Nachdenklich, einsilbig und vor allem sehr schön

Von Martin Kilian. Aktualisiert am 09.09.2010 1 Kommentar

Jawohl, das sind wir: In George Clooneys Film «Der Amerikaner» erkennen sich die Amerikaner problemlos wieder.

Nicht «hässlich», wie Eugene Burdick und William Lederer 1958 in ihrem gleichnamigen Buch behaupteten: Der Amerikaner.

Nicht «hässlich», wie Eugene Burdick und William Lederer 1958 in ihrem gleichnamigen Buch behaupteten: Der Amerikaner.
Bild: Keystone

Sofern man sich nicht im spitzfindigen Labyrinth der Philosophie verliert, braucht es im Allgemeinen keinen besonderen Geistesaufwand, um einen Gegenstand zu bestimmen. Einen Tisch etwa oder eine Gabel. Tisch ist Tisch, und Gabel ist Gabel. Weitaus schwieriger gestaltet sich allerdings die Definition von Menschen. Was bitte schön ist ein Schweizer? Hmm …

Nicht still, sondern eher laut

Ganz und gar vertrackt wird die Sache, wenn sich die Frage erhebt, wer und was ein Amerikaner sei – woran die Amerikaner selbst schuld sind, liefern sie uns doch seit geraumer Zeit stets neue Definitionen, weshalb sich hier der Verdacht aufdrängt, es handle sich um einen perfiden Akt der Täuschung, ja um eine vorsätzliche Vernebelung.

Der Amerikaner, schrieb der französische Einwanderer Jean de Crèvecœur 1782 voller Stolz, sei jemand, der nicht für einen Herrn schufte oder verblute. Ein Müssiggänger also, der sich nichts vorschreiben lässt?

Oder ist der Amerikaner «hässlich», wie Eugene Burdick und William Lederer 1958 in ihrem gleichnamigen Buch behaupteten? Graham Greene befand, der Amerikaner sei «still», wenngleich jeder Besuch des Landes, in dem die Amerikaner wohnen, sofort den Nachweis erbringt, dass die Amerikaner keineswegs still, sondern eher laut sind. Und was ist mit jenen Amerikanern, die von schwarzer Hautfarbe sind und von denen Malcolm X 1965 sagte, sie seien überhaupt keine Amerikaner, sondern «Opfer des Amerikanismus»?

Ein probater Leitfaden

Man sieht, dass der Versuch, den Amerikaner an und für sich zu bestimmen, in ein heilloses Durcheinander und in Ratlosigkeit mündet. Nun naht Abhilfe in Form eines apodiktischen Films, der uns zeigt, was ein Amerikaner ist. Immerhin heisst der Film «The American» und ist mithin ein probater Leitfaden, um ein für alle Mal zu definieren, wer oder was ein Amerikaner ist.

Der Amerikaner im Film heisst George Clooney, wird aus dramaturgischen Gründen aber als «Jack» vorgestellt. Von diesem Amerikaner wissen wir, dass ihm bereits mehrmals die Ehre zuteil wurde, der «sexiest man» auf der ganzen Erde zu sein. Der Amerikaner, wie dieser Film ihn meisterlich zeichnet, ist indes nicht nur schön, sondern auch nachdenklich. Er brütet gern, obschon der Amerikaner ein gedungener Killer ist, der in Schweden nur knapp den blauen Bohnen seiner Feinde entging und in die italienischen Abruzzen flüchtete, wo er sich mit einem Priester und einer Hure anfreundet.

Es kann also konstatiert werden, dass der Amerikaner sehr gut aussieht, schon mal auf andere anlegt und Kontakt zu allen Bevölkerungsschichten pflegt. Ausserdem ist er dem Film zufolge handwerklich hochbegabt, ja er ist imstande, für eine mysteriöse Kundin ein geheimnisvolles Gewehr zu bauen, was der ItaloPfarrer zwar nicht weiss, aber vielleicht ahnt. Denn der Gottesmann sagt zum Amerikaner: «Sie haben die Hände eines Handwerkers, nicht eines Künstlers.»

Nickten zufrieden

Wie bereits der Amerikaner von Greene ist auch dieser Amerikaner still, was neuerlich den Argwohn erregt, hier werde bewusst ein falsches Bild gezeichnet und der amerikanische Hang zu ausschweifender Rhetorik verschleiert.

Wie auch immer: Der schöne Amerikaner verdiente seit vorletzten Mittwoch über 16 Millionen Dollar, weil seine Landsleute wie verrückt in die Kinos liefen, um endlich zu erfahren, wer und was ein Amerikaner ist.

Nach zwei Stunden nickten sie zufrieden mit den Köpfen, da sie sich im Kino problemlos selber erkannt hatten. Jawohl, das sind wir, meinten sie: nachdenklich, einsilbig, etwas verloren, überaus schön. Danach stiegen sie in ihre Autos, stolz und froh, dass George Clooney der Amerikaner ist und nicht Oliver Hardy, Jack Palance oder Edward G. Robinson. Da haben wir Glück gehabt, raunten sie sich zu und fuhren erhobenen Hauptes nach Hause. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2010, 11:16 Uhr

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1 Kommentar

Rolf Noetzli

09.09.2010, 19:56 Uhr
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Ich habe mir diesen Film letztes Wochenende selbst angeschaut und dieser hat mit den USA rein gar nichts zu tun. Es trifft auch nicht zu, dass die Amerikaner 'wie verrückt' in die Kinos liefen, da Einnahmen von $ 16 Millionen an einem Wochenende für einen Film nicht aussergewöhnlich sind. Wäre interessant zu wissen, welche Amerikaner Sie gesehen haben die zufrieden mit den Köpfen nickten. Antworten



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