Ein Märtyrer für Wikileaks
Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 03.01.2012 21 Kommentare
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(Video: www.bradleymanning.org)
Wikileaks und der Fall Manning
Wikileaks veröffentlichte im April 2010 ein schockierendes Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten in Bagdad durch einen US-Kampfhubschrauber zeigt. Später machte die Enthüllungsplattform mehr als 250'000 diplomatische Depeschen der USA und Zehntausende Geheimunterlagen zum Afghanistan-Einsatz publik. Dieses Leck, für das Manning angeklagt ist, hat der Internetseite, die bereits im Jahr 2006 gegründet wurde, endgültig zu weltweiter Bekanntheit verholfen.
Im Mai 2010 wurde Manning auf seinem Stützpunkt nahe Bagdad festgenommen. Zunächst sass er in einem Militärgefängnis in Kuwait, dann in einer Einzelzelle auf dem Stützpunkt Quantico im Bundesstaat Virginia. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten gegen die harschen Haftbedingungen verlegte die Armee Manning in das Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas. Hält das Militär nun an der Anklage fest, dürfte es noch Monate bis zur Hauptverhandlung dauern.
Wikileaks droht derweil das Aus. Der Strom der Spenden ist versiegt. Nachdem 2010 pro Monat durchschnittlich etwa 100'000 Euro eingenommen worden waren, ist es nur noch ein Bruchteil. Ein Grund dafür ist die Weigerung von vielen Kreditkartenfirmen und Zahlungsdienstleistern aus rechtlichen Gründen, Überweisungen zugunsten der Plattform für Whistleblower vorzunehmen. Die Zukunft ist ungewiss: «Wir sind gezwungen, unsere Veröffentlichungen einzustellen, während wir unser wirtschaftliches Überleben sichern», heisst es auf http://wikileaks.org. (raa/SDA)
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Der eine ist gross, breitschultrig, blond und liebt das Blitzlichtgewitter: Julian Assange, Jahrgang 1971, war das Gesicht der Enthüllungsplattform Wikileaks, die den Übermächtigen und Korrupten der Welt seit 2007 mit der Enthüllung geheimer Dokumente auf die Nerven ging. Assange wurde zum Medien-Multiplikator für die Sache der Whistleblower, der Robin Hood des digitalen Zeitalters – so lange, bis Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden erhoben wurden. Nun wehrt er sich gegen seine Auslieferung dorthin, unter Arrest mit einer elektronischen Fussfessel im Hause eines Freundes in Grossbritannien.
Der andere ist klein, schmächtig, mausgrau und würde sich über eine Fussfessel mächtig freuen: Bradley Manning, Jahrgang 1987, ist seit Mai 2010 hinter Gittern – bis März dieses Jahres unter entwürdigenden Bedingungen, wie sein Anwalt gegenüber Medien berichtete: Isolationshaft, erzwungene Nacktheit, nur eine Stunde täglich ausserhalb der Zelle. Anders als Assange, der mittlerweile das oberste britische Gericht bemüht, sind die Aussichten des Soldaten Manning auf eine Verurteilung wegen Geheimnisverrats und weiterer Delikte nach den ersten Anhörungen gestiegen. Zu den Vorwürfen schweigt er – die einzig mögliche Gegenwehr eines Hilflosen, der wirklich und wahrhaftig an das Gute glaubt.
Solidarität von Stars aus aller Welt
Auf die Spur kam das Militär ihm durch Verrat. In einem Chat, den das amerikanische Magazin «Wired» publizierte, offenbarte er sich dem Hacker Adrian Lamo – unter anderem mit den Worten, er habe dem «verrückten weisshaarigen Australier» Dokumente zugespielt. Er plauderte über seine schwierige Situation als Homosexueller in der US-Armee. «Ich bin im Eimer», vertraute er Lamo an, «ich bin in der Wüste, mit einem Haufen hypermännlicher schiesswütiger Hinterwäldler als Nachbarn.» Und schliesslich verriet er auch, welche Hoffnung ihn antrieb. «Gott weiss, was jetzt passiert. Hoffentlich internationale Debatten und Reformen.» Lamo war nicht dieser Ansicht, informierte die Sicherheitsbehörden und wurde von empörten Netzaktivisten bald als Judas beschimpft.
Manning dagegen erregt fast so viel Mitgefühl wie der Gekreuzigte selbst. «Free Bradley Manning», appelliert ein amerikanisches Unterstützer-Netzwerk auf der Website Bradleymanning.org – unterstützt von zahlreichen unbekannten Sympathisanten und von bekannten Zeitgenossen wie dem Filmemacher Michael Moore, der die amerikanische Elite ein ums andere Mal lächerlich machte. Die Musikerlegende Graham Nash schrieb für Manning den Song «Almost Gone» – ein Klagelied über das Knastleben des Mannes, dem mehr als 50 Jahre Haft drohen (siehe Video-Box).
