Wie Obama seinen wichtigsten Tag erlebte
Dokumente von bin Laden online veröffentlicht
In den letzten Wochen und Monaten seines Lebens hatte Al-Qaida-Chef Osama bin Laden alle Mühe, die Kontrolle über sein weit verzweigtes Terrornetzwerk zu behalten. Wie aus am Donnerstag vom Anti-Terror-Zentrum an der US-Militärakademie West Point online veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, wurde der Al-Kaida-Gründer aber weiter verehrt. Die in bin Ladens Unterschlupf in Pakistan sichergestellten Schriftstücke geben aber auch den Blick auf die Probleme des Terror-Chefs frei. Nicht immer folgten seine Kommandeure demnach seinen Anweisungen, weil sie bin Laden für weltfremd hielten.
Der Anti-Terror-Chef des Weissen Hauses, John Brennan, sagte, bin Ladens eigene Worte zeigten, dass Amerika nach seinem Tod sicherer sei. Der Terror-Chef hatte demnach Angst, die führenden Figuren der Al-Kaida würden so schnell getötet, dass das Überleben der gesamten Organisation bedroht sei. (dapd)
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Mit solch ernstem Gesicht hatte man Barack Obama zuvor wohl noch nie gesehen. Der US-Präsident sitzt leicht vorgebeugt auf einem Lederstuhl an einem langen Konferenztisch, den Blick konzentriert auf ein Objekt auf der gegenüberliegenden Seite gerichtet. Umgeben ist er von einem Dutzend Angehörigen seines Stabs. Hillary Clinton sitzt auf der anderen Seite des Tischs und hält sich, ähnlich einer Geste der Erschütterung, die rechte Hand vor den Mund.
Dieses Foto ging am 2. Mai 2011 um die Welt. Es zeigt wie Barack Obama und sein Stab im sogenannten Situation Room des Weissen Hauses über Satellitenverbindung den Zugriff eines Navy-Seals-Teams auf einen Gebäudekomplex im pakistanischen Abbottabad verfolgen. Ein Manöver, das mit der Tötung Osama Bin Ladens endete. Just ein Jahr danach gibt Barack Obama in einem Interview einen Einblick in die Geschehnisse jenes Tages. Mit dem Reporter Brian Williams, Moderator der NBC-Sendung «Rock Center», betrat er noch einmal den Situation Room und liess den 1. Mai 2011 Revue passieren.
«Zweifelsohne schläft man nicht viel»
«Das waren die längsten 40 Minuten meines Lebens und der mit Abstand wichtigste Tag meiner Präsidentschaft», sagt Obama im Interview mit Brian Williams. Dabei stehen die beiden im Situation Room hinter jenem Stuhl, auf dem der US-Präsident damals sass. Die Entscheidung, den Zugriff auf das Haus in Abbottabad zu autorisieren, sei zu keinem Zeitpunkt ein leichter gewesen, berichtet Obama weiter. «Ich hatte hundert Prozent Vertrauen in die Navy Seals.» Admiral William H. McRaven, Befehlshaber des US Special Operations Command, habe mit ihm und seinem Stab zuvor während Monaten sämtliche möglichen Szenarien des Manövers durchgespielt. Dennoch habe er lange darüber nachgedacht.
Nach einer ersten Besprechung am 30. April 2011 nahm sich Obama demnach Zeit, um den effektiven Entscheid über den Zugriff zu fällen. Nach dem Nachtessen mit seiner Familie habe er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Auf Williams' Frage, wie man eine Nacht verbringt mit dem Wissen, eine solche Entscheidung treffen zu müssen, antwortet der Präsident: «Zweifelsohne schläft man nicht viel.» Doch am Morgen sei er sich sicher gewesen, dass er jeden Aspekt der Operation genau durchgedacht habe. «Zu diesem Zeitpunkt stellt sich eine Ruhe ein. Man weiss, dass man den bestmöglichen Entscheid fällen wird.»
Innerhalb seines Stabes sei der Angriff auf Bin Ladens Haus nie umstritten gewesen. «Alle waren sich der Pros und Kontras dieser Aktion bewusst. Wir alle wussten, dass ein Scheitern des Zugriffs ernsthafte geopolitische Konsequenzen gehabt hätte.» Überdies sei man sich auch im Klaren darüber gewesen, dass eine Gefahr für die beteiligten US-Soldaten bestand.
Vorwurf der Politisierung
Obwohl die Tötung Bin Ladens durch die Navy Seals damals in der Bevölkerung der USA und auch bei beiden Parteien auf grossen Anklang gestossen war, geriet Barack Obamas Kommandoaktion in den vergangenen Wochen stark in die Kritik. Das Wahlkampfteam des US-Präsidenten veröffentlichte ein Video, in welchem Bill Clinton Obama für seine Zustimmung zur Mission in Pakistan lobt und gleichzeitig Zweifel anbringt, ob Mitt Romney in dieser Situation auch so souverän gehandelt hätte. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, stiess dies besonders auf republikanischer Seite sauer auf. Senator John McCain warf Barack Obama vor, die Grenzen des guten Geschmacks überschritten zu haben. Und Herausforderer Mitt Romney meinte, eine Politisierung dieses historischen Momentes sei unangebracht.
Barack Obama selber betont gegenüber NBC-Journalist Brian Williams, dass er die Aktion stets nüchtern mitverfolgte. Er habe die Tötung Bin Ladens auch nicht mit einem High Five, einem Handschlag, gefeiert.
Erstes Interview im Situation Room
Beim Gespräch zwischen Barack Obama und Brian Williams handelt es sich um das erste Interview, welches im Situation Room des Weissen Hauses durchgeführt wurde. Angesprochen darauf, was genau in dem Moment der berühmten Aufnahme auf dem Bildschirm zu sehen war, muss Barack Obama etwas überlegen. Er vermute, dass das Foto geschossen wurde, als der Hubschrauber des Seal-Teams Probleme hatte.
Auch Hillary Clinton kommt im Zusammenhang mit dem Bild zu Wort. «Es war eine aussergewöhnliche Situation, aber auch ein Privileg», sagt sie Brian Williams. Und kommentiert ihren Gesichtsausdruck und die Hand vor dem Mund scherzhaft: «So schaue ich normalerweise drein, wenn mich mein Mann in einen Actionfilm schleppt.» (kpn)
Erstellt: 03.05.2012, 15:19 Uhr
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