Der Holocaust als Brettspiel
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Historisches als Brettspiel
«Train» gehört zu einer Serie von historischen Spielen, die Brathwaite in den letzten Jahren entwickelt hat. Unter dem Motto «The Mechanic is the message» hat sie weitere historisch heisse Eisen angefasst: In «Irish Game» thematisierte sie die Emigration der Iren in die USA, gespielt wird auf Grasmatten und Jutesäcken. In «The new world» geht es um die Sklavenverschleppung nach Amerika. Braune Figuren müssen über den Atlantik geschifft werden. Und in «Trail of Tears» repräsentieren 50'000 rote Holzfiguren den Genozid an den Indianern.
Brathwaite, die lange auch Computerspiele entwickelt hat und sich auch für Sex in Videospielen einsetzte, will mit ihren Konzepten einen Lerneffekt erzielen: «Ich glaube, ein Spiel erreicht seinen Höhepunkt, wenn es Reaktionen beim Spieler hervorruft, die der Entwickler nicht erwartet hätte.»
Bei diesem Spiel kann man nur verlieren. «Train», ein Brettspiel entwickelt von der US-Spieledesignerin Brenda Brathwaite, handelt von der Judenverfolgung. Gespielt wird mit drei Zügen auf drei Schienen. Als Spielbrett dient ein zerbrochener Fensterrahmen, der an die Zeit des Holocaust erinnern soll. Die Regeln sind auf einer Schreibmaschine getippt, auf der angeblich hochrangige Nationalsozialisten wirklich geschrieben haben sollen.
Zum Spiel gehören ein Würfel und 60 «Spielfiguren»: Jede von ihnen steht für 100'000 Menschen. Sie werden in den Zügen verstaut. Dazu müssen sie richtiggehend gestapelt werden. Auf Karten, die der Spieler ziehen muss, wird entschieden, ob er Figuren aus den Zugwagen lassen kann, oder ob seine Komposition weiter vorwärts fährt.
Kein Witz, sondern ein ernstes Spiel
Am Ende des Spiels zieht der Spieler die ultimative Karte. Auf deren Rückseite steht, wohin sein Zug fährt. In grossen Lettern steht Auschwitz oder der Name eines anderen Konzentrationslagers.
Was wie ein schlechter Witz klingt, ist für Brathwaite voller Ernst. «Spiele müssen nicht immer lustig sein», sagt sie. Ihr Spiel soll zum Denken anregen und die Spieler die Regeln, die sie befolgen, hinterfragen lassen.
Oft weinen die Versuchsspieler, sagt Brathwaite gegenüber dem «WSJ». «Einige Spieler sind angewidert». Sie wollen die Züge anhalten, die Figuren rauslassen und auch die anderen Spieler davon überzeugen, aufzuhören. Genau die Reaktion, die Brathwaite mit «Train» hervorrufen will.
Überrascht und schockiert
«Es geht darum, ob die Spieler einfach nur den auf einer Nazi-Schreibmaschine getippten Regeln folgen, oder sich ihnen widersetzen und das Spiel umgestalten.» Dies jedoch habe noch kaum ein Spieler getan. Stattdessen spielen sie mit – und sind über den Ausgang von «Train» überrascht und schockiert.
«Ich habe Dutzende Male zugesehen, wie das Spiel gespielt wird», so Brathwaite, «aber es ekelt mich immer noch an, wenn Spieler ihre Figuren in die Wagen setzen». Andererseits sei sie fasziniert, wenn ein Spieler sich wehre und sich den Regeln widersetze.
Präsentiert die 43-Jährige ihr Spiel, findet im Anschluss auch gleich eine Stunde Nachbearbeitung und Diskussion statt.
Neben persönlichen Beleidigungen hat sie auch Zuspruch von Spieldesignern erhalten. Sogar die jüdische Gemeinde soll ihr Dank ausgesprochen haben für ihr «wichtiges Werk zur Aufarbeitung des Holocaust».
Keine Verharmlosung
Das Spiel ist weder zur Unterhaltung noch für den Verkauf gedacht. Für eine Serienherstellung liesse sich auch gar kein Vertreiber finden. Es existieren nur drei Exemplare des Spiels, die Brathwaite selbst in zweimonatiger Handarbeit gefertigt hat.
Dass ein Brettspiel den Holocaust verharmmlosen könnte, glaubt sie hingegen nicht: «Ein Spiel verharmlost die Thematik nicht. Im Gegenteil: Es verstärkt sie.» Ihre Umsetzung sei keineswegs respektlos. «Wir glauben, dass Spiel vor allem Spass bedeutet. Aber ich glaube, diese Definition weitet sich aus. Ich will, dass sie sich ausweitet.» (reh)
Erstellt: 19.03.2010, 12:21 Uhr
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