Der Terrorfürst als Klimaexperte
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 02.02.2010
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Zu allem und zu jedem seinen Senf dazuzugeben, birgt bekanntlich gewisse Gefahren: Man wird schnell als Besserwisser oder oberflächlicher Schwätzer abgetan. Meistens zu Recht, denn die Sparte der intellektuellen Allrounder und Renaissancemenschen, deren Wissen von King Kong bis zur Quantenphysik reicht, ist extrem dünn besetzt, weshalb in den Meinungen des scheinbar rundherum Beschlagenen nicht selten blanker Dilettantismus aufscheint. Oder sogar ausgesprochene Dummheit.
Besonders fragwürdig wird die zu allem und zu jedem geäusserte Meinung, wenn der Meinungsgeber womöglich in einer Höhle sitzt und darin nichts anderes tut, als auf Mord und Totschlag zu sinnen. So verhält es sich in etwa mit Osama Bin Laden, dessen Verlautbarungen, gemeinhin übertragen vom TV-Sender al-Jazeera, uns inzwischen überwiegend langweilen.
Am vergangenen Freitag aber liess uns der Massenmörder aufhorchen, gab er seinem Hass auf die Vereinigten Staaten doch einen wissenschaftlichen Anstrich und betätigte sich zugleich als Pädagoge: Die Erderwärmung, belehrte uns der untergetauchte Scheich, finde tatsächlich statt, schuld daran sei Amerika, das sich unter anderem dem Kyoto-Protokoll widersetzt habe. «Über den Klimawandel zu sprechen, ist kein intellektueller Luxus, das Phänomen ist eine Tatsache», sprach Osama und verlangte flugs einen Boykott amerikanischer Firmen sowie des Dollars.
Ein Steilpass für die Republikaner
Immerhin seien die Auswirkungen der Erderwärmung «auf jedem Kontinent» zu beobachten, sagte Osama weiter. Damit trat der Scheich in ein grandioses Fettnäpfchen: Er schlug sich klar auf die Seite Al Gores und der Demokraten, womit jene Auftrieb erhalten, die den Klimawandel als reine Erfindung anprangern. Darunter Republikaner wie Senator James Inhofe aus Oklahoma, der künftig gewiss genüsslich auf Osama Bin Ladens Äusserungen verweisen wird, um die Idee einer Klimaveränderung vehement zurückzuweisen.
Einmal davon abgesehen, dass es dort, wo Bin Laden sich befindet, nicht sonderlich warm zu sein scheint – der Mann trägt stets Schal, Hut und Mantel –, erhebt sich die Frage, ob er überhaupt zu derartigen Meinungen qualifiziert ist. Oder ob wir es hier nicht mit jemandem zu tun haben, der zwanghaft seinen Senf dazugibt und daher ebenso gut über Verhütungsmittel oder die Würde der Primelpflanze plaudern könnte.
Ein Blick auf Bin Ladens bisheriges Œuvre gibt jedenfalls Anlass zu Bedenken: Keinesfalls sollte ihm etwa eine tägliche Ratgeberspalte in einer grossen Tageszeitung überlassen werden, denn stark ideologisch eingefärbt, würde sich dieser Pseudo-Hansdampf in allen intellektuellen Gassen zu allerlei Phänomenen äussern. Aussterbende Amphibien? Schuld daran ist Amerika! Fettleibigkeit? McDonald’s! Erektionsprobleme? Baseball!
Der Terrorfürst, ein Klimasünder
Damit nicht genug, stehen wir, was die intellektuelle Redlichkeit des Scheichs in Sachen Klimawandel betrifft, vor einem schwerwiegenden Problem: Bin Ladens Mordbrennerei bescherte der Welt ungeheure Ausstösse von Treibhausgasen und trug unzweifelhaft zum Klimawandel bei. Löste er doch wegen 9/11 die amerikanische Intervention in Afghanistan aus, wobei durch Bomber und sonstiges Kriegsgerät tonnenweise Kohlenstoff freigesetzt wurde.
Noch schlimmer: Ohne Bin Laden wäre es nie zum Krieg im Irak gekommen, denn George W. Bush zettelte diesen Waffengang an, indem er eine Verbindung zwischen Osama und Saddam herbeilog. Die Organisation Oil Change International schätzte 2008, dass beim Krieg im Irak seit März 2003 mindestens 141 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet wurden. Insgesamt und unterm Strich drängt sich somit der Verdacht auf, Osama Bin Laden sei nicht wirklich ein Klimaexperte.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.02.2010, 15:49 Uhr
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