Der Sturm tobt weiter

Aktualisiert am 10.09.2010

Pastor Terry Jones nimmt sein Versprechen zurück, doch keinen Koran zu verbrennen. In muslimischen Ländern gehen Hunderte auf die Strassen – und Barack Obama ruft zum religiösen Frieden auf.

1/16 «Ich bin belogen worden»: Terry Jones nimmt sein Versprechen zurück, auf die Koranverbrennung zu verzichten.
Bild: Reuters

   

Die Verwirrung um die geplante Koranverbrennung im US-Staat Florida geht weiter. Der US-Pastor Terry Jones hat am Freitagabend Schweizer Zeit sein Versprechen zurückgenommen, am Samstag auf eine Koranverbrennung zu verzichten. Dies, nachdem wenige Stunden zuvor der für das Moscheebauprojekt beim Ground Zero Imam Feisal Abdul Rauf dementierte hatte, ein Treffen mit Jones geplant zu haben. Mit dem Pastor in Florida habe er überhaupt nicht gesprochen.

«Ich bin sehr enttäuscht, dass die muslimische Seite nun behauptet, es habe nie einen solchen Plan gegeben», sagte Jones am Freitag gegenüber amerikanischen Fernsehstationen. «Ich bin offenbar belogen worden.» Jones hatte am Donnerstag den Präsidenten der Islamischen Gesellschaft von Mittelflorida, Imam Muhammad Musri, getroffen. Danach sagte Musri gegenüber dem Sender CBS, er habe die Zusage, dass er und Jones den New Yorker Imam treffen könnten.

Musri sagt nun, Jones sei nicht in die Irre geführt worden. «Nachdem wir vor die Kameras getreten sind, hat er meine Worte falsch ausgelegt.» Im Übrigen sei nicht die angebliche Verlegung der Moschee der Grund, warum Jones seine Drohung zurückgezogen habe. Tatsächlich habe er dem Druck von politischen und religiösen Führern aus aller Welt nachgegeben. Jones habe ihm erzählt, die Koranverbrennung würde «die US-Truppen im Ausland, amerikanische Reisende und andere in der Welt gefährden». «Das war sein wahres Motiv für die Absage», berichtete Musri.

Schlimmstes Vergehen überhaupt

In Asien und auf der arabischen Halbinsel protestieren Muslime seit Donnerstag heftig gegen die geplante Koranverbrennung. In der pakistanischen Stadt Multan verbrannten rund 200 Anwälte und Bürgerrechtler eine amerikanische Flagge. Die Regierung des Golfemirats Bahrain sprach von einer «schändlichen Tat, die mit den Prinzipien von Toleranz und Koexistenz unvereinbar ist». Der indonesische Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono wandte sich in einem Brief an US-Präsident Barack Obama und rief ihn auf, die Verbrennung zu verhindern.

Eine Koranverbrennung, wie sie für Samstag im US-Staat Florida geplant ist, wird von Muslimen als Verstoss gegen Gott empfunden und somit als schlimmstes Verbrechen überhaupt. Nach islamischem Glauben ist der Koran das Wort Gottes, das dem Propheten Mohammed durch den Engel Gabriel offenbart wurde. Das Buch definiert nicht nur den islamischen Glauben, sondern ist für Muslime der Leitfaden für ihr tägliches Leben und Verhalten. «Wenn ein Mensch das offenbarte Wort Gottes verbrennt, würde dies von allen Muslimen als schlimmstes Verbrechen betrachtet», sagte Religionswissenschaftler Abdel Moeti Bajumi von der islamischen Universität Al Ashar in Kairo.

«Eine Nation unter einem Gott»

US-Präsident Barack Obama hat am Freitag die Bürger zu Toleranz gegenüber dem Islam und anderen Religionen aufgerufen. «Wir dürfen uns nicht von Religion spalten lassen», sagte er auf einer Pressekonferenz im Weissen Haus. «Wir dürfen nicht anfangen, uns gegeneinander zu wenden.» Die friedliche Koexistenz der Religionsgruppen in den USA sei ihm ein persönliches Anliegen, betonte Obama. «Solange ich Präsident bin, werde ich alles tun, um die Amerikaner daran zu erinnern, dass wir eine Nation unter einem Gott sind, auch wenn wir diesem Gott unterschiedliche Namen geben», sagte er. Der Gegner der USA sei nicht der Islam, sondern «die Terroristen und Mörder, die den Islam pervertiert haben».

Obama stellte einen Zusammenhang zwischen antimuslimischen Ressentiments in den USA und der derzeitigen Unsicherheit infolge der schleppenden Wirtschaftsentwicklung her. «Wenn in einem Land allgemeine Furcht herrscht, wenn es eine schwere Zeit durchlebt, dann werden Ängste, Verdächtigungen und Spaltungen sichtbar.»

Mit Blick auf den Streit um die geplante Koran-Verbrennung in Florida warnte Obama vor Nachahmeraktionen: «Meine Sorge ist sicherzustellen, dass wir nun nicht eine ganze Menge Leute hier im Land haben, die auf diese Weise Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen.»

Ausweg offen

Noch bleibt in dem Streit um die Koranverbrennung ein möglicher Ausweg offen. Jones sagte, sein Entscheid hänge ganz von der Bereitschaft des New Yorker Imams ab. «Wir haben einige Fragen an ihn», sagte er am Freitag. Ein Vertrauter des Pastors sagte auf derselben Pressekonferenz: «Es gibt Verwirrung, und wir müssen Klarheit schaffen. Die Frage ist: Will sich der Imam mit Pastor Jones treffen?» (oku/dapd)

Erstellt: 10.09.2010, 20:39 Uhr

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