«Ich rechne mit einem Angriff»
Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 23.08.2010
Der Nahost-Experte Udo Steinbach war 30 Jahre lang Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Er ist pensioniert und lehrt am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität in Marburg. (Bild: Keystone )
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Am Sonntag stellte Iran eine Kampfdrohne vor, am Samstag wurde das Atomkraftwerk Busher eingeweiht. Gleichzeitig macht Mahmoud Ahmadinejad den USA ein Freundschaftsangebot. Was bezweckt er?
Es geht ihm primär um die eigene Stellung im Land, die seit dem Juni 2009 sehr brüchig ist. Ahmadinejad ist innenpolitisch umstritten und aussenpolitisch isoliert, die Sanktionen machen sich in Iran bemerkbar, das spürt die Bevölkerung, das spürt die Gesellschaft. Ahmadinejad fährt nun einen populistischen Kurs. Die Einweihung des Atomprogramms kommt gut an. Mit der Vorstellung der Drohne signalisiert er Verteidigungsbereitschaft. Gleichzeitig signalisiert er Gesprächsbereitschaft, weil er weil er weiss, dass er in Sachen Atomprogramm – also wegen seines Umgangs mit der Atomenergiebehörde IAEA - auch im eigenen Land kritisiert wird.
Seit 2005 droht Israel Iran mit Angriff auf Atomanlagen. Wie wahrscheinlich ist ein Angriff zum jetzigen Zeitpunkt?
Ich persönlich rechne mit einem Angriff, wobei ich seit drei Jahren immer wieder damit gerechnet habe. Es gab dann von Mal zu Mal Gründe, warum es nicht zum Angriff kam. Man kann die Drohung Israels dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Chancen stehen 60 zu 40, und in letzter Zeit haben sich die Symptome verdichtet.
Die da wären?
Die USA haben ihren politischen Widerstand wenn nicht aufgegeben so doch stark aufgeweicht. Die Anrainer Irans bereiten sich vor, ihr Rüstungsprogramm ist gewaltig. Auch die USA bauen ihre militärische Präsenz in der Region weiter auf. Dass Iran nun die Kampfdrohne vorstellt, zeigt, dass Teheran die Drohungen ernst nimmt und sich gewappnet zeigen will, sich zur Wehr zu setzen. Hinzu kommt der mysteriöse Angriff auf einen Tanker in der Meeresenge von Hormuz, der in der Öffentlichkeit wenig Beachtung fand.
Sie sprechen von der mysteriösen Explosion auf einem Öltanker?
Es gab eine Explosion an der Aussenwand eines japanischen Öltanker. Es wird spekuliert, ob es ein Unfall oder ein Angriff war. Letzteres hat sich als wahrscheinlich erwiesen. Die Spekulationen um einen Terrorangriff lassen die wirkliche Dimension der Gefahr erkennen: Iran könnte die Strasse von Hormuz zu schliessen. Die iranische Marine hat ihre Präsenz in Form von Schnellbooten aufgestockt. Auch das ist ein Symptom dafür, dass die Spannung in der Region gestiegen ist.
John Bolton, der ehemalige Uno-Botschafter unter George W. Bush sagte, Israel bleibe eine Woche zum Angriff, bevor es zu riskant wird. Was meint er damit?
Bolton hegt eine radikale Abneigung gegen Iran, das ist aktenkundig. Er spielt aber auf etwas an, nämlich, ob Israel das soeben eröffnete Kernkraftwerk Busher bombardieren will. Das wäre nur möglich, solange das Kernkraftwerk noch nicht am Netz ist, sonst wäre die Verstrahlung der Umgebung zu stark. Die Frage ist nun, ob Israel seine Drohung ernst machen wird, das Kraftwerk werde nicht ans Netz gehen. Das wird man in den nächsten Wochen sehen.
Iran hat Busher zusammen mit Russland eingeweiht. Was wird Russland im Falle eines Angriffs tun?
