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«Der wichtigste Preis der Geschichte»

Von Bruno Kaufmann, Oslo. Aktualisiert am 10.12.2010 2 Kommentare

Das norwegische Nobelkomitee und die chinesische Führung kämpfen um die Gunst der Welt – und um die Zukunft der Demokratie.

Im Osloer Nobel-Friedenszentrum erinnert eine Ausstellung an den inhaftierten Preisträger Liu Xiaobo.

Im Osloer Nobel-Friedenszentrum erinnert eine Ausstellung an den inhaftierten Preisträger Liu Xiaobo.
Bild: Reuters

Von einem Dialog sind die beiden Hauptkontrahenten im Streit um den diesjährigen Friedensnobelpreis an den chinesischen Demokratievorkämpfer Liu Xiaobo weit entfernt. «Wir haben nicht miteinander gesprochen», sagte der Vorsitzende des norwegischen Nobelpreiskomitees, Thorbjörn Jagland, am Donnerstag und bezeichnete die diesjährige Auszeichnung als «die wichtigste in der Geschichte des Friedensnobelpreises». Warum? «Der Preis macht deutlich, dass sich eine Weltmacht wie China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch weiterentwickeln muss», betonte der frühere norwegische Ministerpräsident, der neben seiner Rolle als Friedensnobelpreischef auch als Generalsekretär des Europarates amtet.

Angesprochen auf die scharfe Kritik aus China an der Verleihung der hohen Auszeichnung an einen «Kriminellen», wie Liu Xiaobo von Chinas Führung bezeichnet wird, sagte Jagland, dass «dieser scharfe Widerstand die Richtigkeit des diesjährigen Preises unterstreicht». Dabei gehe es, so Jagland, nicht um den Export eines westlichen Demokratiemodells nach China, sondern um die weltweit gültigen Menschenrechte. «Dazu gehört namentlich die Meinungsfreiheit», sagte Jagland und nannte den Preis «letztlich pro-chinesisch».

Alfred Nobels Testament

Der 1901 zum ersten Mal verliehene Friedensnobelpreis gilt heute als wichtigste Auszeichnung der Welt überhaupt. Sie geht auf den schwedischen Industriellen und Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, zurück, der in seinem Testament den Nachlass verschiedenen Institutionen vermachte. Dazu gehört das vom norwegischen Parlament gewählte, aber unabhängig vom norwegischen Staat agierende Nobelkomitee, das jährlich jene Personen oder Organisationen auszeichnen soll, die sich am meisten für den «Weltfrieden und die Abschaffung der stehenden Heere» einsetzen.

Dem norwegischen Nobelkomitee ist es in den über hundert Jahren immer wieder gelungen, den Willen des Preisstifters in die aktuelle Zeit zu übersetzen – es hat damit den Friedensnobelpreis zu einem effizienten Instrument der globalen Meinungsbildung gemacht.

China auf Hitlers Spuren

Die kommunistische Führung in China hat dieser Art von globaler Meinungsbildung bislang erstaunlich wenig entgegenzusetzen: Neben wütenden und tief beleidigt wirkenden offiziellen Aussagen zu den «Clowns von Oslo» – so eine Sprecherin des chinesischen Aussenministeriums am Donnerstag – wurde in dieser Woche kurzerhand ein «alternativer Friedenspreis» erfunden. Eindrucksvoller ist die Liste der 21 Staaten, die auf Druck Chinas auf eine Teilnahme an der Zeremonie von heute im Osloer Rathaus verzichten: Dazu gehören neben Ländern in Nordasien und dem Nahen Osten die beiden lateinamerikanischen Verbündeten Kuba und Venezuela sowie Russland. Trotz heftiger Druckversuche hat sich jedoch Indien als grösste Demokratie der Erde dazu entschlossen, an der Zeremonie teilzunehmen.

Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Friedensnobelpreises, kann der Preis nicht übergeben werden. 1936 steckte das Hitlerregime den Friedensaktivisten Carl von Ossietzky in ein Konzentrationslager und hinderte ihn an der Entgegennahme der Auszeichnung. Die Nazis konterten zudem mit der Einrichtung eines eigenen «Friedensnobelpreises». Darauf angesprochen betonte Thorbjörn Jagland, dass dies die «einzigen Parallelen» seien. «China hat grosse Fortschritte gemacht und muss deshalb nun auch Verantwortung für die Zukunft der Demokratie übernehmen», sagte der Vorsitzende des fünfköpfigen norwegischen Nobelkomitees.

Die Vertreter aus 44 Staaten haben sich für die heutige Feier im Osloer Rathaus angemeldet; darunter auch der Schweizer Chargé d’Affaires in Norwegen, Salman Bal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2010, 23:46 Uhr

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2 Kommentare

Andreas Weber

10.12.2010, 08:04 Uhr
Melden

Ich sage zu den "grossen Fortschritten des Kommunistischen Chinas" nur: Es hat Fortschritte im Vertuschen und Verblenden gemacht. Unter dem Deckel... Sagen wir's mal so: Solange es noch das "Laogai"-System (Zwangsarbeitslager, Gulags) gibt, in welche man ohne Gerichtsurteil bis zu 3 Jahre gesteckt werden kann... Solange ist China noch sehr weit von richtigen Fortschritten entfernt. Antworten


Kristina Schüpbach

12.12.2010, 19:47 Uhr
Melden

Jagland verkennt, dass die Menschenrechtsverletzungen gerade eben fundamentaler Teil der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas sind. Ohne die Unterdrückung der Arbeiter, ohne die politische Verfolgung von Menschenrechtsaktivistinnen wäre China niemals zur heutigen wirtschaftlichen Stärke gelangt. Nur weil die Bevölkerung durch Einschüchterungen daran gehindert wird, sich zu wehren, ist es so stark. Antworten




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