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Mini-Boom für George W. Bush
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 15.03.2010
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Als er der amerikanischen Hauptstadt im Januar 2009 den Rücken kehrte, war George W. Bush einer der unbeliebtesten Präsidenten der amerikanischen Geschichte, verachtet von vielen und respektiert von wenigen. Die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Zerfledderung amerikanischer Bürgerrechte sowie die Zerrüttung der öffentlichen Finanzen im Gefolge von Bushs Steuersenkungen vornehmlich für Reiche wurden ihm ebenso angekreidet wie das lädierte amerikanische Image.
Nun aber droht ein Comeback des Cowboys: Will man dem renommierten Publizisten und Literaturtheoretiker Stanley Fish glauben, ist Bush wieder auf dem Weg nach oben. Das jedenfalls behauptete Fish vergangene Woche in einer viel beachteten Kolumne in der «New York Times». Als Beweis führte er unter anderem ein grossflächiges Werbeplakat längs eines Highways im Staat Minnesota an, worauf ein lachender Bush zu sehen ist. «Vermisst Ihr mich schon?», lautet die Bildzeile. Die Urheber des Plakats, so Mary Teske von der zuständigen Werbeagentur, seien «kleine Geschäftsleute, die anonym bleiben wollen» und mit Präsident Barack Obama nicht zufrieden seien.
«Ein Sieg» im Irak
Das Plakat wurde im Handumdrehen zu einer millionenfach angeklickten Internet-Sensation, zumal Bushs Rehabilitierung auch andernorts vonstatten ging: In seiner ersten Märzausgabe widmete das Nachrichtenmagazin «Newsweek» dem irakischen Abenteuer des ehemaligen Präsidenten die Titelgeschichte und kam unter Verweis auf die kürzlichen Wahlen zum Schluss, nach «sieben höllischen Jahren» zeichne sich «endlich ein Sieg» im Irak ab. Damit nicht genug, verweisen die Getreuen des Texaners auf neue Umfragen, wonach Bushs Beliebtheitswerte, die gegen Ende seiner Präsidentschaft bei kümmerlichen 22 Prozent lagen, inzwischen auf 38 Prozent angestiegen sind – nichts, womit sich prahlen liesse, aber immerhin ein Gewinn.
Bush selbst hat zu seinem Mini-Boom beigetragen: Klug blieb er nach dem Ende seiner Jahre im Weissen Haus im Hintergrund und hielt sich mit Kritik an seinem Nachfolger zurück – im Gegensatz zum ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney, der Barack Obama eins ums andere Mal anging. Bush privatisierte unterdessen, arbeitete an seinen Memoiren und schaltete sich nur einmal, nämlich beim nordirischen Friedensprozess, in die Politik ein. Zudem half, dass er neben Bill Clinton zum öffentlichen Gesicht der amerikanischen Hilfe für das erdbebengeschädigte Haiti wurde.
Obama grenzt sich zuwenig ab
Ebenfalls von Vorteil war, dass sich Obama nur zögerlich oder überhaupt nicht von einigen der umstrittensten Entscheidungen Bushs distanzierte: Das Straflager in Guantánamo ist noch immer nicht geschlossen, Militärtribunale für Terrorverdächtige sind plötzlich wieder vorstellbar. Ausserdem dürfte Bush von Barack Obamas politischen Schwierigkeiten und dem Aufstand der konservativen Tea Party gegen Big Government und den angeblichen «Sozialismus» profitiert haben.
Bush wäre nicht der erste ehemalige Präsident, dessen Reputation sich im Lauf der Zeit verbesserte: Harry Truman war nach dem Ende seiner Präsidentschaft 1953 höchst unbeliebt, wird inzwischen aber als formidabler Präsident gehandelt. Jimmy Carter gilt noch immer als problematischer Präsident, geniesst jedoch drei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden aus dem Amt den Ruf einer moralischen Autorität.
Katrina und Krise unvergessen
George W. Bush freilich hat einen langen und holprigen Weg vor sich, denn kaum wird die amerikanische Öffentlichkeit so schnell vergessen, dass die Finanzkrise und die Grosse Rezession unter ihm begannen. Wirbelsturm Katrina ist gleichfalls unvergessen, der Fortschritt im Irak brüchig. Immerhin sorgt der «toxische Texaner» für respektable Umsätze im Internet: Kaffetassen und T-Shirts mit dem Slogan des Werbeplakats in Minnesota sind zu einem Renner geworden. Die Frage, ob George W. Bush vermisst wird, mag eine Mehrheit der Amerikaner nach wie vor mit einem lauten «Nein» beantworten, auch gewänne Obama Umfragen zufolge eine Fantasie-Wahl gegen seinen Vorgänger, doch darf sich der texanische Pensionär freuen, dass er nicht mehr den Gottseibeiuns der amerikanischen Politik gibt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2010, 04:00 Uhr
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