Das Rätsel des Zimmers 2820
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 27.11.2011 36 Kommentare
Dementi aus Paris
Die französische Regierung ist neu aufgeflammten Gerüchten über eine politische Verschwörung gegen Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn entgegengetreten. Innenminister Claude Guéant tat die Vorwürfe am Sonntag im Fernsehen als «pure Fantasie» ab; Jean-François Copé, der Chef der UMP-Partei von Präsident Nicolas Sarkozy, bezeichnete sie als «lächerlich». In einem Artikel für die New York Review of Books hatte der US-Journalist Edward Epstein zuvor Details zur Zimmermädchen-Affäre veröffentlicht.
Anhänger des früheren IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn haben die französischen Behörden zur Untersuchung neuer Vorwürfe gegen die Regierungspartei UMP aufgefordert. Die Unterstützergruppe Club DSK bezog sich ebenfalls auf Epsteins Bericht.
In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP sagte Epstein, er selbst habe «nicht von einer politischen Verschwörung» gesprochen. Er sei jedoch davon überzeugt, dass jemand versucht habe, Strauss-Kahns zu erwartende Kandidatur für die französischen Präsidentschaftswahlen zu Fall zu bringen.(afp/dapd)
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Aussage stand gegen Aussage, und sowohl die Medien als auch die Politik ergriffen Partei, als Dominique Strauss-Kahn, mächtiger Direktor des Internationalen Währungsfonds und potenzieller französischer Präsidentschaftskandidat, im Mai vom New Yorker Zimmermädchen Nafissatou Diallo der versuchten Vergewaltigung beschuldigt wurde. Strauss-Kahn, so Diallo, habe sie als Gast des Edelhotels Sofitel zu Sexakten gezwungen und sie sexuell genötigt – was Strauss-Kahn, bekannt als DSK, verneinte: Der Sex sei einvernehmlich gewesen, Diallo lüge.
Umgehend erhob sich der Verdacht, der Sarkozy-Rivale DSK sei womöglich Opfer eines von langer Hand geplanten Komplotts geworden. Genährt wurde dieser Argwohn unter anderem durch die Tatsache, dass der französische Eigentümer der Sofitel-Kette, der Konzern Accor, gute Kontakte zum Umfeld von Präsident Nicolas Sarkozy unterhält. Im August aber wurde die Anklage gegen DSK aufgehoben, nachdem Diallos Glaubwürdigkeit durch ihre teils widersprechenden Aussagen schwer erschüttert worden war.
Studium der Details wirft Fragen auf
Nun legt der angesehene amerikanische Investigativ-Journalist Edward Jay Epstein in der kommenden Ausgabe des literarischen Wochenmagazins New York Review of Books eine eingehende Untersuchung zum Fall DSK vor – und nährt neuerlich den Verdacht, der Franzose sei Opfer einer Verschwörung geworden. Epstein erhielt Zugang zu Telefonanrufen, den Daten der elektronischen Hotelschlüssel, die jeweils anzeigen, wann eine Zimmertür geöffnet wurde, sowie den Überwachungskameras des Hotels. Sein Report hat nach Vorberichten im britischen Guardian und in der Financial Times am Wochenende einiges Aufsehen erregt – ohne freilich Beweise für DSKs Unschuld zu liefern.
Dennoch hat es die Untersuchung des angesehenen journalistischen Veteranen und vielfachen Buchautors in sich: Zu seltsam erscheinen einige der Umstände der vermeintlichen Tat, zu gewichtig sind die Fragen, die sich um das Verhalten des Sofitel- und Accor-Stabs ranken. So schreibt Epstein etwa, dass DSK am Morgen des Tattages im Mai eine Warnung von einer Freundin erhalten hatte, die im Hauptquartier der Sarkozy-Partei UMP arbeitete. Sein Blackberry-Handy, so die Freundin, sei gehackt worden und somit kompromittiert: Zumindest ein SMS von DSK an seine Frau Anne Sinclair sei beim politischen Feind aufgetaucht.
