Der Heilige George und sein gerechter Krieg

Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 09.03.2010

Karl Rove, George W. Bushs engster Mitarbeiter, hat seine mit Spannung erwarteten Memoiren vorgelegt.

Freundschaft unter Gleichgesinnten: Der frühere amerikanische Präsident George W. Bush (li.) mit Karl Rove, dem Meister des politischen Handkantenschlags.

Freundschaft unter Gleichgesinnten: Der frühere amerikanische Präsident George W. Bush (li.) mit Karl Rove, dem Meister des politischen Handkantenschlags.
Bild: Keystone

Schon als Knabe focht er für seine Helden: Gerade neunjährig verteidigte Karl Rove den Republikaner Richard Nixon gegen ein Girl, das den Demokraten John F. Kennedy favorisierte. Rove verlor den Kampf – und holte sich eine blutige Nase.

Von da an ging es indes aufwärts, bis sich Rove als mächtiger Mitarbeiter George W. Bushs den zweifelhaften Ruf einhandelte, des Präsidenten «Gehirn» zu sein. Nicht weiter verwunderlich ist es mithin, dass Bushs Consigliere den Präsidenten in seinen heute erscheinenden Memoiren auf nahezu 600 Seiten mit Zähnen und Klauen verteidigt. Sehnsüchtig erwartet als erste Offenbarung aus Bushs innerstem Zirkel, liest sich das Buch seines Impresarios wie eine ehrerbietige Huldigung an einen Präsidenten, dem kaum jemand eine Träne nachweinte, als er in die texanische Pension ging.

Als Tüncher unterwegs

Die Errungenschaften von Bushs Präsidentschaft, trompetet Rove, seien «beeindruckend, dauerhaft und signifikant». «König Karl» mag auf dem Umschlag des Buchs mit dem bedeutungsschwangeren Titel «Courage and Consequence: My Life as a Conservative in the Fight» milde lächeln; zwischen den Buchdeckeln aber ist von Milde nichts zu spüren. Im Gegenteil: Rove, der immerhin Bushs Wahlkämpfe für das Amt des texanischen Gouverneurs und später für das Präsidentenamt organisierte und als engster Vertrauter des Texaners galt, informiert erst in zweiter Linie.

Denn hauptberuflich ist der Memoirenschreiber als Tüncher beschäftigt, der weisswäscht und übermalt, bis uns Bushs unselige Jahre im Weissen Haus als Abfolge grandioser Taten erscheinen und seine Feinde als elende Kläffer. Wohin Roves Reise geht, zeigt etwa ein Kapitel mit der Überschrift «Bush hatte Recht im Irak». Darin behauptet der Majordomus des Präsidenten, dieser wäre niemals im Irak einmarschiert, wenn die Nichtexistenz von Massenvernichtungswaffen bekannt gewesen wäre.

Bush habe gelogen, sei eine Lüge

Bush sei nach 9/11 eben überzeugt gewesen, «dass der Irak eine äusserst gefährliche Bedrohung» darstelle, so Rove. Und zu behaupten, der Präsident habe gelogen, was den Irak angehe, sei «eine Lüge». Rove als Diener seines Herrn mag sich hier wacker mit einem Schrubber an die Arbeit machen, doch ist mehrfach belegt, dass George W. Bush bereits im Herbst 2002 zum Sturz Saddam Husseins entschlossen war: Die «Massenvernichtungswaffen» lieferten lediglich den Kriegsgrund.

Und wir wissen überdies, dass die Faktenlage bezüglich dieser vermeintlichen Massenvernichtungswaffen von Bush und den neokonservativen Falken verbogen wurde, bis sie in ihre ideologischen Förmchen passte. Zu diesem Zweck sonderten der Präsident und Mitglieder seiner Administration mehr als 500 falsche Aussagen ab. Rove hingegen trauert, man sei den Gegnern des Krieges nicht entschieden genug in ihre miese Parade gefahren. «Nicht energisch und nicht überwältigend» habe man auf die Kritik reagiert, schreibt Rove.

Schuld sind alle anderen

Bedauern ist von diesem Meister des politischen Handkantenschlags nicht zu erwarten, denn Rove ist überzeugt, einem grossen Präsidenten gedient zu haben. Wirbelsturm Katrina? Gewiss, man sei «zu lange zu passiv» gewesen, räumt er ein, die Schuld für das Desaster, das der Präsidentschaft Bushs den Rest gab, habe freilich bei den demokratischen Politikern in Louisiana gelegen, bei der Gouverneurin und beim Bürgermeister von New Orleans. Bush und Folter? Niemals habe der Präsident Folter autorisiert; «er hat genau das Gegenteil getan», belehrt uns Rove. Und was die Erderwärmung anbelange, so sei Bush «an dieser Front aggressiv und smart» vorgegangen. Nun ja.

Rove verliert kein Wort darüber, in welchem Umfang Bush die amerikanische Reputation samt den Staatsfinanzen ruinierte und die Bürgerfreiheiten im Zuge des «Kriegs gegen den Terror» aushöhlte. Darauf einzugehen, wäre zu viel verlangt von Karl Rove; schliesslich war es seine Idee, Bush nach 9/11 als «Kriegspräsidenten» hinzustellen und daraus politisches Kapital zu schlagen.

Hier wird Roves im allgemeinen vorzügliche Erinnerung brüchig. Memoiren sind dies nicht; eher schon verdichten sich Roves Erinnerungen zur Hagiografie eines Präsidenten, dessen Sünden zu gross sind, als dass «König Karl» sie vergessen machen könnte.

Karl Rove, Courage and Consequence: My Life as a Conservative in the Fight. Threshold Editions 2010. 30 US-Dollar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 04:00 Uhr

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