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Osama sagte, was die Mehrheit denkt

Von Tomas Avenarius. Aktualisiert am 04.05.2011 12 Kommentare

Das Erbe des Al-Qaida-Führers in der arabischen Welt lässt sich nur durch gesellschaftlichen Aufbruch ausräumen.

Junge Leute in einem Café in Kairo: Der arabische Frühling hat ihnen eine Stimme gegeben.

Junge Leute in einem Café in Kairo: Der arabische Frühling hat ihnen eine Stimme gegeben.
Bild: Reuters

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Offiziell war es eine Seebestattung, aber es glich der Verklappung politischen Sondermülls: US-Soldaten warfen die Leiche des Al-Qaida-Führers ins Meer. Das ist hässlich, aber nachvollziehbar; das Grab des Terrorfürsten hätte zur Pilgerstätte seiner Anhänger werden können. Nur: Hinterlässt Osama Bin Laden der arabisch-islamischen Welt denn etwas, woran sie festhalten möchte? Die meisten Muslime lehnen den Al-Qaida-Feldzug von Selbstmordattentätern ab, verabscheuen Anschläge auf Zivilisten. Am permanenten Krieg der Gläubigen gegen den Rest der Welt ist kaum einer interessiert – in Ägypten nicht und nicht in Saudiarabien oder Afghanistan. Dem Terroremir folgten als Offiziere Frustrierte wie die saudischen Todespiloten des 11. September 2001, die in Hamburg nicht zurechtgekommen waren. Als Fussvolk dienten ihm zornige junge Männer, die in den übervölkerten Städten der muslimischen Welt ohne Zukunftschance lebten.

Finger auf wunde Punkte gelegt

Die Mitglieder der Terrortruppe allein machen das Phänomen al-Qaida aber nicht aus. Warum taten sich so viele Muslime schwer mit der Verurteilung des 11. September? Sie bemühten die US-Nahostpolitik als Rechtfertigung, verwiesen auf Israels Umgang mit den Palästinensern, sprachen von gerechter Strafe für «den Westen». Teile der Bin-Laden-Botschaft waren arabischer Mainstream. In seinen Internetbotschaften sagte der Saudi, was die Mehrheit denkt.

Der Al-Qaida-Führer nannte das saudische Königshaus mit seinen Tausenden Ferrari-fahrenden Prinzen «dekadent und korrumpiert». Er hatte recht. Er sah im Irak-Krieg keine Befreiung von einer Diktatur, sondern einen amerikanischen Überfall auf einen souveränen Staat. Auch das trifft, zumindest in Teilen, zu. Der Islam-Autodidakt höhnte über die Religionsgelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität, weil sie im Sold des Mubarak-Regimes predigten. Vor allem aber warf er Washington vor, Nahost-Politik zugunsten Israels – auf Kosten der Palästinenser – zu betreiben. Auch das trifft zu, bis heute. Der Terrorfürst erklärte: «Wenn Palästinenserkinder mit Steinen nach israelischen Besatzungssoldaten werfen, nennen die USA sie Terroristen. Aber als Israel ein UNO-Gebäude im Libanon bombardierte, in dem Frauen und Kinder waren, verhinderten die USA die Verurteilung Israels.»Bin Ladens Kritik an den politischen Zuständen im Nahen und Mittleren Osten war nie originell, sondern stets konventionell. Sie traf, im Gegensatz zu seinen Methoden, bei vielen auf heimliche Zustimmung. Selbst mit seiner fast manischen Fixierung auf die USA stand er nicht allein. Die meisten in der arabisch-islamischen Welt haben ein neurotisches Verhältnis zur Coca-Cola-Supermacht. Sie sind hin und her gerissen zwischen der Bewunderung amerikanischen Fortschritts und dem Hass auf die überwältigende Militär- und Finanzmacht, mit denen Washington Interessenpolitik betreibt. Also telefonieren sie mit dem iPhone und stecken auf Demonstrationen die US-Flagge in Brand. Sie befürworten freie Wahlen, halten aber fest an Religion und Tradition. Sie wollen keinen Gottesstaat, aber eine halbwegs islamische Form der Demokratie.

Der arabische Frühling

All das geht schwer zusammen, erscheint aus westlich-christlicher Sicht als Form der Bewusstseinsspaltung. In den Augen eines Muslims aber passen Fortschritt und Koran durchaus zusammen. Die Scharia als Gesetzesquelle ist für ihn kein Rückfall ins 7. Jahrhundert. Sie ist göttliches Gebot, das zu allen Zeiten Gültigkeit besitzt. Es lässt sich darüber reden, wie man es anwendet – die von Bin Laden propagierte Form gefällt wenigen. Aber die Scharia als solche, die viel mehr ist als nur altertümliches Strafrecht, ist für die meisten Muslime als Abstraktum sakrosankt.

Wer jubelt, mit Bin Ladens Tod stehe der Sieg über den militanten Islamismus bevor, dürfte irren. Al-Qaida mag am Absterben sein. Aber neue Formen des Jihadismus können entstehen, wenn die Umstände danach sind. Religionen ändern sich nicht im Kern, sie passen sich nur an. Im Islam mit seiner von Gott verkündeten Heiligen Schrift ist das schwieriger als beim Christentum, das Gewalt klarer hinterfragt. Im Koran blätternde Fundamentalisten haben relativ leichtes Spiel mit halbgebildeten Interpretationen göttlichen Rechts.Schutz vor Bin Ladens Erben bieten nur gerechte, modernere Gesellschaftsverhältnisse in den islamischen Staaten. Mit dem arabischen Frühling haben die Menschen einen Weg gefunden, ohne Hilfe des Westens. Ihre Kritik an Mubarak, Ghadhafi und Konsorten ist im Kern aber dieselbe wie diejenige Bin Ladens. Sie zielt auf Ungerechtigkeit, Korruption und Besatzung – ob in Ägypten, Syrien oder Palästina. Mittel und Methoden sind andere: Friedliche Demonstrationen sind erfolgreicher als Attentate, finden internationale Unterstützung statt Verdammung. Der Sieg über al-Qaida – wenn er kommt – wäre nicht primär ein Erfolg amerikanischer Hightech-Krieger. Er wäre vor allem das Verdienst der Muslime in Ägypten, Tunesien und Libyen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2011, 22:48 Uhr

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12 Kommentare

Mark Wassmer

04.05.2011, 04:30 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Das ist ein sehr guter Artikel und beschreibt recht ausfuehrlich wie ich die Menschen im mittleren Osten kennengelernt habe. Antworten


Markus Burri

04.05.2011, 10:56 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Der Jihad ist vom Koran befohlen, Ziel ist die vollständige Unterwerfung (Islam) der Welt unter Allah. Eine Überwindung der Jihadismus ist nur möglich durch die Überwindung des Islams. Antworten




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