Das verschwundene Handy
Das Handy, von DSK am Tag der angeblichen Tat verloren und fieberhaft gesucht, weil er es von Spezialisten in Paris untersuchen lassen wollte, tauchte nie wieder auf. Rund 40 Minuten nach der schicksalhaften Begegnung von Diallo und DSK im Zimmer 2806 des Sofitels aber schaltete ein Unbekannter das GPS-Signal des DSK-Handys aus, worauf das Handy nicht mehr elektronisch geortet werden konnte.
Epstein schreibt, basierend auf den Daten des E-Schlüssels sowie einem Telefonat von DSK mit seiner Tochter Camille, dass sich Diallo zur Tatzeit nur etwa sechs Minuten in DSKs Zimmer aufgehalten, jedoch zuvor und danach die benachbarte Suite 2820 besucht habe. Den Namen des darin weilenden Gastes preiszugeben lehnte Sofitel unter Berufung auf den Schutz der Privatsphäre ab. Die New Yorker Polizei wiederum untersuchte das Zimmer niemals, weil Diallo verschwiegen hatte, nach DSKs vermeintlicher Attacke Zimmer 2820 aufgesucht zu haben.
Der Sofitel-Sicherheitsdienst
Statt nach Diallos erstem Bericht über die versuchte Vergewaltigung sofort die Polizei zu informieren, liess das Hotel-Management wertvolle Zeit verstreichen und wartete zu, bis der Accor-Sicherheitsdirektor John Sheehan eingetroffen war. Auf der Fahrt zum Hotel rief der ausserhalb wohnende Sheehan von seinem Handy eine Accor-Nummer an, die ihn mit seinem Pariser Vorgesetzten Rene-Georges Querry verbunden hätte – einem Sarkozy-Freund, der allerdings verneint hat, am Tag der angeblichen Tat jemals mit Sheehan in Kontakt gewesen zu sein.
Diallo befand sich unterdessen im Hotel in Begleitung des Sofitel-Sicherheitschefs Adrian Branch und des Hotelingenieurs Brian Yearwood. Laut Epstein sandte Sheehan, noch immer auf der Anfahrt, um 13:28 Ortszeit eine SMS an Yearwood, eine weitere SMS zwei Minuten später an einen Unbekannten. Eine Minute nach Sheehans zweiter SMS und mehr als eine Stunde nach dem Vorfall im Zimmer 2806 alarmierte Branch endlich die New Yorker Polizei. Um 13:33, also eine Minute nach dem Anruf bei der Polizei, zeigen die Überwachungskameras des Hotels Brian Yearwood und einen Unbekannten bei einem drei Minuten dauernden Freudentanz, ehe sich beide an einen Hintereingang des Hotels begeben, um dort zusammen mit Adrian Branch die Polizei zu erwarten.
Der Hotelangestellte Syed Haque
Gleichfalls rätselhaft ist Eptsein zu Folge, dass kurz vor der vermeintlichen Tat neben Diallo ein zweiter Hotelangestellter, Syed Haque, DSKs Raum betrat, um Frühstücksgeschirr wegzuräumen. Da die E-Schlüssel nur die Eintrittszeit anzeigen, nicht aber den Zeitpunkt des Verlassens eines Zimmers, ist unklar, wie lange sich Haque im Zimmer von DSK aufhielt. Der Sofitel-Angestellte weigerte sich überdies, von DSKs Verteidigern einvernommen zu werden. Es könne «nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Dominique Strauss-Kahn Ziel eines vorsätzlichen Versuchs war, ihn als politische Kraft auszuschalten», kommentierte William Taylor, einer der DSK-Anwälte, Epsteins Bericht. Man darf nun gespannt sein auf weitere Reaktionen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.11.2011, 23:53 Uhr
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36 Kommentare
DSK ist sicher kein unschuldslamm, aber das es sich dabei um eine politische Farce hätte handeln können kann ich mir durchaus vorstellen. Was war denn zu der Zeit von Botschafter Bohrer wo der Blick im ein riesen Ei gelegt hat, als er anschliessend die Flucht ergreiffen musste? Antworten
Tatsache ist, dass DSK Frauen als Freiwild ansieht und sich gebärdet wie arroganter, rücksichtloser Chauvinist. Er ist für sich selbst das grösste Problem. DSK ist selbstverschuldeterweise politisch tot, das können auch seine Glaubensgenossen nicht ändern. Antworten
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