«Ich bin sehr besorgt»
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Der Kopf der Opposition
Der 49-jährige Politiker und Arzt stammt aus einer tadschikischen Familie. Er besuchte Schulen in Kabul und studierte Medizin an der Universität der Hauptstadt. 1986 stiess er zur Widerstandsgruppe von Ahmad Shah Massud und wurde einer seiner engsten Gefährten. Nach dem Sturz der Taliban 2001 wurde Abdullah zum Aussenminister Afghanistans ernannt. 2006 verliess er das Kabinett im Streit. 2009 kandidierte er für das Präsidentenamt. Im ersten Wahlgang erreichte er Platz zwei hinter Karzai, dem er Betrug vorwarf. Der «Tages-Anzeiger» hat Abdullah in Zürich getroffen. Er war auf dem Weg ans WEF in Davos. (tim)
Herr Abdullah, um Afghanistan zu befrieden, wollen die USA und ihre Partner jetzt die Herzen und Köpfe der Afghanen gewinnen. Was halten Sie davon?
Im Kern ist die Strategie richtig. Aber die Herzen und Köpfe der Afghanen zu gewinnen, ist Aufgabe der afghanischen Regierung. Die internationale Gemeinschaft kann dieses Unterfangen unterstützen. Solange die afghanische Regierung daran scheitert, werden auch die Ausländer Mühe haben.
Was erwarten Sie von der heutigen Afghanistan-Konferenz in London?
London kann die illegitime Regierung von Hamid Karzai, die auf Betrug gründet, nicht absetzen. Ich hoffe aber, dass jetzt wenigstens Institutionen wie die Wahlkommission reformiert werden. Sonst geht auch die letzte Hoffnung verloren.
Hat der Westen diese Botschaft verstanden?
Ich denke schon. Aber ich weiss nicht, ob der Westen auch den Mut hat zu handeln.
Was muss sich noch ändern?
Karzais neue Regierung wird das Land nicht in die richtige Richtung führen. Die Opposition wird jedoch dafür sorgen, dass auch andere Stimmen ertönen. Afghanistan muss dezentralisiert werden. Wir brauchen nicht ein Präsidialsystem, sondern ein parlamentarisches System. Ich fordere zum Beispiel die Volkswahl der Gouverneure.
Und was geschieht mit den Taliban?
Bleiben wir realistisch: Sie sind das Gegenteil von Demokraten. Sie möchten dem Land eine Lebensweise aufzwingen, die von den Afghanen abgelehnt wird. Der Westen hat uns geholfen, doch es war das afghanische Volk, das die Taliban hinweggefegt hat. Die Tür für Verhandlungen muss offen bleiben, aber wir dürfen uns keine Illusionen machen.
Die Taliban sollen jetzt mit Jobs und Geld bekehrt werden. Kann diese Strategie funktionieren?
Das ist lächerlich. Niemand wird zum Talibankämpfer oder Selbstmordattentäter, weil er nicht den Beruf eines Schreiners erlernen durfte. Sie wurden indoktriniert, sind überzeugt, dass das westlich inspirierte System zerstört werden muss. Die Taliban sind stark, weil sie Zulauf haben. Man muss darum als Erstes die Leute davon abhalten, sich ihnen anzuschliessen.
Wie ist die Sicherheitslage?
Ich bin sehr besorgt. Das Hauptproblem in Afghanistan ist aber, dass der Graben zwischen der Regierung und der Bevölkerung immer tiefer wird.
Lässt sich dieser Graben wieder zuschütten?
Wir hatten vor acht Jahren eine einmalige Gelegenheit. Wir standen nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 an einem Punkt, an dem 90 Prozent der Bevölkerung die Regierung unterstützte und 95 Prozent des Landes sicher war. Die internationale Gemeinschaft stellte sich voll und ganz hinter Afghanistan. Die verschiedenen afghanischen Gruppen kamen zusammen und waren bereit, Opfer zu bringen. Doch Präsident Karzai hat die Gelegenheit nicht gepackt. Die Lage hat sich in jeder Hinsicht verschlechtert. Die Korruption hat sich ausgebreitet, die Sicherheit verschlechtert, und Wahlen werden manipuliert.
Warum sind Sie dann nicht zur Stichwahl gegen Präsident Karzai angetreten?
Ein Problem war die prekäre Sicherheitslage – ein anderes, dass die Wahlbehörde nicht unabhängig war. Darum stellte ich für die Stichwahl mehrere Bedingungen. Auf Wunsch der internationalen Gemeinschaft setzte ich mich mit Karzai an einen Tisch. Am Ende beharrte ich nur noch auf einer Bedingung: Der Chef der Wahlkommission musste ausgetauscht werden. Das hätte die Wahl nicht viel transparenter gemacht, der Bevölkerung aber wenigstens signalisiert, dass wir in die richtige Richtung gehen. Doch Karzai weigerte sich.
Hätten Sie eine Chance gehabt?
Laut einer zuverlässigen Quelle aus dem Uno-Büro in Kabul hat Karzai in der ersten Runde nicht 48, sondern 31 Prozent der Stimmen geholt. Das sind 2 Prozent weniger, als ich erhalten habe.
Trotzdem haben Sie aufgegeben.
Ja, weil sich die gleiche Ausgangslage wie beim ersten Wahlgang bot. Leute hatten für mich und meine Wahlkampagne ihr Leben riskiert, waren entlassen worden, weil sie für mich gearbeitet hatten. Wie hätte ich meinen Anhängern erklären können, dass wir nochmals antreten, obwohl sich nichts geändert hat?
Warum stellte sich der Westen am Ende doch wieder hinter Karzai?
Er hat die Staatengemeinschaft in Geiselhaft genommen. Als er unter die 50-Prozent-Marke fiel und sein Betrug aufgedeckt wurde, zückte er die patriotische Karte und behauptete, es handle sich um einen vom Ausland gesteuerten Komplott gegen ihn. Ich hätte Millionen von Menschen auf die Strasse bringen können, vielleicht hätte sich der Westen die Sache dann nochmals überlegt. Doch die Lage war fragil. Sie hätte rasch in Gewalt umschlagen können. Wir Afghanen haben 20 Jahre lang gekämpft, Strasse für Strasse, Dorf für Dorf. Das wollte ich nicht mehr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.01.2010, 06:40 Uhr
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