Entzauberter Hoffnungsträger
Von Dietmar Ostermann. Aktualisiert am 10.12.2009
Ein Plakat in Oslo weist den Weg ins Rathaus, wo US-Präsident Barack Obama heute der Friedensnobelpreis überreicht wird. (Bild: Keystone)
Von Obama enttäuscht: Friedensaktivist Larry Syverson. Das Bild in seiner Hand zeigt seinen Sohn Brendan vor einem Panzer. (Bild: Dietmar Ostermann)
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Neulich hat Larry Syverson doch wieder hingeschaut. Irgendwo flimmerte ein Fernseher, er kam nicht dran vorbei. Eigentlich verfolgt er keine Nachrichten. «Ich mag keine Überraschungen», sagt der Mann mit der gelben Schleife an der Brust, dem Zeichen, dass er Angehörige im Krieg hat. Acht Soldaten seien in Afghanistan gestorben, dröhnte es aus dem Lautsprecher. Syverson war mit Freunden auf dem Weg in die Kneipe. Er hat sie ziehen lassen, sich hingesetzt und mit feuchten Händen seine Frau angerufen. Kandahar, Afghanistan: Dort schiebt auch Brendan Dienst, sein Ältester.
Brief aus Afghanistan
«Hier», sagt Larry Syverson, «das ist Brendan.» Auf dem Foto stopft ein junger Mann mit schmalem Gesicht, Bürstenhaar und runder Brille vor einem Stryker-Radpanzer die Hände tief in die Hosentaschen. Seit Juli ist Sergeant First Class Brendan Syverson in Afghanistan. Seine Einheit patrouilliert in einem kleinen Dorf 30 Kilometer westlich von Kandahar, einer Hochburg der Taliban. Was er von dort erzählt, beunruhigt den Vater. In einem Brief berichtete der Sohn vom Tod zweier Kameraden, als ihr Radpanzer auf eine Sprengfalle fuhr. Kurz darauf zündete ein Selbstmordattentäter eine Bombe. Wieder kamen zwei Soldaten ums Leben. Brendan war keine hundert Meter weg. «Er ist hingelaufen und hat die Verwundeten versorgt», sagt der Vater, «aus dem Irak habe ich nie solche Briefe bekommen.»
Spott und Wut
Für einen Mann, der in der Friedensbewegung aktiv ist, ist Larry Syverson Amerikas aktuellen Kriegen ungewohnt nahegekommen. Drei seiner vier Söhne sind beim Militär. Insgesamt fünf Einsätze im Irak haben sie hinter sich. Bald wird wohl auch Bryce, der Jüngste, nach Afghanistan ausrücken. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht geht», sagt der Vater, «jetzt, wo Barack Obama 30000 zusätzliche Soldaten in die Schlacht schicken will.»
Wenn Larry Syverson über Obama spricht, schwankt der Ton zwischen bösem Spott und offener Wut. Dabei ist er Demokrat, wie der Präsident. «Ziemlich links», verortet sich der Geologe der Umweltbehörde in Richmond, zwei Autostunden südlich von Washington. Syverson ist bekennender Kriegsgegner und nennt sich einen «single issue voter», einen Wähler, für den nur ein Thema zählt: «Bringt sie nach Hause – jetzt!», steht auf seinem T-Shirt. Gemeint sind die Truppen im Irak und in Afghanistan. Genau deshalb ist Obama bei ihm unten durch, seit der Präsident die Truppen am Hindukusch aufstockt: «Wir haben jetzt mehr Soldaten in Afghanistan und im Irak als unter Bush», schimpft Syverson, «dass die Norweger ihm den Friedensnobelpreis geben, ist einfach lächerlich.»
