischen Dorf alle der gleichen politischen Meinung sind. Diese Realität verschiebt sich jetzt. Die Mobilität der Inderinnen und Inder hat stark zugenommen, und das führt dazu, dass sich auch die Haltungen stärker mischen. Ich beobachte, dass sich viel mehr Leute als noch vor wenigen Jahren eine eigene Meinung bilden und auch zu dieser stehen. Das sehe ich als die wahre zivilisatorische Leistung.

Das indische Wirtschaftswachstum ist rückläufig. Was bedeutet das eigentlich für das Exportland Schweiz?
Indische Ökonomen haben ausgerechnet, dass Indien ein Wirtschaftswachstum von 9 bis 11 Prozent pro Jahr bräuchte, um die neu auf den Arbeitsmarkt strömenden Bildungsabgänger aufzunehmen. Aktuell liegt das Wachstum aber nur bei rund 4 Prozent. Es droht das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Der Indien-Hype hat sich deutlich abgekühlt, Schweizer Firmen investieren zurückhaltender. Das halte ich aber nicht für negativ.

Warum nicht?
Weil das zu mehr Realitätssinn bei Indien-Investitionen führt. Die westliche Businesslogik verlangt, dass man mit einem Investment innert dreier Jahre in der Profitzone sein sollte. Wer in Indien einsteigt, muss mit sieben bis zehn Jahren rechnen, bis er profitabel geschäftet. Wenn Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte mit langer Perspektive operieren, hat Indien grosses Potenzial. Nach wie vor.

Für das Outsourcen von IT-Abteilungen beispielsweise?
Nein, es ist eine veraltete und kurzfristige Optik, dass Indien für westliche Unternehmungen nur als Auslagerungsstandort interessant sein soll, um die Produktionskosten zu senken. Auf lange Sicht ist Indien für die Schweiz vor allem als Absatzmarkt interessant, weil der kaufkräftige Mittelstand um mehrere Millionen Menschen pro Jahr wächst.

Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Indien sind bis nach den Wahlen auf Eis gelegt. Kommen sie wieder in Fahrt?
Für die Schweiz ist Indien als Exportland von wachsender Bedeutung. Indien ist vor allem an Know-how und Technologie aus der Schweiz interessiert, weil das sehr theoretisch ausgerichtete indische Bildungssystem nicht dafür ausreicht, den Subkontinent zu einem industriellen Powerhouse werden zu lassen.

Genau darum fürchtet die Schweiz um den Schutz des geistigen Eigentums.
Ja, der ist in Indien klar schlechter. Aber ich glaube, die Interessen auf beiden Seiten sind so gross, dass man einen Ausgleich finden wird.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

(Erstellt: 27.04.2014, 12:34 Uhr)

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Die indischen Parlamentswahlen sind das grösste demokratische Event (und die grösste Politshow) der Welt. 814 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, viermal so viele wie in den USA. Die 930'000 Wahllokale sind alle mit Wahlüberwachern und elektronischen Abstimmungsgeräten ausgestattet.

Wahlfavorit ist Narendra Modi (63) von der oppositionellen hindunationalistischen Partei BJP. Spitzenkandidat der (noch) regierenden Kongresspartei ist Rahul Gandhi (45), Sohn der Parteichefin Sonia Gandhi. Ein wichtiger Aussenseiter ist Arvind Keirjwal von der «Partei des einfachen Mannes».

Zur Person

Vor wenigen Stunden ist Waseem Hussain (47) abgeflogen im 38 Grad heissen Hyderabad, jetzt stemmt er sich, eingepackt in eine Daunenjacke, gegen die Zürcher Vormittagsbise.
Hussain braucht nicht lange, bis er sich warmgeredet hat. Dank über Jahre gesammelter persönlicher Anschauung gelingt es ihm, Indien gleichzeitig von innen zu verstehen und von aussen zu betrachten.

Hussain ist Gründer und Direktor der Marwas AG, die vor allem Unternehmungen berät, die in Indien Fuss fassen wollen. Hussain ist Schweizer indischer Abstammung. Er lebt in Zürich, ist verheiratet und Vater eines Sohnes.

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