Die bittere Last von zwei Kriegen
Amokschütze räumte seine Wohnung
Der mutmassliche Amokschütze von Fort Hood hat nach Aussage seiner Nachbarin in den Tagen vor der Tat seine Wohnung leergeräumt. Nidal Malik Hasan sei am Mittwoch zu ihr gekommen und habe ihr gesagt, dass er am Freitag nach Übersee geschickt werde, sagte die Nachbarin, Patricia Villa. Er habe ihr Tiefkühlbrokkoli, Spinat, T-Shirts, Regale und einen neuen Koran gegeben. Am Donnerstag habe er dann noch seine Luftmatratze, mehrere Mappen und eine Lampe vorbeigebracht. Dann habe der Major ihr 60 Dollar (40 Euro) geboten, wenn sie seine Wohnung nach seiner Abreise am Freitag putzen würde, sagte Villa.
Der Militärpsychiater erschoss nach Behördenangaben am Donnerstag auf dem grössten Stützpunkt der US-Streitkräfte 13 Menschen. 30 weitere wurden verletzt, darunter der Täter selbst. Unterschiedlichen Angaben zufolge sollte er in den Irak oder nach Afghanistan versetzt werden. Die Polizei durchsuchte Hasans Wohnung am Donnerstagabend.
Zuerst gab es sogar einen Hauch von Erleichterung, bei allem entsetzlichen Blutvergiessen. Der Schütze von Fort Hood handelte allein, er war allem Anschein nach kein «Sleeper», ein Terrorist im Wartestand, der losschlug, als der Befehl dazu kam.
Aber je mehr tröpfchenweise über Nidal Malik Hasan durchsickert, desto klarer wird: Auch wenn es vielleicht nur die Verzweiflungstat eines einzelnen Mannes war, hat das Blutbad auf der grössten US- Militärbasis auch eine erhebliche politische Dimension - und Barack Obama ein politisches Problem.
Seit Wochen schon grübelt der Präsident, kraft seines Amtes der Oberbefehlshaber aller US-Truppen, mit seinen Beratern über eine neue Afghanistan-Strategie. Mindestens 40'000 Soldaten mehr will der US-Kommandant vor Ort, General Stanley McChrystal, am Hindukusch zur Verfügung haben.
Obama tut sich schwer damit, er will, wie er sagt, die Männer und Frauen nur der Gefahr für ihr Leben aussetzen, wenn es unbedingt nötig und der Auftrag klar ist.
Gerade haben die USA ihren tödlichsten Monat in Afghanistan erlebt, mit 55 getöteten Soldaten. Das macht Obamas Entscheidung ganz gewiss nicht leichter.
Angst vor Afghanistan-Einsatz
Und nun das, der entsetzliche unfassbare Angriff eines Soldaten gegen die eigenen Kameraden - ein Ausbruch der Gewalt offenbar getragen von panischer Furcht vor dem bevorstehenden Einsatz in Afghanistan, einer Ablehnung der Kriege, dem Gefühl der Ausweglosigkeit und vielleicht auch von Hass.
Ein langjähriger Mitarbeiter sagte der «Washington Post», er habe als Einzelgänger mit «ungewöhnlichem» Auftreten gegolten. Viele Kollegen hätten deshalb vermieden, ihm Patienten zu schicken.
Hasan war nach Aussagen von Verwandten und Bekannten ein Einzelgänger, hatte auch keine Freundin. «Er hat nie schnell Freundschaften geschlossen», berichtet seine Tante. In der Moschee in Silver Spring habe er nach einer Partnerin Ausschau gehalten, sagte der frühere Imam Faizul Kahn. «Er hatte aber zu viele Bedingungen. Er wollte eine Frau, die sehr religiös ist und fünfmal am Tag betet.»
Der Täter war ein Psychiater, der unter posttraumatischen Störungen leidende Kriegsheimkehrer betreute und nach Angaben seiner Familie die ihm geschilderten Horrorszenen nicht verkraftete - und den Horroranblick seiner oftmals verstümmelten Patienten.
Nichts davon war am Freitag als Tatmotiv bestätigt. Aber selbst wenn es einen anderen Haupt-Auslöser für das sinnlose Blutvergiessen gegeben haben sollte: Das Massaker hat den Blick der Öffentlichkeit unweigerlich und drastisch auf die Lasten der beiden Kriege gelenkt, die Amerika führt - und auf eine Gruppe der Opfer, über die selten gesprochen wird, die Verwundeten.
Seelische Krüppel
Allein in den vergangenen drei Monaten sind in Afghanistan mehr als 1000 Menschen zum Teil schwer verstümmelt worden. Der Täter betreute Menschen, die hauptsächlich - aber nicht nur - unsichtbare Wunden davontrugen.
Nur selten habe er über seine Arbeit gesprochen, schildert seine Tante Noel Hasan. Aber einmal habe er ihr von seinen Patienten erzählt, den Soldaten, kaputt von dem, was sie im Irak oder in Afghanistan erlebt hätten. Einer habe so schwere Verbrennungen gehabt, «dass sein Gesicht fast zerschmolzen war», so Hasans Angehörige. «Er sagte mir, wie sehr ihn das betroffen gemacht hat.»
Inzwischen weiss man, dass Hasan sechs Jahre im Walter-Reed- Hospital in Washington arbeitete, zumeist die erste Anlaufstelle für die Verletzten der Kriege.
Alpträume
«Er hatte Alpträume», zitierten Medien am Freitag Hasans Cousin Nader Hasan. Er nannte seinen Vetter einen «guten Amerikaner», der gegen den Willen seiner Eltern Soldat wurde, einen Mann, der nie in Schwierigkeiten geraten, aber im Laufe der Zeit immer aufgebrachter über die Kriege im Irak und Afghanistan geworden sei. «Er wollte raus, und er konnte nicht.»
Der Psychiater habe seit Jahren versucht, aus der Armee entlassen zu werden und sogar angeboten, der Armee die Kosten für seine medizinische Ausbildung zurückzuzahlen. Doch die Streitkräfte wollten ihn nicht ziehen lassen, heisst es. (bru/sda)
Erstellt: 06.11.2009, 22:07 Uhr
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