Nicht ganz gar
Von Martin Kilian. Aktualisiert am 07.12.2011 16 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Das altbackene Rezept der Republikaner
- Republikaner buhen homosexuellen US-Soldaten aus
- Verschärfter Ton bei Republikaner-Duell
- Endlich einer, der auch mal zuschlägt
- Wen die UBS- und CS-Kader unterstützen
- Letzter Romney-Konkurrent stellt Wahlkampf ein
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Es geht los. Sich anzuschnallen, ist geboten. Nur knapp ein Monat bleibt, bis im Mais- und Schweineparadies Iowa der republikanische Vorwahlkampf beginnt und damit eine politische Veranstaltung von ausserordentlicher Tragweite. Quer durch die amerikanischen Bundesstaaten zieht danach die Karawane der republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die Barack Obama im kommenden November aus dem Weissen Haus vertreiben möchten.
Selten war der Vorgang verrückter, denn niemals wankte die Partei des grossen Abraham Lincoln – er würde sie nicht wählen! – so nahe am Rande des kollektiven Nervenzusammenbruchs. Ihre Basis, ein Sturmgeschütz des modernen Konservatismus, leidet an Paranoia, ja an Wahnvorstellungen, die dem Bestreben entspringen, mit bunten intellektuellen Bauklötzen ein Paralleluniversum zu entwerfen, worin nichts so scheint, wie es in Wirklichkeit ist.
Abstruse Gedankenwelt
Das republikanische Establishment, sei es in Washington oder in den Hauptstädten der Staaten, ist zusehends besorgt über diesen Gang der Dinge; womöglich wird man die Wahl im November 2012 verlieren, weil die Kandidaten nichts taugen und die Basis den grössten Taugenichts auf den Schild hebt. Das wäre Newton Gingrich, einst umstrittener und dann unter Druck zurückgetretener Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses, ein Hansdampf in allen mentalen Gassen, ein Chaot der Extraklasse und ein Grossmaul, das sich mit Churchill und de Gaulle vergleicht und dessen Bombast sogar im Byzanz der Augusta Theodora Aufsehen erregt hätte. «Es sind Leute wie ich, die zwischen uns und Auschwitz stehen», bestimmte Gingrich einst seinen historischen Standort.
Die Bonzen der Partei in Washington aber können Newt Gingrich ebenso wenig loswerden wie jene Segmente des Parteivolks, denen der Boden unter den Füssen entglitten ist. Obwohl Jesus nirgendwo in der westlichen Welt lebendiger ist, glauben viele Republikaner, Christen würden verfolgt in Amerika. Eine andere Abteilung der Partei schwelgt in der Vorstellung, der demokratische Präsident – ein ausgewiesener Freund der Wallstreet! – sei ein «Sozialist»; bald nahe die Vergesellschaftung des Kapitals und aller Fabriken, die noch nicht ins Ausland transferiert worden sind.
Andere wiederum, vorneweg die Tea Party, maulen über einen Staat, dem sie, da zumeist Senioren, ihre Renten und ihre kostenlose medizinische Versorgung verdanken. Die Partei befindet sich ihretwegen in einem schrecklichen Dilemma: Sie will den Staat ersäufen, ihre wichtigste Klientel aber ertränke mit ihm.Die rebellische Basis ist überwiegend älter, zudem weiss und in Kleinstädten und auf dem platten Land angesiedelt. Sie steht für die amerikanische Vergangenheit und kontrastiert mit einer Zukunft, die zunehmend von Minderheiten bestimmt werden wird. Es sind die Latinos und die Schwarzen, die für die Rentner der Tea Party aufzukommen haben, was irgendwann problematisch werden könnte. Davon aber ist in diesem Wahlkampf keine Rede. Eher schon ist die Rede davon, dass die Reichen nicht reich genug sind, weshalb die Armen mehr für die Sanierung der maroden Staatshaushalte tun müssen. Gingrich schlug einmal allen Ernstes vor, alleinerziehenden Müttern die Kinder wegzunehmen und sie in Waisenhäuser zu stecken.
Unfreiwillige Witzbolde
Die Basis lebt in einem Paralleluniversum, wo wahr ist, dass Obama von seinem kenianischen Antikolonialismus geleitet wird und die Demokratische Partei die Sturmspitze der radikalen Black Panther ist. «Ich will mein Land zurück», empörte sich eine weisse ältere Frau auf einer Protestveranstaltung gegen Obamas Gesundheitsreform im Staat Delaware – und nun möchten die republikanischen Präsidentschaftskandidaten ihr und ihresgleichen diesen Gefallen tun. Zuvor aber gilt es bei Parteiversammlungen und Vorwahlen auszusieben, damit der Berufene die aufgeregte Befindlichkeit der Basis gebührend vertreten kann.
Besieht sich das Establishment die Kandidatenriege, wird es von gravierenden Zweifeln befallen. Am liebsten wäre ihm der farblose Mitt Romney, ein Apparatschik des freien Unternehmertums, der sich als Manager und sonst nichts verkauft. Als Präsident wäre er wahrscheinlich pragmatisch genug, um die USA vor den schlimmsten Auswüchsen der republikanischen Basis zu bewahren, doch fehlte ihm dazu vielleicht der nötige Mut.
Die Bonzen in Washington könnten mit dem ehemaligen Gouverneur des liberalen Staats Massachusetts leben; immerhin sticht Romney aus der Riege der republikanischen Kandidaten heraus, weil er den Mund öffnen kann, ohne dummes Zeug abzusondern. Wie etwa seine Konkurrentin Michele Bachmann, deren Idiotien so profund sind, dass sich die Basis nach anfänglichem Flirt eilends von der Kongressabgeordneten aus Minnesota distanziert hat.
