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Brände in Russland: Vertuscht, verdrängt, beschönigt

Von Monica Fahmy. Aktualisiert am 10.08.2010

Als Moskau schon im Smog erstickte, berichteten staatliche Medien noch über erfolgreiche Raketentests. Über die Brände und deren Folgen redet die russische Regierung erst, wenn sie nicht mehr anders kann.

Man kann kaum mehr atmen: Zwei Frauen versuchen sich in Moskau vor dem Smog zu schützen.

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Bild: Keystone

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In den Wäldern tobt die schlimmste Naturkatastrophe seit Jahrzehnten.

Dass die Polizei neu Polizia statt Milizia heisst und dass Raketentest erfolgreich verlaufen waren, dominierte letzten Freitag die Nachrichten in Russland. Da wüteten im Land bereits über 500 Waldbrände und Moskau verschwand im Smog. Doch kein Wort war darüber in den russischen Medien zu lesen.

Auch heute ist dort wenig über die verheerenden Brände zu erfahren. Ein Topthema ist dagegen, dass Präsident Dmitri Medwedew die Ermittlungen in einem Fall von Preismanipulation bei der Beschaffung von medizinischer Ausrüstung vorantreiben will. Von den Feuern erfährt man lediglich, dass sich die Situation gebessert habe.

Wie zu Zeiten des Kalten Krieges werden in Russland Ereignisse erst einmal vertuscht, verdrängt und beschönigt. Moskauer Ärzte gaben gegenüber Reuters Africa an, dass sie es kaum wagten, bei Patienten Krankheiten zu diagnostizieren, die mit der Hitze und dem Rauch zusammen hängen, aus Angst, ihre Stelle zu verlieren.

Als Ärzte in Internet-Blogs klagten, dass sich die Leichenhallen mit Menschen füllten, die an den Folgen der Brände gestorben waren, und dass die Situation in allen Moskauer Spitälern ähnlich sei, stritt die Regierung dies erst einmal reflexartig ab. Nun gaben Offizielle am Fernsehen zu, dass die tägliche Opferzahl von 360 auf «etwa 700» gestiegen sei.

«Haben wir denn überhaupt eine Krisensituation?»

Letzte Woche warteten die Moskauer vergebens auf ein Statement ihres Bürgermeisters Juri Luschkow. Erst fand es dieser nicht nötig, seine Ferien abzubrechen. «Haben wir denn überhaupt eine Krisensituation in Moskau?», zitierten Medien seinen Sprecher. Am Sonntag brach Luschkow wohl auf Druck des Kremls seinen Urlaub doch ab. Offiziell ist natürlich von keinem Urlaub mehr die Rede, es heisst vielmehr, er habe eine Sportverletzung behandeln lassen müssen.

Heute hat Wladimir Putin Luschkows Entscheidung, vorzeitig nach Moskau zurückzukehren, als «richtig und rechtzeitig» gelobt, berichtet moskau.ru. «Sie haben natürlich richtig gehandelt, indem Sie aus dem Urlaub zurückgekehrt sind», so der russische Premierminister bei einem Treffen mit dem Bürgermeister.

Brände als Wahlkampfplattform

Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2012 versuche Putin sich mit einer Charmeoffensive zu positionieren, schreibt «Spiegel Online». So habe der Premierminister auf eine mit derben Flüchen untermalte Kritik eines Bloggers ungewohnt verständnisvoll reagiert. Im Rennen um die Gunst der Wähler reiste Putin ferner in Jeans und Oberhemd in die Katastrophengebiete und versprach Opfern eine für russische Verhältnisse sehr grosszügige Entschädigung und Aufbauhilfe.

Dafür, dass sich die Flammen überhaupt so rasend schnell ausbreiten konnten, ist die russische Führung zumindest mitverantwortlich, schreibt «Spiegel Online». Der damalige Präsident Putin hatte 2007 ein Forstgesetz unterzeichnet, das Forsthüter praktisch abschaffte, so dass niemand die grossen Waldflächen kontrollierte. Auch das Feuerwehrwesen wurde kaputt gespart. Das hinderte Moskau nicht daran, ausländische Hilfe bei der Brandbekämpfung erst sehr spät zu akzeptierten.

Wie die Regierung über die Brände informiert, erinnert ältere Moskauer an die Katastrophe von Tschernobyl. 1986 hatte die Regierung während Tagen bestritten, dass radioaktive Strahlung aus einem Leck am Atomreaktor trat. Die Behörden erlaubten sogar Kindern, in der Nähe an Paraden zu marschieren, um nicht von der offiziellen Sprachregelung abweichen zu müssen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2010, 17:13 Uhr


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