Bittere Ironie
Für Amerikas Friedensbewegung ist Obamas heutige Ehrung in Oslo eine bittere Ironie. Vor einem Jahr hatte sie massgeblich zu seinem Wahlsieg beigetragen: Dass der junge Senator aus Illinois sich in den Vorwahlen der US-Demokraten hauchdünn gegen die Favoritin Hillary Clinton durchsetzen konnte, lag vor allem am linken Parteiflügel. Clinton hatte 2002 im Senat für die Irak-Ermächtigung gestimmt. Sie galt als Falke, Obama als Taube. Jetzt aber verschickt das Pentagon auf seinen Befehl hin Marschbefehle nach Afghanistan: «Viele in der Antikriegsbewegung sind sauer», schimpft Syverson, «wir hätten genauso gut Bush als Präsident behalten können – die Kriegspolitik wäre die gleiche.» Am Wochenende wollen Friedensgruppen vor dem Weissen Haus des frischgebackenen Nobelpreisträgers gegen dessen neue Afghanistan-Politik demonstrieren. Motto: «No, you can’t!»
Im März 2003, kurz bevor die US-Kolonnen nach Bagdad rollten, ging Larry Syverson zum ersten Mal gegen den Krieg auf die Strasse. Es war die erste Demo seines Lebens: «Ich bin kein Hippie, bei den Vietnam-Protesten war ich nie dabei.» Amerikas Kriege auf dem Balkan hatte er unterstützt. Schon 2001 beim Einmarsch nach Afghanistan aber plagten ihn Zweifel. Aus humanitären Gründen, sagt er, «und weil wir dort nichts verloren haben». Die Hintermänner des 9/11-Terrors waren Araber, keine Afghanen. Der Irak war für ihn dann die Zäsur: «Für mich ging es in diesem Krieg immer nur um Öl», sagt Syverson. «Irakisches Öl ist nicht das Blut meiner Söhne wert», stand auf seinem ersten Protestplakat. Brendan und Bryce haben ihm damals sogar erlaubt, ihre Fotos auf das Plakat zu kleben, auch wenn er bis heute nicht genau weiss, was die beiden selbst über die Kriege denken.
Posttraumatischer Stress
«Brendan ist ein guter Soldat», sagt der Vater. Bryce litt nach dem ersten Irak-Einsatz unter schwerem Kriegstrauma und Depressionen. Silvester 2004 drehte er durch. Im Militärlazarett galt er als suizidgefährdet. «Sie nahmen ihm die Waffe weg», sagt der Vater, «ein Jahr später schickten sie ihn zurück in den Irak. Bryce war ein Versuchskaninchen. Sie wollten wissen, ob Soldaten, die unter posttraumatischem Stress litten, noch in Kriegen eingesetzt werden können.»
Bei der Präsidentschaftswahl 2008 hat Larry Syverson für Obama gestimmt. Und sogar Obama-Flyer verteilt. Denn er hatte versprochen, den Krieg im Irak zu beenden. Gewiss, nach Afghanistan wollte Obama schon damals mehr Truppen schicken. Da aber war von zwei Divisionen die Rede. Jetzt stockt der Präsident die US-Streitmacht dort auf 100000 Mann auf. 33000 waren es bei seinem Amtsantritt.
Getrennte Wege
Im Mai riss Larry Syverson wütend den blauweissen Obama-Aufkleber von der Stossstange seines Autos. Brendan hatte den Marschbefehl nach Afghanistan bekommen. Die Organisation Military Families Speak Out (MFSO), in der sich rund 4000 Angehörige von Soldaten zusammengeschlossen haben und der auch Larry Syverson angehört, hatte schon im Februar die sofortige Heimkehr der Truppen auch aus Afghanistan gefordert. Bis dahin ging es immer nur um den Irak. Bei Afghanistan waren die Meinungen geteilt. Auch unter den MFSO-Mitgliedern hielt mancher Afghanistan für den «guten» Krieg. Nun war die Stimmung gekippt. Einen Monat später verkündete Obama die erste «Surge» für Afghanistan: Die Friedensbewegung und Obama gingen getrennte Wege. Mit dem Marschbefehl für 30000 weitere Soldaten wurden sie zu Gegnern. Dass Obama die Truppen im Irak bis nächsten Sommer massiv reduzieren will, dass er für Juli 2011 den Beginn eines Rückzugs aus Afghanistan in Aussicht stellt, ändert daran vorerst nichts. «Es ist ganz einfach», sagt Larry Syverson, «wenn die Kriege unter Bush falsch waren, sind sie auch unter Obama falsch.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.12.2009, 08:32 Uhr
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