Anti-Oper in der Reitschule

«Neither» vom US-Komponisten Morton Feldman (1926–1987) ist eines der wunderlichsten Musiktheaterwerke der Geschichte. Morgen lädt Konzert Theater Bern zur Premiere in der Reitschule.

«Die Halle ist fantastisch»: Regisseur Matthias Rebstock, Bühnenbildnerin Sabine Hilscher und Dirigent Stefan Schreiber (v.l.)in der Reitschule.

«Die Halle ist fantastisch»: Regisseur Matthias Rebstock, Bühnenbildnerin Sabine Hilscher und Dirigent Stefan Schreiber (v.l.)in der Reitschule. Bild: Urs Baumann

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Er war ein Unikum: Morton Feldman, genannt Morty, Sohn eines Kinderjackenherstellers aus New York. Bald aufbrausend und beleidigend, bald verführerisch-verspielt zeigte er sich in Gesprächen. Umso mehr pflegte er als Komponist die Kunst der Zurückhaltung. Feldman habe «weite, stille, schmerzlich schöne Klangwelten» geschaffen und damit einen «unerforschten Raum» geöffnet, schreibt Alex Ross in seinem Buch «The Rest Is Noise».

Vom klassischen Komponieren hatte er früh die Nase voll. Morton verschrieb sich der Verweigerung, der radikalen Reduktion. Und er traf sich darin mit John Cage (1912–1992), dem anderen grossen US-Avantgardisten, der exakt 4 Minuten und 33 Sekunden Stille komponierte («4´33´´»). Ausgerechnet dieser «Morty» soll eine Oper komponiert haben? Tatsächlich: 1977 fand im Teatro dell’Opera in Rom die Uraufführung von Feldmans «Neither» statt. Untertitel: «Oper in 1 Akt, für Solosopran und Orchester». Librettist: Samuel Beckett, Literaturnobelpreisträger und Schöpfer von «Warten auf Godot».

Seltsamstes Libretto der Welt

Beckett und Feldman hatten sich im Jahr zuvor in Berlin getroffen – und waren sich rasch einig, dass sie Oper als Kunstform ablehnen. «Ich habe es nicht gern, wenn meine Worte vertont werden», sagte Beckett. Dennoch schuf er für Feldman so etwas wie ein Libretto. Rätselhafte, hoffnungslos verkeilte Worte, notiert auf einer Serviette (oder nach anderer Quelle per Postkarte geschickt): «Hin und her im Schatten vom inneren zum äusseren Schatten / vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Unselbst / durch weder noch.» Feldman komponierte einen Einakter mit Becketts Worten, gesungen von einer einsamen Sopranstimme, getragen von weit gespannten Klangflächen.

Und das soll eine Oper sein? Matthias Rebstock lacht. Der deutsche Regisseur hat mit Bühnenbildnerin Sabine Hilscher und Dirigent Stefan Schreiber den Auftrag erhalten, das Werk für Konzert Theater Bern zu inszenieren. Nicht im Stadttheater, sondern in der Grossen Halle der Berner Reitschule.

Rebstock ist wie Hilscher und Schreiber ein Spezialist für zeitgenössisches Musiktheater. «Eine Oper mit einer Person, das ist an sich schon was Absurdes», sagt er. «Es gibt keine Geschichte, die man als Regisseur interpretieren könnte. Aber es gibt eine Grundsituation, die existenzielle Fragen aufwirft: Wer bin ich? Was ist das Fremde in mir?»

Die Grosse Halle der Reitschule sei «fantastisch», schwärmt Rebstock. Das Publikum sitzt inmitten einer Bühneninstallation, die mit der Musik einen Raum für «Assoziationen und Geschichten» öffnen soll. Und worin besteht die Herausforderung für das Berner Symphonieorchester? «Leise spielen!», sagt Dirigent Stefan Schreiber. Feldman verlange in der Partitur oft «so leise wie möglich» oder auch «as soft as possible». «Das ist mit einem 70-köpfigen Orchester gar nicht so einfach, aber die Musiker machen es toll.»

Premiere: Fr, 19.April, 19.30 Uhr, Grosse Halle, Reitschule. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 18.04.2013, 10:07 Uhr)

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