Ein Land leidet an seinen Politikern
Von Martin Kilian. Aktualisiert am 11.06.2011 40 Kommentare
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Stets verstand man sich als Sonderfall, ja als aussergewöhnliche Nation, die mit dem Segen des Allerhöchsten 1776 geboren worden war. Die Amerikaner, spottete der griesgrämige Gründervater John Adams bereits 1765, lebten in der Vorstellung, «dass die Vorsehung Amerika zum Theater erkoren hat, auf dessen Bühne der Mensch zeigen kann, wer er wirklich ist».
Ungebrochen ist seitdem der Glaube an die Aussergewöhnlichkeit der Vereinigten Staaten, an «American exceptionalism», wie die Amerikaner sagen. Vor allem im Gefolge des Supermachtstatus nach 1945 sollte Amerika Vorbild und Modell zugleich sein, eine «leuchtende Stadt auf dem Hügel» in den Worten Ronald Reagans, die anderen Nationen eine Orientierungshilfe böte.
Andere handeln klüger
Es könne «nicht verneint werden», meinte unlängst der republikanische Präsidentschaftsanwärter Herman Cain, «dass Amerika das beste Land auf der Welt ist». Sein Mitbewerber Mitt Romney bezeichnete Barack Obama abschätzig als «europäisch», weil der Präsident gelegentlich über den grossen Teich schielt, um sich vielleicht von dort Ideen zu holen. Die Arroganz des konservativen Amerika ist ungebrochen: Wie einst am deutschen Wesen die Welt genesen sollte, so bleibt in den Augen des amerikanischen Konservatismus Amerika alternativlos vorbildlich.
Andernorts aber wird das amerikanische Modell zusehends abgelehnt. Und das mit gutem Grund: Das «beste Land auf Erden» ist unfähig, genügend Arbeitsplätze zu schaffen; sein Gesundheitswesen ist ein unbezahlbarer Anachronismus, die soziale Ungleichheit himmelschreiend. Die Universitäten geniessen Weltruf, das Schulwesen aber produziert Schüler, die im internationalen Vergleich immer schlechter dastehen und den Anschluss and die Weltspitze verloren haben.
Primat des Marktes
Über 40 Millionen Bürger leben von staatlichen Lebensmittelmarken, auch ist die Prozentzahl der Armen weitaus höher als in West- und Nordeuropa. Blicken Nationen, die dennoch dem amerikanischen Vorbild nacheifern wollen, nach Washington, so sehen sie dort die Vorherrschaft konservativer Orthodoxien und Ideologien, die Innovationen blockieren und pragmatische Problemlösungen nahezu unmöglich machen: Der sprichwörtliche amerikanische Pragmatismus ist verschwunden, Marktfetischismus triumphiert.
Der Primat des ungezügelten Marktes sowie die Weigerung, die zerrütteten Staatsfinanzen nicht nur mittels Etatkürzungen, sondern auch durch höhere Steuern auf obere Einkommen und Vermögen zu sanieren, hat einen politischen Stillstand gezeitigt, der das amerikanische Modell als nicht mehr zeitgemäss entlarvt. Investitionen in die marode Infrastruktur sind kaum mehr durchsetzbar, der Bau eines Schienennetzes für Hochgeschwindigkeitszüge wird verworfen, da dies keinen Gewinn abwerfe.
Während Nationen wie Brasilien oder China eine kluge Industriepolitik betreiben und Partnerschaftsmodelle zwischen Staat und Privatwirtschaft erproben, verharrt Amerika in einem atavistischen Zustand, der es dem Land sogar verbietet, sich Rat im Ausland einzuholen: Wer der Beste ist, braucht nicht von anderen zu lernen, lautet die Devise amerikanischer Konservativer – wenngleich das amerikanische Gesundheitswesen erheblich höhere Kosten als etwa das deutsche oder Schweizer Gesundheitswesen verursacht, ohne besser zu sein.
Blockierte Reformen
«Als guten und aussergewöhnlichen Amerikanern ist es uns nicht erlaubt, über unsere Grenzen zu schauen, um aus den Erfolgen wie dem Scheitern anderer zu lernen», spottet denn auch der Publizist Michael Lind.
Während andernorts Probleme durch politische Kompromisse gelöst werden, verbaut die weltanschauliche Kluft in Washington nötige Reformen oder führt wie etwa im Fall von Barack Obamas Reform des Gesundheitswesens zu Verlegenheitslösungen, die internationalen Standards hinterherhinken. Das konservative Amerika kann sich selbstverständlich tagtäglich einreden, der besten Nation auf Erden anzugehören. Die Welt steht jedoch nicht still. In vielen Bereichen überholt sie die Vereinigten Staaten, weil das amerikanische Modell Gefahr läuft, an der Borniertheit der Politik zu scheitern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.06.2011, 15:52 Uhr
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40 Kommentare
Herr Kilian. Wir habens jetzt abermal von Ihnen gelesen. Die USA sind das Hinterletzte, die Amerikaner fett, dumm und paranoid und die Konservativen sind an allem schuld. Bedenklich ist, dass viele Tagileser, die sich gern als so kritisch sehen, die pauschalen Diffamierungen eine (darf ich raten?) alt -68-ers für bare Münze nehmen und einen schon an Rassismus grenzenden Antiamerikanismus pflegen. Antworten
"Der Primat des ungezügelten Marktes sowie die Weigerung, die zerrütteten Staatsfinanzen nicht nur mittels Etatkürzungen, sondern auch durch höhere Steuern auf obere Einkommen und Vermögen zu sanieren ..." Das hätte ja glatt ein Artikel über das Baselbiet sein können. Antworten
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