Der «langweiligste Superstar der Welt»
Der texanische Gouverneur Rick Perry entpuppte sich gleichfalls als ein unfreiwilliger Witzbold, in dessen Oberstübchen Ödnis herrscht. Ein weiterer Kandidat, der Abgeordnete Ron Paul, ist ein Oldtimer, dessen Feindseligkeit gegenüber der Notenbank das Kapital verschreckt und dessen Distanz zu Israel die republikanische Christenschar entsetzt. Nachdem der Pizzamogul Herman Cain über seine Triebe gestolpert ist und andere Kandidaten chancenlos sind, rangeln jetzt nur noch Mitt Romney und Newt Gingrich um die republikanische Krone.
Wer sich freilich nach einem Kandidaten sehnt, mit dem ein Bier zu trinken, Spass machte, wird bitter enttäuscht: Der Mormone Romney trinkt kein Bier, Gingrich bevorzugt teure Rotweine. Es ist ein Kreuz mit Romney: Hölzern und ungeschickt stakst er durch den Wahlkampf, von seinem Stab als «Geschäftsmann» und damit, befand hämisch die «New York Times», als «langweiligster Superstar der Welt» aufgebaut.
Bisweilen liegt der linkische Mann bei Umfragen vorne, nie aber kletterte er über die insgesamt eher traurige Obergrenze von rund 25 Prozent. Er begeistert nicht, er inspiriert nicht – und er hat seine politischen Positionen so oft gewechselt, dass der harte Kern der Partei lieber keinen Präsidenten möchte als einen namens Mitt Romney. Unweigerlich weckt Romney bei der republikanischen Betonfraktion üble Erinnerungen an den älteren Bush, dessen Konservatismus gleichfalls aufgesetzt wirkte. Da hilft auch nicht, wenn Romney dann und wann ins Paralleluniversum abtaucht und verspricht, Obamas «massive Einsparungen beim Verteidigungshaushalt» rückgängig zu machen. Obama hat nichts dergleichen getan.
Ein ungewöhnliches Interview
Anderseits bewies Romney kürzlich, dass sein kaltes Blut durchaus in Wallung geraten kann: Bei einem Interview mit dem TV-Sender Fox News zum hundertsten Mal nach seinen vielen Umfallern befragt, stieg dem Kandidaten sichtlich der Ärger ins Gesicht. «Ha, ha, ha», lachte er gereizt und bezeichnete das Interview als «ungewöhnlich» – was zutrifft, denn für gewöhnlich schirmt ihn sein Stab hermetisch ab, auf dass nicht sichtbar wird, wie ungern Romney die Wähler herzt und küsst.
Der zweite im Duo herzt und küsst nicht besser, verbreitet aber die Aura eines Denkers mit dem Tiefgang eines Supertankers. Newt Gingrich versprüht Bombast und Übertreibungen wie andere Leute Duftnoten; stets kommt er im Gewand des Philosophen daher, trägt auf dem Kopf jedoch den Narrenhut. «Ich werde der Kandidat sein», sagt er und bezeichnet sich als «erfahrensten Aussenseiter der modernen Geschichte». Wie de Gaulle habe er eine Weile in der politischen Wildnis gelebt, prahlt er. Newt Gingrich sei einer jener Anführer, die zweierlei Massstäbe anlegten, sagt sein früherer republikanischer Kollege Tom Coburn: einen für die Geführten und einen für sich selber.
«Ein Schuss Jackie Kennedy»
Wie wahr: Während er «Familienwerte» verkaufte, leistete er sich aussereheliche Affären in Washington. Als «Vordenker» – nicht aber als Lobbyist! – war er Hinz und Kunz zu Diensten und verdiente mit seiner «Denkfabrik» und allerlei einträglichem Trallala seit 2001 für 50 Millionen Dollar. Gingrich sei ein «klassischer Mietpolitiker», höhnte der konservative Kolumnist George Will.
Ausserdem ist Gingrich Futurist («2020 werden Flitterwochen im Weltall in Mode sein»), Historiker, Aficionado des Schönen und Teuren, Ex-Hippie («In den 70er-Jahren habe ich vom Land gelebt») sowie glühender Verehrer seiner dritten Gattin, Callista. Ihr hat dieser Meister schamloser Selbstverwertung bereits die Rolle ihres Lebens zugewiesen, sei sie doch «eine Mischung von Nancy Reagan und Laura Bush mit seinem Schuss Jackie Kennedy».
Erreichen solche Aufschneidereien das republikanische Hauptquartier in Washington, rufen die Granden zum Gebet und flehen, Gingrich möge detonieren, ehe er zum Kandidaten gesalbt worden sei. Die Basis weiss unterdessen nicht so recht, was sie mit dem Futuristen anfangen soll. Wenn er wieder einmal provoziert und beispielsweise philosophiert, die Kinder der Armen sollten in amerikanischen Schulen als Hausmeister beschäftigt werden, leuchten ihre Augen: So könne man sich der vergewerkschafteten und daher teuren Hausmeister entledigen, indes die Kids zu harter Arbeit angehalten und von kriminellen Umtrieben ferngehalten würden.Vielleicht lohnte es sich, Gingrich zu folgen, auch wenn es in der Wüste endete. Es wäre ein crazy Trip mit hohem Unterhaltungswert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.12.2011, 19:16 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
16 Kommentare
Ausland
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Bitte warten



