«Ich bin ein Bauchmusiker»

Tobias Preisig ist ein leidenschaftlicher Jazzmusiker. Und das, obwohl er Geige spielt, das Instrument der klassischen Musik schlechthin. Am Freitag stellt er im Bejazz Club in den Vidmarhallen sein Debütalbum vor.

Ein leidenschaftlicher Exot: Der Geiger Tobias Preisig hat sich dem Jazz verschrieben – für Klassik konnte er sich nie recht erwärmen.

zvg/Tabea Hueberli

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«Ich bin eher ein Bauchmusiker», sagt Tobias Preisig, blickt dabei in die warme Frühlingssonne und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er beschreibt die unermüdliche Suche nach dem magischen Moment, wenn die Musik einfach aus dem Innern fliesst. Und davon, dass auch er diesen Moment nicht immer erreicht, wenn er auf der Bühne steht. «Der Ablösungsprozess vom theoretischen Denken dauert lange», fügt er an.

Folgenreiche Begegnung

Mehr durch ein Gefühl als durch einen bewussten Entscheid wurde dann auch vor Jahren aus dem braven Geigenschüler ein fanatischer Jazzmusiker. «Ich war etwa zwölf Jahre alt und bin nur widerwillig in ein Musikschullager mitgegangen», erinnert sich Preisig an seine erste folgenreiche Begegnung mit dem Jazz. «Eine Bigband war auch dabei. Ich hängte die ganze Woche mit den Typen der Band herum und habe ihnen bei den Proben zugehört, bis mich der Leader aufforderte, doch einfach mit der Geige mitzuspielen. Da hat es mich total reingezogen.»

Um in der Bigband nicht nur die Soli spielen zu können, lernte Preisig daraufhin rudimentär das Saxofonspiel. «Die Soli spielte ich aber nach wie vor auf der Geige, weil ich eigentlich gar nicht Saxofon spielen konnte», bekennt er lachend. Gleichzeitig hörte er sich durch alle möglichen Jazzplatten, die ihm in die Finger kamen: Alles, was irgendwie mit Jazz zu tun hatte – besonders aber die alten Bebop-Klassiker – sog der junge Geiger begierig auf und versuchte die Soli auf seinem Instrument nachzuspielen.

Jazzstudium in New York

Einige Jahre später, Preisig war gerade mal 17 Jahre alt, schrieb er sich als erster Geiger an der Swiss Jazz School in Bern ein und wechselte im Jahr darauf nach New York. Da an der Jazzschule niemand Geige unterrichtete, waren seine Lehrer Saxofonisten, Pianisten oder Trompeter, sogar bei einem Schlagzeuger nahm Preisig Stunden: «Das war teilweise schon frustrierend. Der Lehrer spielte auf dem Saxofon eine Linie vor und ich musste danach enorm lange ausprobieren, bis ich es endlich auch auf der Geige schaffte. Viele dieser Bebop-Themen, die du während dem Studium lernen musst, liegen einfach total beschissen auf der Geige.» Trotzdem glaubt er, dass es ein Vorteil gewesen sei, stets bei Lehrern studiert zu haben, die ein anderes Instrument spielten als er selber: «So musst du von Anfang an deinen eigenen Weg suchen und eine eigene Sprache entwickeln.» Dass er nie bei einem Geigenlehrer studierte, war dann aber auch der Grund, warum sich Preisig nach seiner Zeit in New York doch noch am Konservatorium Zürich einschrieb, «um das Handwerk einmal so richtig zu lernen», wie er sagt. Dennoch, zur Leidenschaft wurde die klassische Musik nie. «Ich bin ganz klar Jazzmusiker», bekennt Preisig ohne zu zögern. «Die Klassik habe ich einfach zu wenig gelebt. Was sind schon zwei Jahre Studium der klassischen Musik gegen fünfzehn Jahre Jazz?»

Feines Gespür

Soeben ist auf dem kleinen, aber renommierten New Yorker Label ObliqSound das Debütalbum des 28-jährigen Geigers erscheinen. «Flowing Mood», so der Titel der CD, macht deutlich, weshalb sich Preisig als Bauchmusiker bezeichnet. In elf Stücken fasst er mit feinem Gespür für grosse melodische Bögen Stimmungen von Orten in Musik. Einige Titel wie der Opener «Hardbrücke» haben direkten Ortsbezug; andere, wie etwa «Waldspaziergang», bleiben vage. Begleitet wird Preisig vom Ausnahmepianisten Stefan Rusconi, dem Bassisten André Pousaz sowie dem Schlagzeuger Michi Sulz. Mit zurückhaltendem und variantenreichen Spiel öffnen sie den Raum für Preisigs ausschweifende Melodielinien.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 31.03.2010, 08:12 Uhr

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