«Es ist unglaublich, was die Kollegen leisten»

50 japanische Techniker riskieren in Fukushima unter hoher Strahlenbelastung ihre Gesundheit, um eine atomare Grosskatastrophe doch noch abzuwenden. Roland Bönzli, Pikettingenieur im Kernkraftwerk Mühleberg, versucht, sich in ihre verzweifelte Situation hineinzuversetzen.

Rolanz Bönzli, Pikett-Ingenieur im Kernkraftwerk Mühleberg.

Rolanz Bönzli, Pikett-Ingenieur im Kernkraftwerk Mühleberg. Bild: zvg

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Herr Bönzli, muss man die paar Dutzend Techniker, die in Fukushima an der vordersten Strahlenfront kämpfen, als Todeskommando bezeichnen?
Roland Bönzli: Nein, das sind nicht Selbstmörder, die dort arbeiten. Selbst in einer solchen aussergewöhnlichen Situation ist jeder auch noch auf seine Sicherheit bedacht.

Gestern kam die Meldung, dass die japanische Regierung die für AKW-Arbeiter zulässige Strahlenbelastung mehr als verdoppelt hat. Kann man da noch von Sicherheit sprechen?
Ich kenne die Vorschriften in Japan nicht und kann mich auch nicht in die japanische Mentalität hineinversetzen. Aber man hat in jedem Kraftwerkbetrieb gewisse Leitsätze, die Prioritäten festlegen. Erste Priorität hat der Schutz der Bevölkerung, zweite Priorität der Schutz des Personals. Man tut als Kraftwerkmitarbeiter alles Erdenkliche, um die Menschen draussen zu schützen, achtet aber gleichzeitig auch auf die persönliche Sicherheit.

Das heisst, man könnte zu einem solchen Einsatz auch Nein sagen.
Genau. Bei uns in der Schweiz gibt es die Strahlenschutzverordnung, wie sie in Japan vermutlich eine ähnliche haben. Zur Bewältigung von Störfällen dürfen die Dosisgrenzwerte überschritten werden, wenn dies zum Schutz der Bevölkerung und insbesondere zur Rettung von Menschenleben erforderlich ist. Aber immer nur im Einverständnis mit den Betroffenen.

Zwingen kann man niemanden?
Nein.

Umso mehr muss man den Einsatz der japanischen Techniker als heldenhaft würdigen.
Ich würde nicht von heldenhaft sprechen, sondern von sehr professionell. Aus den Informationen, die wir hier haben, können wir schliessen, dass sie die radiologische Situation haargenau kennen, in der sie sich bewegen. Die eigene Lage beurteilen zu können, gehört in jedem Kernkraftwerk zur Grundausbildung. Das sogenannt beruflich strahlenexponierte Personal erhält eine Grundausbildung und periodische Wiederholungsschulung zum Verhalten im Strahlenfeld und wird jährlich von einem Suva-Arzt untersucht. Die wissen in Fukushima genau, wie man sich im Strahlenfeld verhält und welche Dosis welche Folgen im Körper hat.

Ist nicht einfach verloren, wer so nahe an einen defekten Reaktor herangehen muss?
Nein, da gibt es schon Strategien. Zur Überwachung tragen sicher alle einen Dosimeter auf sich, der die aktuelle sowie die aufsummierte Strahlenbelastung anzeigt. Dann muss man auch wissen, dass die Belastung schnell abnimmt, wenn man sich von der Anlage wegbewegt, und zwar im Quadrat der Entfernung. Die Taktik, dass sie sich zwischenzeitlich in Zonen mit geringerer Bestrahlung zurückziehen und dann für Kurzeinsätze wieder in Reaktornähe vorstossen, zeigt, wie professionell gehandelt wird.

Wie gut schützen die Anzüge der japanischen Arbeiter vor der Strahlenbelastung?
Man kann sich mit Atemschutzgeräten sehr gut gegen das Einatmen radioaktiver Aerosole schützen und mit Schutzkleidern gegen Verschmutzung mit haftenden Aerosolen. Aber gegen die Bestrahlung an sich hilft nur Abschirmung, zum Beispiel mit Blei. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich dem Reaktor hinter einer mobilen Abschirmung – zum Beispiel einer Bleiplatte auf einem fahrbaren Untersatz – nähern. Grundsätzlich schützt man sich vor einer Strahlenquelle wie vor der Sonne – man versucht, im Schatten zu gehen und die Expositionszeit kurz zu halten.

Kommt da auch die Angst hoch?
Ja, da ist sicher auch ein Teil Angst dabei, vor allem wenn man feststellt, dass die aufsummierte Strahlenbelastung zum Problem werden kann. Sicher sind aber auch Strahlenschutzexperten vor Ort, die Techniker und Arbeiter im Gespräch beraten und unterstützen. Das ist sehr wichtig, damit man nicht alleine gelassen wird mit dem Entscheid, sich von der Rettungsaktion zurückzuziehen, wenn die eigene Gesundheit ernsthaft gefährdet wird.

Können Sie sich in die Leute in Fukushima hineinversetzen?
Was das professionelle Vorgehen angeht, schon. Aber das Unvorstellbare ist, dass sie in einer Zone arbeiten, die auch sonst völlig zerstört ist. Die Leute haben vielleicht ihren Wohnsitz verloren, ihre Verwandten, Freunde – und müssen gleichzeitig diesen Effort leisten. Da kann man keine Sekunde abschalten, mal nach Hause gehen, sich ausruhen. Es ist unglaublich, was die Kollegen dort leisten. Wir hier trainieren regelmässig möglichst realistisch unser Verhalten in möglichen Schadenfällen. Zu supponieren, dass auch noch der Wohnsitz zerstört ist und die Familie vermisst, das geht schlicht nicht. Was die Leute in Fukushima durchmachen, können wir nicht üben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2011, 06:29 Uhr

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