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Die Entzauberung des Obama

Aktualisiert am 17.01.2010

Der Zauber ist verflogen, die Magie verpufft. Ein Jahr ist Barack Obama im Amt - die Realität hat ihn eingeholt, der Alltag ihm Fesseln angelegt.

1/8 Guantanamo: Die Schliessung des Gefangenenlagers ist durch den vereitelten Anschlag in Detroit schwieriger geworden: Januar 2009, der Chef der Navy ersetzt im Hauptquartier von Guantanamo das Bild von Bush durch das von Obama.

   

«Yes, we can» - schillernd und vage, vollmundig und scheinbar grenzenlos waren die Versprechungen, die Obama ins Weisse Haus brachten. Der erste schwarze US-Präsident, ein «zweiter Kennedy», ein Charismatiker, ein Menschenfänger - halb Amerika lag ihm zu Füssen, in Europa schäumte die Begeisterung noch höher.

Es sind diese himmelhohen Erwartungen, die er selbst schürte, die Obama heute unter Druck setzen, seine Popularität purzeln lassen. Dabei kann er durchaus Erfolge vorweisen, mit der Gesundheitsreform könnte ihm gar ein Triumph gelingen.

Und vor allem: Ein grosser Fehler, ein dicker Patzer ist Obama nicht unterlaufen - für das verflixte erste Jahr eines US- Präsidenten schon eine passable Bilanz.

Tief gespalten sind die Amerikaner heute, tief ist der Absturz des Präsidenten. Fast 70 Prozent der US-Bürger, so Umfragen, standen hinter ihm, als er am bitterkalten 20. Januar 2009 die Hand zum Amtseid hob. Heute gibt es Umfragen, wonach ihn nicht mal mehr jeder zweite Amerikaner unterstützt.

Herausforderungen werden grösser

Dabei droht das zweite Amtsjahr noch härter zu werden als das erste: Mit dem Iran steht die wahre Kraftprobe noch bevor, in Afghanistan die grosse Auseinandersetzung mit den Taliban. Auch die Arbeitslosigkeit ist unverändert hoch, die Schulden galoppieren davon. Und November sind Kongresswahlen - Obamas klare Mehrheit im Senat ist in Gefahr.

Ein verrücktes erstes Jahr: Als Obama vereidigt wurde, kämpften Amerika und die Welt mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der «Grossen Depression» - doch die Welle des Enthusiasmus und des Optimismus, die das Land erfasste, schien stärker als jede Krisenangst.

Alles schien möglich, und alles sofort: Die Schliessung von Guantánamo, das Ende des Irakkrieges, dem Iran sollte die Hand gereicht werden, ebenfalls Nordkorea und Kuba, dem Klimawandel wollte man einen Riegel vorschieben - und natürlich die Gesundheitsreform, die Bildung, mehr Jobs.

«We will change America and we will change the world!» Wir werden Amerika verändern, und wir werden die Welt verändern - Bescheidenheit war Obamas Sache nicht.

Friedensnobelpreis trotz Krieg

Doch es wurde noch verrückter: Obama bekam, kaum elf Monate im Amt, den Friedensnobelpreis überreicht, obwohl er ein paar Tage zuvor eine massive Eskalation des Afghanistan-Krieges befohlen hatte. In seiner Rede in Oslo sprach Obama dann nicht so sehr über den Frieden, sondern über den «gerechten Krieg» - das Publikum war trotzdem begeistert.

Denn die Nobel-Jury traf einen Nerv. Der Präsident erhalte den Preis «für seine aussergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken», begründete sie ihren Coup.

Neuer Ton, neuer Stil, neues Vokabular

Ob in Amerika oder in Europa, es war die Erleichterung über das Ende der Bush-Ära, die der Hoffnung Flügel wachsen liess. Ende der «Cowboy-Politik», der militärischen Alleingänge, der verklemmten Schwarz-Weiss-Malerei.

Neuer Ton, neuer Stil, neues Vokabular: Bestimmte Worte kommen bei Obama schlichtweg nicht mehr vor: «Krieg gegen den Terrorismus», «Achse des Bösen», «Schurkenstaat». Die Zeit der rhetorischen Bush- Aggressivität ist vorbei. Mitunter sprach Obama schon brav von der «Islamischen Republik des Iran» - die Republikaner schäumten.

Überhaupt: Grosse Gesten, grosse Reden, grosse Auftritte. Obama bietet an, sich ohne Vorbedingungen mit den Führen Irans und Kubas zusammenzusetzen, er reist eigens nach Kairo und hält eine Rede an die muslimische Welt, streckt die Hand aus zum grossen Friedensschluss. Viele in der Welt applaudieren - nur die Iraner nicht. Und die Konservativen zu Hause rümpfen die Nase.

«Yes we can» - aber nicht mehr im Alleingang

Vielen Amerikanern ist das zu wenig Härte, zu wenig Supermacht. Doch die «Obama-Strategie» ist anders. Der Präsident ist sich bewusst, dass seine Mandat in eine Zeitenwende fällt. Es ist vor allem der Aufstieg Chinas und Indiens, der die globalen Kräfte grundlegend verschiebt. Und Obama weiss, er braucht Partner.

Denn die dicken Brocken liegen noch vor ihm. Bisher zeigen die Machthaber in Teheran Obama die kalte Schulter, ohne den Beistand aus Moskau, Peking und Europa ist auch der «mächtigste Mann der Welt» hilflos.

Die Welt hat sich verändert: Aus dem G7-Club, dem einst exklusiven Kreis der Europäer, Nordamerikaner plus Japan ist die G20- Runde geworden, neben den «Alten» sitzen jetzt China, Indien, Brasilien und Südafrika mit im Boot. Immer noch gilt «Yes we can» - aber im globalen Massstab, nicht mehr im Alleingang. (tan/sda)

Erstellt: 17.01.2010, 19:44 Uhr

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