Die Verantwortung der Armee betont
Während Indizien den Obergefreiten immer stärker belasten, setzen seine Anwälte bei der Auseinandersetzung über die Entscheidung, ob er vor ein Militärgericht gestellt wird, auf eine Opferstrategie: Mannings Homosexualität und Probleme mit seinem Dasein als Mann hätten ihn in der Armee isoliert, Anfeindungen ausgesetzt und in tiefe Verwirrung gestürzt. Seine Dauerfrustration äusserte sich offenbar auch in gewalttätigen Ausfällen. Das Militär hätte einen Menschen in einem so instabilen Zustand, so die Anwälte, gar nicht erst in einer Position mit Zugriff auf heikle Informationen belassen dürfen.
Der Erfolg dieser Strategie ist so fraglich wie die Aussichten für Julian Assange, je wieder mit einer weissen Weste dazustehen. Sein Nimbus als digitaler Robin Hood ist Geschichte, und während Manning auf öffentliche Unterstützung zählen kann, ist der Wikileaks-Promotor zunehmend isoliert. Sein langjähriger Weggefährte Daniel Domscheit-Berg verliess das Team, nahm einen Haufen unpublizierter Daten mit und schrieb «Inside Wikileaks» – eine Abrechnung mit Assange in Buchform. Die Presse berichtete Unerfreuliches über seine Persönlichkeit: Das Wort «schwierig» im Umgang mit Mitarbeitern war demnach noch eine freundliche Formulierung, einmal abgesehen von der Selbstverliebtheit, mit der er sich in den Vordergrund stellte und andere in den Hintergrund drängte.
Namen von Quellen auf Dokumenten im Web
Vor allem sorgte aber der Umgang mit hochsensiblen Daten für Entrüstung. Von den Depeschen aus amerikanischen Botschaften, die in Zusammenarbeit mit «Spiegel», «New York Times» und «Guardian» ausgewertet und publiziert wurden, tauchten im Internet Kopien auf, auf denen die Namen von Quellen nicht geschwärzt waren – ein haarsträubender Verstoss. Wikileaks beschuldigte einen britischen Journalisten, entsprechende Passwörter in einem Buch verbreitet zu haben. Der Journalist erwiderte: Ja, Assange habe ihm ein Passwort gegeben, um auf einem Server Zugang zu den Dokumenten zu bekommen – doch er habe zugesagt, dass diese Website innerhalb weniger Stunden wieder aus dem Web verschwinden würde, und dann offenbar nicht Wort gehalten.
Die Vergewaltigungsvorwürfe schwedischer Frauen bezeichnet Assange kaum überraschend als Teil einer Intrige, die das Pentagon gegen ihn angezettelt habe – und er fürchtet, dass er via Schweden in die USA ausgeliefert werden könnte. Doch selbst wenn die Vorwürfe sich als haltlos erweisen sollten: Die übrigen Makel dürften, trotz eines geplanten Hollywoodfilms über sein Leben, genügen, ihn auf Dauer zu diskreditieren – als einen Mann, der die hehre Idee und den Erfolg von Wikileaks mit seiner Selbstherrlichkeit zerstört hat. Vergessen ist das Beste, worauf Assange noch hoffen kann.
Bradley Manning dagegen könnte dank seiner Rolle dereinst als Schutzpatron und Märtyrer der Whistleblower in den Geschichtsbüchern erscheinen – ganz gleich, welches Strafmass ihn in einem Prozess erwartet. Selbst bei lebenslanger Haft wird er seine Version der Geschichte eines Tages der ganzen Welt erzählen können. Im günstigsten Fall, der derzeit freilich auch der unwahrscheinlichste ist, wird Manning nur «unehrenhaft» aus der Armee entlassen – ein Attribut, dass er zeitlebens wie einen Orden auf der Brust tragen dürfte.
Mit Material von SDA (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.12.2011, 13:56 Uhr
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21 Kommentare
Bradley Manning ist ein politischer Gefangener. Nebst Isolationshaft und erzwungener Nacktheit wird ihm auch ein Rechtsbeistand verweigert und ihm Psychopharmaka verabreicht, machten die Sowjets auch. Man darf in Amerika gegen Diät-Coke demonstrieren - aber wehe, es geht um das Militär und die Wallstreet - dann ist fertig mit Demokratie und Menschenrechten und es gelten Regeln von Diktaturen. Antworten
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