Der Turbo-Kapitalist
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 19.01.2012 6 Kommentare
Bildstrecke
Dossiers
Artikel zum Thema
- Multimillionär Romney zahlt nur 15 Prozent Steuern
- Team Obama rüstet sich für Romney
- Romney gewinnt vor Paul und Huntsman
- Wen die UBS- und CS-Kader unterstützen
- Letzter Romney-Konkurrent stellt Wahlkampf ein
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Mitt Romney ist einer der finanziell erfolgreichsten Männer, die sich je um die US-Präsidentschaft beworben haben. Doch hat ihn die 20 Jahre lange Karriere bei Bain Capital im Umfeld einer schweren Wirtschaftskrise auch angreifbar gemacht: Er hat Dutzende von Firmen zu Tode saniert und weniger neue Arbeitsstellen geschaffen als behauptet. Er profitiert heute von tieferen Steuern als die meisten Erwerbstätigen und hat seine Risiken nahezu perfekt abgesichert.
Die Kontroverse um seine Karriere bei einer der erfolgreichsten Private-Equity-Firmen ist diese Woche erneut aufgeflackert. Was Romney lange Zeit verhindern wollte, die Enthüllung seiner Steuererklärung, brachten Wähler in South Carolina ebenso zur Sprache wie die Widersacher Rick Perry und Newt Gingrich. Romney gab zum ersten Mal zu, auf seinem Einkommen nur rund 15 Prozent Steuern zu zahlen, statt 35 Prozent wie in seiner Einkommensklasse üblich. Zu verdanken haben dies Romney und einige Hundert schwerreiche Investoren den Erleichterungen der Regierung Bush, die gezielt Hedgefonds-Manager und Private-Equity-Investoren bevorzugten. Dies mit der Begründung, ihre Kapitalgewinne seien nicht als Arbeitseinkommen zu betrachten. Präsident Obama versuchte diese Sonderbehandlung rückgängig zu machen, doch verweigerte der Kongress jede Mitarbeit in dieser Frage. Erledigt ist sie damit nicht. Romney muss sich darauf gefasst machen, dass diese Vorzugsbehandlung und seine Bilanz als Mitbegründer von Bain Capital zu erstklassigen Wahlkampfthemen werden.
Übertriebenes Eigenlob
Die Bilanz bei Bain ist allerdings nicht so düster, wie die Kritiker behaupten. Und nicht so grossartig, wie Romneys Gefolgsleute gerne möchten. Bemerkenswert ist zunächst, dass Romney bei Bain nicht als Investor begann, sondern als klassischer Unternehmensberater. Erst als Firmengründer William Bain ihn zur neuen Private-Equity-Gruppe beförderte, entwickelte Romney ein Gespür für Firmen, die Startkapital brauchten. Dabei fiel er als zutiefst risikoscheuer Deal-Maker auf, wie die Journalisten Michael Kranish und Scott Helman in ihrem neuen Buch «The Real Romney» beschreiben. Sie kommen zum Schluss, dass er im Wesentlichen mit drei Geschäften grosse Erfolge hatte: Er investierte in das noch junge Bürobedarfsunternehmen Staples, in Domino’s Pizza und den Sportartikelhändler Sports Authority, bevor sie zu erfolgreichen Konzernen wurden. Die Gewinne für Bain erreichten teilweise das Zwanzigfache des eingesetzten Kapitals. Romney selber bezieht sich heute auf diese Deals, wenn er behauptet, mehr als 100'000 neue Stellen geschaffen zu haben.
Was er ausblendet, sind die Misserfolge, die Entlassungen und Bankrotte. Romney habe den Nachweis nicht erbracht, so Kranish und Helman, dass er unter dem Strich tatsächlich neue Arbeitsstellen schaffen konnte. Dies indessen ist auch nicht relevant, so Nobelpreisgewinner Paul Krugman. Entscheidend sei vielmehr, dass Bain in Dutzende von Krisenfirmen investierte und dank Kommissionen und Kapitaltransaktionen (meist in Form von Umschuldungen) Millionenerträge für sich erwirtschaftete, ohne die Firmen retten zu können. So kaufte Romney 1993 für 24,5 Millionen Dollar die GS Industries und stiess sie 2000 mit einem Gewinn von 58,4 Millionen wieder ab. Das Unternehmen ging nur ein Jahr später Bankrott, 1750 Stellen waren verloren, und den Banken blieben Schuldscheine von 554 Millionen. Eine Untersuchung durch das «Wall Street Journal» zeigt einen durchaus gemischten Leistungsausweis. Von den 77 grössten Deals in der Ära Romney waren 10 äusserst erfolgreich; sie brachten praktisch den gesamten Gewinn in die Kasse, die Bain Capital damals erwirtschaftete. Nur 8 Prozent der Deals fielen ins Wasser und zwangen Romney zu einem Totalabschreiber. 22 Prozent der Geschäfte erweisen sich als Debakel, die übernommene Firma musste innerhalb von acht Jahren nach der Bain-Intervention liquidiert werden.
