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Zum Doktor und zum Zahnarzt ins Sportstadion
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Wenn John Bryant seine Geschichte erzählt, muss man genau hinhören. Seit er sich vor einem Jahr alle Zähne ziehen liess, nuschelt der 51-Jährige wie ein Greis. Eine angeborene Kieferkrankheit hatte sein Gebiss allmählich zerstört. «Man hätte das behandeln und den Kiefer richten können», sagt er, «aber ich konnte mir das nie leisten.» Also entschied er sich für das kleinere Übel, als die Schmerzen unerträglich wurden. Letzten Sommer kamen die Zähne raus, alle 24. Und auch das konnte sich John Bryant nur leisten, weil für Menschen ohne Versicherung und das nötige Geld für den Arztbesuch hier im entlegenen Wise County einmal im Jahr eine Art medizinisches Weihnachten ist: Auf einer Wiese behandeln dann aus dem ganzen Land angereiste Ärzte drei Tage kostenlos Bedürftige.
Gedränge im Feldlazarett
Heute ist es wieder so weit in Wise County. Zum zehnten Mal schon hat die Hilfsorganisation Remote Area Medical (RAM) in dem abgelegenen Grubenrevier der Appalachen-Berge Virginias ihr Feldlazarett aufgeschlagen. Unter einer weissen Zeltplane stehen dicht gedrängt in endlosen Reihen graue Klappliegen. Zahnärzte beugen sich im Akkord über offene Münder. Nebenan brummt ein mobiler Röntgenwagen. Ein Stück weiter werden alte Spenderbrillen angepasst und neue Gläser geschliffen. In einer verwitterten Scheune trennen schwere Planen schmale Behandlungszimmer ab. Hier kümmern sich Ärzte um chronisch Kranke und akute Leiden. Dazwischen tummeln sich wie auf einem Jahrmarkt Hunderte Menschen mit roten, blauen und gelben Armbändern und schwarzen Nummern auf den Handrücken. Wer heute früh nicht pünktlich um fünf Uhr vor den Toren des Lagers stand, um sich für eine Behandlung zu registrieren, muss es morgen noch einmal versuchen. Nur 1600 Patienten haben täglich Einlass. «Wir mussten mehr Leute wegschicken als je zuvor», bedauert die Krankenschwester Teresa Gardner, «es kommen einfach jedes Jahr immer mehr.»
Surreale Szenen
Acht Autostunden entfernt in Washington streitet Amerika einmal mehr eifrig ĂĽber eine Gesundheitsreform. Hier auf der sattgrĂĽnen Wiese von Wise lassen sich die GrĂĽnde besichtigen. Es sind surreale Szenen, die man eher irgendwo im fernen Dschungel erwarten wĂĽrde als im reichsten Land der Erde.
Velvet und Lynn Harron waren schon gestern da und haben die Nacht auf dem Parkplatz in Schlafsäcken verbracht. Die junge Frau mit dem verlebten Gesicht und den müden Augen will sich einen Zahn ziehen lassen. Vielleicht bekommt sie auch Medikamente gegen den hohen Blutzucker. Ehemann Lynn hofft auf eine neue Brille. «Wir kommen her, weil das alles ist, was wir uns leisten können», erzählt der frühere Kohlearbeiter in der abgewetzten Latzhose. Sein Rücken ist kaputt, und er hofft, in die staatliche Invalidenversicherung aufgenommen zu werden. Die ersetzt für viele hier das soziale Netz.
Auch für Margaret Bowd wäre ein regulärer Zahnarzt unerschwinglich. Weil aber ein Zahn nicht warten konnte, bis die RAM-Helfer ihr Lager in Wise County aufschlagen, musste sie eine Rechnung über 207 Dollar in zehn Monatsraten abstottern. Dabei findet die 57-jährige Näherin jetzt in der Wirtschaftskrise nicht mal mehr Gelegenheitsjobs. Dass sie im Massencamp unter freiem Himmel behandelt wird, stört sie nicht. «Hauptsache, es kostet nichts», sagt Margaret Bowd erleichtert.
Eine Zahnärztin erzählt
Geschichten wie diese hört die Zahnärztin Katherine Fischer immer wieder. Ein Wochenende lang hat sie ihre Praxis in einem Vorort von Washington dichtgemacht, um hier mit Tochter Chelsea und Sohn Harrison Bedürftigen zu helfen. «Die Kinder sollen sehen, was es alles gibt in diesem Land», sagt sie, «und so ein Einsatz gibt dir einfach ein gutes Gefühl, etwas getan zu haben.» Dann rechnet sie fast entschuldigend vor, warum sich kaum Zahnärzte in einer Gegend wie Wise County dauerhaft ansiedeln: Bis zu 40000 Dollar pro Jahr kostet die Ausbildung. Noch bevor die Praxis eingerichtet ist, hat ein junger Kollege schnell 250000 Dollar Schulden. Niederlassen kann er sich da nur, wo es genug Versicherte oder zahlungskräftige Kunden gibt. «Ich könnte hier als Zahnärztin nicht überleben», sagt Fischer. Dietmar Ostermann> (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.09.2009, 22:50 Uhr
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