Russland hat in Bezug auf Iran schon immer eine ambivalente Rolle gespielt. Erst lieferten sie Bushehr die Brennstäbe nicht, weil Iran angeblich nicht dafür bezahlte, dann lieferten sie doch. Im Uno-Sicherheitsrat nahm Russland die Lieferung des Luftabwehrsystems S300 unter einem Vorwand von den Sanktionsbeschlüssen aus. Russland würde eine lautstarke Kampagne gegen einen Angriff auf Busher führen, militärisch und politisch kann Russland allein aber nichts tun.
Wenn Israel Iran angreifen würde, was wären Ihrer Ansicht nach die Konsequenzen?
Auf zwei, drei Ebenen hätte ein Angriff erhebliche Konsequenzen. Auf Ebene eins ist es die Tatsache, dass Iran seinen Widerstand gegen den Westen in die Nachbarländer tragen würde. Die westliche Militärpräsenz in Irak und Afghanistan käme unter erheblichen Druck. Auf Ebene zwei würde Iran die Netzwerke, die es zum Teil auch mit radikalen und extremistischen Bewegungen geknüpft hat, in Gang setzen. Die Hizbollah im Libanon könnte verstärkt Auseinandersetzungen mit Israel anstrengen. Es gibt aber auch Netzwerke ausserhalb des Nahen Ostens. Es wäre kein Widerstand, der unmittelbar militärisch wäre, sondern mehr ein Guerilla-ähnlicher Widerstand. In der Region ist der Spannungszustand zwischen den Regierungen und der arabischen Strasse spürbar. Die Regierungen nehmen Iran als Bedrohung wahr, sind also einem Angriff nicht unbedingt abgeneigt. Andererseits weiss man, dass breite Bevölkerungsschichten über ihre Regierungen frustriert sind. Ein Angriff Israels auf Iran würde die Spannungen verstärken.
Wird Obama sich in einen Krieg hineinziehen lassen?
Ich glaube kaum, dass Washington völlig abseits stehen könnte. Die Entscheidung wäre mit Washington abgesprochen. Man hat noch im Ohr, was Vizepräsident Joe Biden kürzlich gesagt hat, dass Israel grundsätzlich ein Recht auch auf militärische Optionen habe im Hinblick auf Irans Atomprogramm.
Was sind Obamas Optionen, einen Krieg zu verhindern?
Washington sollte alle Versuche unternehmen, mit dem Regime in Teheran in Kontakt zu treten. Wie schon erwähnt ist Ahmadinejads Stellung weitaus schwächer als es seine Drohgebärden vermuten lassen. Die Bevölkerung ist in wachsendem Masse von den Sanktionen betroffen. Ahmadinejad könnte einen Ausweg suchen und in der Atomfrage mit dem Westen Kontakt aufnehmen. Man sollte die Möglichkeit ernst nehmen, denn eine Alternative gibt es nicht. Die militärische Variante wäre derart verhängnisvoll.
Kann man überhaupt mit Ahmadinejad verhandeln?
Er ist zwar der Präsident, aber er ist nicht die Nummer eins im Staat. Das ist der religiöse Führer, Ayatollah Ali Khamenei. Gegen aussen sieht es danach aus, als sässen beide im selben Boot, aber es gibt auch starke Signale, dass sie durchaus Meinungsverschiedenheiten haben. Das sollte man unbedingt explorieren. Es gibt in Iran durchaus Kräfte, die Ahmadinejad gegenüber extrem kritisch sind, das bezieht sich auf die Wirtschaft und auf seine ständige Einmischung in Sachen, die eigentlich nur das Parlament angehen. Im allerengsten Umfeld um den Präsidenten erkennt man Friktionen. Da sollte man versuchen, über diese kritischen Kräfte Druck auf Ahmadinejad auszuüben.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.08.2010, 16:23 Uhr
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