Wie das FBI Saddam zum Reden brachte
Von Ignaz Staub. Aktualisiert am 02.07.2009 2 Kommentare
Bevor die Amerikaner im Sommer 2004 Saddam Hussein an den Irak auslieferten, trafen sich der zuständige FBI-Agent und der inhaftierte Diktator in Bagdad ein letztes Mal. Der Agent, George Piro, brachte zwei kubanische Zigarren mit und sass mit Saddam in dessen winzigem Garten vor der Zelle. Dort pflegte der frühere irakische Präsident die Erde mit blossen Händen umzugraben, weil ihm seine Wärter keine Werkzeuge gaben.
Piro, ein Amerikaner libanesischer Abstammung, hatte zuvor die meisten der 20 Verhöre und fünf «informellen Gespräche» geführt, welche die USA unter der Ägide des FBI nach der Festnahme Saddams Ende 2003 anberaumt hatten. Piro sprach Arabisch, seinerzeit als einer von lediglich rund 50 unter 10'000 FBI-Agenten. Er und sein Gefangener redeten sich erst mit «Mr. George» und «Mr. Saddam» an, später nur noch mit «George» und «Saddam». Als sich die beiden nach ihrem letzten Treffen verabschiedeten, hatte Saddam Hussein Tränen in den Augen und küsste den Amerikaner in traditionell arabischer Manier: dreimal auf jede Wange. Mehr als zwei Jahre später, am 30. Dezember 2006, war der Iraker tot – gehängt am Galgen.
Fast vollständige Protokolle
Worüber George und Saddam in der Zelle in der Nähe des internationalen Flughafens in Bagdad jeweils sprachen, ist seit Mittwoch der Öffentlichkeit zugänglich. Die Publikation der Abschriften wurde möglich, nachdem das National Security Archive, ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington D.C., aufgrund des US-Gesetzes zur Informationsfreiheit erfolgreich auf die Herausgabe der Dokumente gepocht hatte.
Die Verhöre und informellen Gespräche fanden zwischen dem 7. Februar und dem 28. Juni 2004 statt. Ihr Inhalt ist fast vollständig protokolliert – mit einer Ausnahme. Im letzten Verhör vom 1. Mai 2004 sind sämtliche Aussagen herausgestrichen worden. Dies geschah angeblich aus Gründen der nationalen Sicherheit, wobei jedoch nicht ersichtlich ist, worüber das FBI mit Saddam hätte sprechen sollen, was geheim bleiben musste. Dafür erfährt der Leser einiges über die irakischen Pläne zum Bau von Massenvernichtungswaffen, über die Hintergründe der Invasion Kuwaits im Jahre 1990, über Saddam Husseins Beziehung zu Osama Bin Laden oder über das Verhältnis des Diktators zu den USA.
Die Unterhaltungen des FBI mit Saddam Hussein fanden jeweils in einem fensterlosen Raum statt. Der Iraker sass dabei buchstäblich mit dem Rücken zur Wand, George Piro ihm gegenüber. «Ich war eine Art psychologischer Barriere zwischen ihm und der Tür», hat der FBI-Agent einem Reporter des amerikanischen Fernsehprogramms «60 Minutes» erzählt. Dabei erfuhr Saddam nie, wer genau sein Gegenüber in der Zelle war. Er nahm aber – zu Unrecht – an, Piro stehe in direktem Kontakt zu Präsident George W. Bush, sei folglich ein mächtiger Mann.
Saddam hatte Putzfimmel
Der FBI-Agent kontrollierte jeden Aspekt von Saddams Alltag, von den Feuchttüchlein, mit denen der Sauberkeitsfanatiker seine Zelle und Obst putzte, über die Kugelschreiber und das Papier, mit deren Hilfe der Iraker täglich seine laut Piro «meist schrecklichen» Gedichte schrieb, bis hin zum Licht im Raum. George Piro sagt, der Häftling sei aber nie speziellen Verhörtechniken oder gar Foltermethoden unterzogen worden, weil das ohnehin nichts gebracht hätte.
Einer wie Saddam, so der FBI-Agent, lasse sich nicht leicht einschüchtern. Eine solche Person sei nur im Laufe der Zeit zum Reden zu bewegen – mit Geduld, auf der Basis gegenseitiger Abhängigkeit und gegenseitigen Vertrauens sowie mittels des Weckens von Emotionen. So zeigte Piro Saddam etwa das Video, wie jubelnde Iraker 2003 nach dem US-Einmarsch in Bagdad eine Statue des Diktators schleiften. Das habe Saddam geärgert: «Wenn er sehr böse wurde, lief er im Gesicht ganz rot an. Und die Stimme veränderte sich.»
Saddam Hussein, sagt George Piro, habe sich nicht vor dem Tod gefürchtet. Der damals 67-Jährige habe ihm erzählt, er habe länger gelebt als ein Araber im Schnitt, er habe ein wundervolles Leben geführt, und er sei Präsident eines Landes gewesen, das als Wiege der Zivilisation gelte. Und er habe die Nation, die Region und die Welt nachhaltig beeinflusst. Saddam, so Piro, habe nicht im Geringsten Bedauern gezeigt für all das Leid, das er während seiner Herrschaft den Irakern angetan hatte. So befahl der Diktator 1988 im Rahmen eines brutalen Feldzuges persönlich die Gasangriffe auf die Kurden im Nordirak. Als ihm Bilder von Opfern des Giftgases gezeigt wurden, bemerkte Saddam Hussein laut Piro nur knapp: «Das war notwendig.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.07.2009, 22:38 Uhr
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2 Kommentare
Saddam hat Giftgas nicht nur gegen die Kurden sondern vor allem auch gegen die Iraner eingesetzt. 1980 bis 1988. Wer ihm zu den C-Waffen verholfen hat, werden wir nie wissen. Aber die US haben 1988 Saddam ihre treue bewiesen indem sie von ihren Flugzeugträgern aus iranische Zivilflugzeuge abschossen und den Iran so zur Kapitulation nötigten. Wer will da schon wissen ob Saddam sanft verhört wurde? Antworten
Es ist klar welche Aussagen vom Diktator herausgestrichen wurde. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass währen Irak-Iran-Krieg die USA sowie mehrere europäische Ländern Waffen für Saddam beschafft haben, damit der Shah nach der Revolution wieder zurück kann und wieder den Amerikaner dient. Auch heute hat sich die Politik der USA nicht verändert, IRAK und AFGHANISTAN sind lebhafte Beispiele!!!! Antworten
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