Romney scheut das Licht
Ob Bain Capital bei solchen Zwangssanierungen mehr oder weniger aggressiv vorging als die Konkurrenz, ist umstritten. Steve Rattner, ein langjähriger Wallstreet-Financier und für die Regierung Obama als Sanierer tätig, stellt Romney gute Noten aus. Bain habe nie einen Gordon-Gekko-mässigen Geschäftsstil betrieben, so Rattner in Anlehnung an die rücksichtlose «Wall Street»-Filmfigur. «Bain Capital war eine höchst respektable, gar eine herausragende Investmentfirma, die für ihre Anleger höchste Renditen erzielte«. Tatsächlich wies Bain während Romneys Zeit jährliche Profite von unglaublichen 80 Prozent aus. Davon zweigten die Partner nicht wie branchenüblich «nur» 20 Prozent für sich ab, sondern 30 bis 35 Prozent. Sie konnten sich dies erlauben, weil sie solch hohe Renditen erwirtschafteten.
Aus dieser Zeit stammt Romneys Vermögen, das nach seinen Angaben bis zu 250 Millionen beträgt. Noch heute ist er an Bain Capital beteiligt, weshalb sein Einkommen als Kapitalgewinn betrachtet und zum Sondersatz von nur 15 Prozent besteuert wird. Diese Vorzugsbehandlung ist ein Hauptgrund, weshalb sich die Kluft zwischen den 0,1 Prozent der Reichsten und den übrigen 99,9 Prozent massiv vergrössert hat. Romney ist sich der Brisanz bewusst: Er erklärte kürzlich, über solche Vermögensunterschiede sollte nicht öffentlich, sondern nur «in geschlossenen Räumen» diskutiert werden.
Unerbittlich im eigenen Haus
Es spricht für den vorsichtigen Romney, dass er sich so gut abgesichert hat wie nur möglich. Als ihn William Bain zur Private-Equity-Gruppe versetzen wollte, stellte Romney drei Bedingungen: Das Startkapital musste von Bain kommen. Er wollte mit voller Rückzahlung in seinen Job als Unternehmensberater zurückkehren, sollte Bain Capital scheitern. Und Bill Bain würde ein solches Scheitern auf sich nehmen und Romney entlasten. Alle drei Bedingungen wurden erfüllt.
Den grössten Erfolg allerdings erzielte er nicht mit Deals, sondern mit der Rettung von Bain selber. Als die acht ersten Partner aussteigen wollten, nahm Bain 200 Millionen Dollar auf, um sie auszuzahlen. Der Zeitpunkt war sehr ungünstig; die Rezession von 1991 brachte das Unternehmen an den Rand des Bankrotts. Romney wurde zu Hilfe gerufen und verordnete eine bittere Kur, exakt die gleiche, die er jeweils fremden Firmen aufzwang. Er entliess 20 Prozent der Angestellten, verpasste den Gläubigern einen Kapitalschnitt von 20 Prozent und zwang die Teilhaber, auf ihnen zustehende Anteile von 100 Millionen Dollar zu verzichten. Bain überlebte. Romneys Ruf als eiskalter, auf alle Seiten gleich fairer Sanierer war gefestigt. Wenn der Kandidat heute davon spricht, Amerika zurück auf Kurs zu bringen, so bezieht er sich auf diese firmeninterne Sanierung, die niemanden verschonte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.01.2012, 13:57 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
6 Kommentare
Dieser Artikel macht den Eindruck, dass Romney die USA sanieren wuerde, wenn er gewählt wird. Die Policies, welche er vertritt, gleichen jenen von Obama und seine Politik ebenfalls. Der einzige Kandidat, welcher wirkliche Veränderungen heranführen würde, ist Ron Paul. Antworten
Ausland
- 16:05Merkels Umweltminister tritt nach Wahlschlappe zurück
- 13:28Verwaltungsrichter wird Übergangsregierungschef in Griechenland
- 12:21«Das ist keine Nachhilfestunde für Erstsemestrige»
- 11:19Wer regiert bis zu den Neuwahlen?
- 11:16Sozialistenchefin Aubry nicht im neuen Kabinett
- 10:18Frankfurt rüstet sich für «Blockupy»
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!


Bitte warten

