Ausland
Polizei ruft in Haiti zur Lynchjustiz auf
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Hoffnunfslos überfordert: Ein Sicherheitsmann bewacht einen Supermarkt in Port-au-Prince.
Bild: KEYSTONE/AP
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Uno entsenden Tausende Blauhelme
Die Vereinten Nationen schicken nach der Erdbebenkatastrophe 3.500 zusätzliche Soldaten und Polizisten nach Haiti. Der Weltsicherheitsrat verabschiedete am Dienstag einstimmig eine Resolution zur Aufstockung der Blauhelmtruppen, um die Überlebenden des Bebens vor Gewalt und Anarchie zu schützen. 2.000 weitere Soldaten und 1.500 Polizisten sollen demzufolge nach Haiti entsandt werden. Der Leiter der UN-Friedensmissionen, Alain Le Roy, erklärte, sie sollten unter anderem Hilfskonvois eskortieren und die Routen für Lebensmittellieferungen sichern. Ausserdem sei eine «Reservetruppe» nötig, falls sich die Lage in Haiti weiter verschlechtere.
«Wenn Ihr die Verbrecher nicht umbringt, kommen sie alle wieder zurück!», ruft der Polizist über Lautsprecher den Einwohnern des Slumviertels zu und beschwört sie geradezu, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.
Das Erdbeben in Haiti hat auch das berüchtigtste Gefängnis des Landes beschädigt; einflussreiche Bandenbosse konnten entkommen und sich ein Machtvakuum zunutze machen, weil Polizei und Friedenstruppen durch Katastrophenhilfe gebunden sind.
In dem weitläufigen Elendsviertel Cité Soleil nisten sich die Gangster wieder in ihren alten Revieren ein und führen die Machtkämpfe weiter, die nicht einmal hinter den Gefängnismauern aufgehört hatten. «Jetzt fängt der Ärger an», sorgt sich Jean-Semaine Delice, ein Familienvater aus Cité Soleil. «Die Leute verlassen schon ihre Häuser und gehen woanders hin.» Zum Aufruf der Polizei, mit Bürgerwehren selbst gegen die Verbrecher vorzugehen, sagt er: «Ich glaube, wir sollten auf diese Ansage hören.»
In jedem Katastrophengebiet kann es zu Gewaltausbrüchen kommen, wenn die Not zu gross ist und die Hilfe nicht schnell genug. Doch in Haiti ist die Gefahr um ein Vielfaches grösser. Selbst ernannte Rebellen und Freiheitskämpfer ebenso wie schlichte Schläger stellen mit ein paar Waffen, ein bisschen Schmiergeld und aufgeputschtem Volkszorn immer wieder eine Gefahr für die heikle Stabilität dar.
Revierkrieg in Trümmern
«Selbst während wir Tote aus den Trümmern gegraben haben, haben sie versucht, unsere Beamten anzugreifen», sagt Polizeiinspektor Aristide Rosemond. In den Tagen nach dem Beben wurden bei einem kleinen Revierkrieg von Gangstern mit den Spitznamen «Belony» und «Bled» in dem Slum drei Menschen getötet und mehrere Frauen vergewaltigt, wie Anwohner berichten. Auf Hilfe der Sicherheitskräfte brauchten sie gar nicht zu hoffen, bekamen sie zu hören.
Die für Cité Soleil zuständige brasilianische Blauhelm-Einheit verlor bei dem Beben 18 ihrer 145 Soldaten. Zehn kamen beim Einsturz des «Blauen Hauses» um, des UN-Postens nahe dem Eingang des Slums. Plünderer, die schnell schalteten, konnten sich in den Trümmern bei Waffen und Material bedienen. Es starben auch der Chef der UN-Friedensmission, sein Stellvertreter und der amtierende Polizeichef. Die Polizei verlor ungezählte Beamte und Ausrüstung. Übrig blieb eine Gruppe von Polizeioffizieren, die zum grossen Teil erst kürzlich ausgebildet wurden.
Reisraub mit Pistole
Brasilianische Blauhelmsoldaten patrouillierten am Montag von einer Lebensmittel-Ausgabestelle zur nächsten, ohne dass sich die Banden blicken liessen. Tags zuvor noch hatte ein Mann mit vorgehaltener Pistole am helllichten Tag einem Motorradfahrer einen Sack Reis geraubt; Anwohner erzählten einander, wie schwer bewaffnete Gangster aus ihren Verstecken kamen.
«Das Problem ist, sie haben Waffen», sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive der Nachrichtenagentur AP. «Also können wir nicht die Bevölkerung oder irgendeinen Polizisten losschicken, um sie zu fassen.» Er habe bereits mit UN-Blauhelmen, Polizei und US-Militär darüber beraten, wie man mit den ausgebrochenen Häftlingen fertig werden könne. Einige wurden schon gefasst. Doch sie einzufangen, hat keinen Vorrang. «Wir machen uns nicht wegen einem oder zwei Kerlen Sorgen», erklärte der Sprecher des brasilianischen Bataillons, Alan Sampaio Santos. «Die können wir später noch kriegen.»
Bis dahin dürfte die Sicherheit in den Vierteln Sache der Einwohner sein. Überall in der Hauptstadt stellen sie Nachtwachen auf und rüsten sich mit Macheten, um sich der Banden zu erwehren. (Bernerzeitung.ch/Newsnetz)
Erstellt: 19.01.2010, 20:03 Uhr
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