Tweet honey – die Grenzen der Autosuggestion

Redaktor Andreas Saurer über die unheimliche Leichtigkeit der Politik im Twitter-Zeitalter.

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«Neuvermessungen – was da alles auf uns zukommt und worauf es jetzt ankommt.» So heisst das neue Buch von Sigmar Gabriel, dem deutschen Aussenminister, Vizekanzler und Ex-Parteichef der SPD. «Aufstehen statt wegducken – eine Strategie gegen Rechts», das verspricht SPD-Justizminister Heiko Maas in seinem druckfrischen Werk.

Zwei blitzgescheite Schlachtrösser der deutschen Sozialdemokratie weisen der deutschen Gesellschaft im Wahlkampf umsichtig und etwas allwissend den Weg – auf je rund 250 Seiten zwischen Buchdeckeln. In Donald Trumps Tweet-Eldorado wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Bücher und Kamingespräche, Pressekonferenzen und Gipfeltreffen, derzeit wirkt das alles wie Schnee von gestern.

Wer nicht twittert, schafft es kaum in die Schlagzeilen. Ohne Tweets keine Beachtung, ergo keine Öffentlichkeit und Relevanz. Das hat zum Beispiel Matteo Renzi, der alte und neue Parteichef der italienischen Demokraten, früh erkannt. Als er noch Regierungschef war, meldete er sich auf Twitter in Echtzeit von den Treffen der Mächtigen.

Doch US-Präsident Trump begleitet oder kommentiert die reale Politik nicht einfach online, er ersetzt sie durch Twitterei. Dort erfährt man, wie der Hase in Amerika und der Welt läuft, und nicht in den Katakomben der Macht, an Regierungssitzen oder in Parteizentralen.

Die halbe Welt lacht über Trump oder schüttelt den Kopf über ihn. Andere aber nehmen seine Tweets für bare Münze – sein Follower-Kabinett, seine Wähler­basis daheim und Herrschende wie etwa jene in Saudiarabien. Trump ist nicht nur virtuell ein Rambo, so ähnlich kann Trump auch im realen Leben mit Menschen umgehen.

Was Narzissmus von trumpschem Kaliber bedeutet, bekam Europa während dessen erster Auslandreise demonstriert: Am Nato-Gipfel in Brüssel räumte er persönlich den Regierungschef von Montenegro, dem jüngsten Nato-Mitglied, rüde aus dem Weg, um sich sofort gockelartig in Pose zu werfen.

Trumps Tweet-Feldzüge bringen die Welt in Zugzwang. Sogar eher spröde Politiker und ernste Zeitgenossen wie EU-Ratspräsident Donald Tusk lassen sich anstecken. Vor Trumps Klima-Entscheid twitterte der Pole seinem Namensvetter: «Bitte verändern Sie nicht das (politische) Klima zum Schlechteren.» Exoten-Twitterer Tusk hat aktuell 526'000 Follower, Renzi 3 Millionen und Donald Trump 32,4 Millionen. Das sind die Relationen.

Von Trump angestachelt und von Emmanuel Macrons Wahlsieg ermutigt, entdecken auch Europas Spitzenpolitiker die verführerische Leichtigkeit und das Unverbindliche der Tweets. Verschwenderisch darf man dort mit Superlativen und Selbstlob sein. So wird alles, was eben noch eine existenzielle Bedrohung war, flugs zur ultimativen Chance für Europa umgedeutet.

Der Brexit, Trumps Wahl und sein Ausstieg aus dem Klimaschutz, Chinas Einkaufstour in Europa, die populistische Versuchung, ja sogar die Terrorgefahr: Jeder Albtraum setzt plötzlich Energie frei, um angeblich Europa zu retten. Doch Trump-Bashing und Macron-Euphorie gaukeln eine kontinentale ­Einigkeit vor, die es nicht gibt. Zweckoptimismus und Schönfärberei schaffen die Divergenzen etwa in der Flüchtlings- oder der Verteidigungsfrage nicht aus der Welt. Es fehlt eine Strategie im Umgang mit Trump, Putin, Erdogan und den Populisten in den eigenen Ländern.

Triumphale Europa-Tweets mögen auch für den alten Kontinent ein super Mittel zur Autosuggestion sein. Doch diese hat beidseits des Atlantiks eine sehr begrenzte Halbwertszeit. Die Präsidenten-Zitterpartien in Österreich und Frankreich und die Wahlen in den Niederlanden sind überstanden. Doch die Parlamentswahlen in Deutschland und Österreich stehen im Herbst an. Europa sieht sich weiter mit dem islamistischen Terror konfrontiert, die Angst vor neuen Anschlägen geht um. Fürs ultimative Aufatmen ist es stets zu früh. Für einen flotten Tweet ist jede Gelegenheit gut genug. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 11:34 Uhr

Andreas Saurer, Redaktor
andreas.saurer@bernerzeitung.ch

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