«Die Zahl der zivilen Opfer wird ansteigen»
Interview: Jan Knüsel. Aktualisiert am 25.06.2010
Albert Stahel ist Professor für Strategische Studien an der Universität Zürich. Er bereist seit Jahren Afghanistan.
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Afghanistan hat einen neuen General. War dieser Wechsel notwendig?
Es war ein politischer Entscheid. Aus militärischer Sicht war dies nicht notwendig. General Stanley McChrystal genoss eine gute Vertrauensbasis beim afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Chrystals Nachfolger, General David Petraeus ist diesbezüglich nicht auf der gleichen Linie.
Wie schätzen Sie General Petraeus ein?
Er ist ein Mann aus Washington, ein politischer General, der einen besseren Zugang zu Präsident Barack Obama, Vize-Präsident Joe Biden und Karl Eikenberry, dem US-Botschafter in Afghanistan, hat. Man kann es auch so ausdrücken: McChrystal ist der General der Soldaten, Petraeus der General der Politiker und Medienleute.
Ist Petraeus der richtige Mann für Afghanistan? Kann die Irak-Strategie auf Afghanistan angewendet werden?
Er wird Stammesführer und auch Taliban-Leute kaufen und versuchen möglichst schnell abzuziehen. Kurzfristig wird dies funktionieren, wie man im Irak gesehen hat. Doch auch im Irak sieht man jetzt die ersten Probleme. Die Bagdader Regierung wird mittlerweile in Teheran bestimmt. Muktada Al-Sadr hat einen grossen Einfluss in der irakischen Politik.
Hat Stanley McChrystal Fortschritte in Afghanistan erzielt?
General McChrystal pflegte im Gegensatz zu Petraeus einen langfristigen Ansatz. Er hat für ein Umdenken gesorgt. Früher setzten die USA die Luftstreitkräften fast schon unkontrolliert ein. Dies führte zu grossen Kollateralschäden. McChrystal hat mit dieser Strategie gebrochen. Er hat die unkontrollierten Bombardierungen eingestellt und den Wiederaufbau des Landes in den Vordergrund gestellt. Diese Strategie fand viel Zustimmung bei den Afghanen.
Wieso kam es zum Bruch mit der Regierung?
Obama hat nicht die Zeit für eine solch langfristige Planung. In vielerlei Hinsicht wurde Stanley McChrystal von Washington sabotiert. Ich habe den Verdacht, dass der General frustriert war und die Nase voll hatte.
Experten munkeln nun, dass Petraeus die Strategie der Zügelung gegenüber der Zivilbevölkerung aufweichen will. Was halten Sie davon?
Die zivilen Opfer werden wieder ansteigen. Das werden die Afghanen nicht mitmachen. Im Krieg in Afghanistan geht es für die Amerikaner um den Schein. Obama muss zeigen, dass er alle im Griff hat, damit er die Truppen geordnet abziehen und sagen kann, dass er den Auftrag erfüllt hat. Die Opfer werden die Afghanen sein.
Gibt es überhaupt noch eine Chance für Afghanistan?
Anfang 2002 sah ich durchaus Chancen für den Wiederaufbau und die Stabilisierung des Landes. Der Krieg im Irak hat die Prioritäten verschoben. Afghanistan wurde in der Folge fallengelassen. Jetzt ist es kurz vor zwölf. Wenn man alles ernsthaft anpackt, sehe ich durchaus Chancen für das Land.
Ist der Krieg in Afghanistan kein neues Vietnam?
Es ist kein Vietnam, es ist ein Sumpf. Vietnam war ein geführter Krieg mit einer klaren Struktur. Hier kämpfen verschiedene Gruppierungen gegen einander. Drogenbosse und Banditen haben auch die Hände im Spiel.
Die Amerikaner bauen mit Hochdruck eine afghanische Armee auf. Funktioniert dieses Konzept?
Die Sowjets führten dazumals die gleiche Strategie aus. Unter Gorbatschow begann man 1986 mit dem Aufbau einer Armee, was auch gelang. Die Armee war bis 1989 gefestigt und hatte eine hohe Disziplin. Nach dem Zusammenbruch der Regierung 1992 zerfielen die Truppen. Es ist durchaus möglich eine glaubwürdige afghanische Armee aufzubauen. Dies ist aber nicht von heute auf morgen möglich. Die USA gehen zudem falsch vor.
Inwiefern gehen die Amerikaner falsch vor?
Die USA haben bewusst darauf verzichtet, eine moderne Armee aufzubauen. Die jetzige afghanische Armee ist nichts anderes als eine Infanterie mit einfachen Sturmgewehren und alten Transportfahrzeugen. Es fehlt an Kampfflugzeugen und an Helikoptern. Die Amerikaner wollen die Pakistani nicht vor den Kopf stossen. Im Irak hingegen haben die USA eine starke Armee als Gegengewicht zum Erzfeind Iran aufgebaut.
Obama hat die Truppen in Afghanistan aufgestockt. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, bereits von Anfang an mehr Soldaten zu entsenden?
Ich glaube nicht, dass dies Wirkung gezeigt hätte. Mit mehr als 100'000 Soldaten haben wir jetzt schon fast schon russische Verhältnisse. Für eine glaubwürdige Zukunft braucht es einen massiven zivilen Aufbau des Landes. Nur so kann das Land stabilisiert werden.
Warum einigt sich Washington nicht mit den Taliban?
Die Taliban wollen kaum mit den Amerikanern verhandeln. Aber Karzai wird sich zwangsläufig mit den Taliban arrangieren müssen.
Nehmen wir an, Sie wären Obamas Sicherheitsberater. Was würden Sie ihm empfehlen?
Ich würde mich in der jetzigen Lage davor hüten, sein Berater zu sein. Ein Ratschlag wäre aber den zivilen Wiederaufbau im Schnellzug in Angriff zu nehmen und möglichst bald abzuziehen.
Wie wird dieser Krieg ausgehen?
Die Amerikaner werden sich zurückziehen. Nach dem Abzug werden die Taliban einen Teil des Landes übernehmen. Am Schluss werden sich die Parteien in Afghanistan einigen müssen.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.06.2010, 11:18 Uhr
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