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Das Dilemma der Latinos

Von Walter Niederberger, Reno. Aktualisiert am 04.02.2012 1 Kommentar

Bei den heutigen Vorwahlen in Nevada hängt vieles von den Stimmen der Latinos ab. Ihr politischer Unmut hat in letzter Zeit stark zugenommen. Besonders schlecht fällt das Urteil über Favorit Mitt Romney aus.

Demonstrierten für eine leichtere Einbürgerung: Latinos am 1. Mai 2006 in Las Vegas.

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US-Vorwahlen: Die Republikaner im Rennen

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Mehr als jeder andere Staat verkörpert Nevada den neuen Westen der USA. Hier sind die Latinos die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe; ihr politischer Einfluss wächst, und ihre Stimme wird immer wichtiger. Ohne sie hätte Barack Obama 2008 nicht gewonnen. Für Mitt Romney, den klaren Favoriten unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, sieht es aus dieser Optik nicht sonderlich gut aus. Seine harsche Anti-Einwanderungs-Rhetorik stösst viele Wähler ab und verärgert Führer der Latinos, die Nevada zu einem republikanischen Stützpunkt des Westens machen wollen. Nevada ist trotz seiner geringen Stimmenzahl dieses Jahr zu einem der entscheidenden Gradmesser geworden. Die US-Politik wird zunehmend von den Latinos geprägt, ihre Stimmkraft ist in den letzten zehn Jahren um ein Mehrfaches schneller gewachsen als die der Weissen. Auch haben sie die Afroamerikaner überholt und werden gemäss der letzten Volkserhebung im Jahr 2050 sogar die grösste Bevölkerungsgruppe sein.

«Obama hat nichts getan»

Die Republikaner allerdings tun sich schwer, diese Stimmen zu gewinnen. So wird Nevada seit 2010 zwar erstmals von einem republikanischen Gouverneur hispanischer Herkunft geführt, doch hat es Brian Sandoval nicht geschafft, die Partei für Latinos attraktiver zu machen. Daran sind nicht nur Sex- und Korruptionsskandale republikanischer Politiker schuld, sagt Jesse Gutierrez. «Viele Latinos haben genug von Präsident Obama. Er hat eine Reform der Einwanderungspolitik versprochen; getan hat er nichts», erklärt der frühere Direktor der Nevada Hispanic Services, der einzigen privaten Fürsorgeorganisation der Latinos des Staates. «Doch die republikanischen Kandidaten sind noch schlimmer. Von einem mitfühlenden Konservatismus ist nichts zu spüren.»

Besonders schlecht fällt sein Urteil über Mitt Romney aus. Dessen aggressive Rhetorik gegenüber illegalen Einwanderern stosse die Latinos vor den Kopf. An sich vertrete Romney die gleichen Werte, wenn es um die Familie, den Glauben oder die unternehmerische Freiheit gehe. Aber eben: Die Immigrationsfrage ist für viele Latinos der ultimative Gradmesser, mit dem sie Kandidaten beurteilen. Dabei wären die Latinos beinahe perfekte Republikaner. Ihre Vorstellungen einer intakten Familie, einer religiös ausgerichteten Lebensführung, einer Anti-Abtreibungs-Politik und des arbeitsamen Unternehmers könnten dem republikanischen Parteibuch entnommen sein.

Die Casinos sind leer

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus: 67 Prozent aller wahlberechtigten Latinos bezeichnen sich als Demokraten. Aber nur 20 Prozent sehen sich als Republikaner, wie eine Umfrage des Pew Hispanic Center ergab. Nevada mit einem Latino-Anteil von 27 Prozent zeigt exemplarisch, warum die Kluft derart gross ist. Die wirtschaftliche Lage der Latinos ist beklemmend und hält sie davon ab, für Kandidaten zu stimmen, die ausser Steuersenkungen keine Rezepte liefern. Real gesehen ist Nevada wirtschaftlich der am meisten geschwächte Staat. Die Arbeitslosigkeit von 13 Prozent ist landesweit die höchste. Die Casinos – die grosse Einnahmequelle von früher – sind leer. Die Baubranche leidet unter den fehlenden Investitionen. Die Casino-Mogule stecken ihre Gelder lieber ins chinesische Spielerparadies Macao, wo höhere Gewinne winken und die Konkurrenz geringer ist.

Kein Wunder, dass eine solch düstere Lage die Weltuntergangspropheten auf den Plan ruft und Sekten florieren. Die meist katholischen Latinos wandern zu Freikirchen ab. Die Botschaft dort ist wenig ermutigend. «Die Bibel sagt, die Zeiten werden noch schlechter, bis die Endzeit naht», sagt Abraham Montalvo auf die Frage, welche Wahlempfehlung er seinen Gläubigen macht.

Montalvo führt die Iglesia Cristiana Monte Sinai, eine Pfingstgemeinde von etwa hundert Gläubigen, eine von einem Dutzend Sektenkirchen in Reno allein. Die Kirchgänger sind überwiegend Einwanderer aus Zentralamerika. Abraham Montalvo bestätigt, dass viele Latinos ihre Stelle verloren haben und unschlüssig sind, wen sie wählen sollen. Sein Sohn, Moses, hat eine Stelle als Autowäscher und klagt, dass die Regierung nicht genug tut, um den Erwerbslosen zu helfen. Dennoch will er einen republikanischen Kandidaten wählen.

Schwer berechenbare Region

Nevada ist exemplarisch für den Neuen Westen, der seine konservative Vergangenheit ablegt und eine von Einwanderern aus dem Süden geprägte Mischgesellschaft wird. Arizona, New Mexico, Colorado gehören dazu. Es bildet sich hier eine volatile und schwer berechenbare Politregion, die ihre Meinung rasch ändern kann. 2004 machte George W. Bush in Nevada 40 Prozent der Latino-Stimmen und wurde gewählt. John McCain holte 2008 nur 31 Prozent und wurde nicht gewählt. Obama würde Romney gemäss der letzten Befragung mit 67 zu 24 Prozent der Latino-Stimmen übertrumpfen. Will sich Romney im November durchsetzen, muss er seinen Kurs massiv ändern. «Wer hier gewinnen will, muss lernen, mit den Latinos zu reden und sie zu verstehen», sagt der Politologe Erik Herzik. Die Lernzeit dafür ist freilich sehr kurz. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2012, 14:57 Uhr

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1 Kommentar

Sam Pirelli

04.02.2012, 17:54 Uhr
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Einmal mehr: So macht Zeitunglesen Freude. Mein längst fälliges Kompliment an die Herren Niederberger und Kilian: Ihre Artikel sind stets profund, sie beleuchten das jeweilige Thema objektiv und aus verschiedenen Blickwinkeln, sind sorgfältig recherchiert - und beide Autoren können beherrschen ihr wichtigstes Werkzeug, die deutsche Sprache. Einst selbstverständlich - heute wohltuende Ausnahme. Antworten



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